"Autismus-Sonntag"

Aufklärung und Information über die genetisch bedingte Erkrankung

Stefan Felkel bei "Kompass Leben" in Herbstein.
Fotos: Privat

10.02.2024 / HERBSTEIN - Am Sonntag, 11. Februar, ist Autismus-Sonntag. Er findet jährlich am zweiten Sonntag im Februar statt. Dieser besondere Tag, mit Ursprung in Großbritannien, findet seit 2002 in der ganzen Welt Beachtung. Kompass Leben nimmt den Autismus-Sonntag zum Anlass, um über Symptome von Menschen mit Autismus zu informieren sowie Wege zur Beratung und Förderung aufzuzeigen.



In der Werkstatt für Menschen mit Beeinträchtigung von Kompass Leben in Herbstein arbeitet Sebastian Hüter. Er kommt aus Lauterbach und ist 27 Jahre alt. Nach Abschluss seiner Schulzeit und mit Eintritt in den Berufsbildungsbereich bei Kompass Leben diagnostizierte man bei ihm den "Atypischen Autismus". Dies ist eine von drei Kategorien, die bei der Diagnose Autismus unterschieden werden. Sie fällt neben dem Frühkindlichen Autismus und dem Asperger-Syndrom oder Hochfunktionalem Autismus unter den Sammelbegriff "Autismus-Spektrum-Störung".

Bei Menschen mit Atypischem Autismus sind in der Regel nicht alle Symptombereiche des Autismus voll ausgebildet oder sie überschneiden sich zum Teil mit dem Frühkindlichen Autismus oder dem Asperger-Syndrom. Allen Autismus-Formen ist gemein, dass Betroffene schwerwiegende Entwicklungs- und Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen zeigen.

Sebastian ist mit sich und der Welt im Reinen, wenn er täglich in der Werkstatt bei Gruppenleiter Michael Röhmeier Bienenrahmen drahten kann, das sagt er im Gespräch und das bestätigt auch sein Gruppenleiter, der ihn seit zwei Jahren gut kennengelernt hat. "Ich möchte gar nichts anderes machen", sagt Sebastian. Ist der eine Bienenrahmen fertig, legt er an seinem festen Sitzplatz in der Werkstatt den nächsten Bienenrahmen auf und fängt an, ihn von rechts nach links vier Mal mit einem Draht fest zusammen zu ziehen. Die Drahtung des Bienenrahmens ist wichtig, denn ohne Drahtung würde die Bienenwabe beim Honig schleudern später brechen.

"Stefan braucht feste Strukturen, sonst funktioniert gar nichts"

Symptomträger von atypischem Autismus ist auch der 56-jährige Stefan Felkel aus Homberg Nieder-Ofleiden. Er kam vor 32 Jahren zu Kompass Leben, berichtet Annette Walther vom Sozialdienst. Und Axel Möller, Gruppenleiter erinnert sich an die Zeit, wie er, als Stefans jahrelange feste Bezugsperson, mit ihm zusammen von der Kompass Leben Werkstatt in Alsfeld-Altenburg an den neuen Standort der REHA Werkstatt in Alsfeld, in der Theodor-Heuss-Straße umzog. "Wir haben ein halbes Jahr gebraucht, bis Stefan zum ersten Mal mit zum neuen Standort gekommen ist", schildert er. Denn für Autisten hat jede Veränderung oder Neuerung größtmögliche Auswirkungen. "Stefan ist jemand, der braucht ganz feste Strukturen", sagt Annette Walther. "Sonst funktioniert gar nichts."

Stefan konfektioniert Kabel, das heißt, er stellt anschlussfähige Kabel her. Nebenher bastelt er gerne. Sein Schreibtisch ist immer aktuell zur Jahreszeit dekoriert. Aktuell zieren duzende Harlekinköpfe seinen Tisch, passend zur Karnevalszeit. Nahezu alle Karnevalsvereine der Region und auch darüber hinaus hat er darauf bedacht. Das heißt von der Fastnachtsvereinigung Herbstein bis nach Essen und Köln finden sich bunt bemalte Köpfe mit Beschriftung. "Die Dekoration wechselt aber auch", weiß Annette Walther, "denn Stefan bastelt für jede Jahreszeit und jedes Fest passende Figuren." Autisten werden oft auch Inselbegabungen zugesprochen. Bei Stefan zeigt sie sich so, dass er jede Flagge der Welt kennt und auch das jeweilige Land dazu benennen kann, wenn er sie sieht.

Autismus ist genetisch bedingt

Der Bundesverband autismus informiert, dass statistisch unter 1000 Menschen etwa 6 bis 7 Menschen mit Autismus leben. Viele Quellen berichten außerdem davon, dass die Zahlen mit Symptomträgern steigen. Über die Ursachen für die Entstehung hat die Wissenschaft keine gesicherten Kenntnisse, bis heute. Aktuellste Forschungsergebnisse sprechen von genetischer Bedingtheit. Autismus ist keine Krankheit und wird daher auch nicht als heilbar angesehen.

Ein Gehörschutz kann schon sehr viel bewirken

Die Auswirkungen von autistischen Störungen behindern auf vielfältige Weise die Beziehungen zu Mitmenschen und die Teilnahme am Leben in der Gemeinschaft. Deshalb benötigen Betroffene eine autismusspezifische Förderung, um die Teilhabebeeinträchtigungen soweit wie möglich ausgleichen zu können. Die Entwicklung von Kindern mit Autismus ist von Beginn an verändert. Sie sind weniger an anderen Menschen, statt dessen mehr an Gegenständen oder ganz bestimmten Themen interessiert. Häufig sind Eltern schon früh um die Entwicklung ihrer Kinder besorgt. Hier bietet die Erstberatung der Frühförder- und Beratungsstelle von Kompass Leben, die in Alsfeld und in Lauterbach vor Ort erreichbar ist, eine gute Möglichkeit für Eltern, um über ihre Gedanken und Beobachtungen ihrer Kinder zu sprechen. Sandra Geisensetter in Lauterbach und ihrer Kollegin Hellen Leuner-Abel in Alsfeld begleiten Eltern im Diagnoseprozess.

"Wenn Eltern zu uns kommen, sind ihre Sorgen groß", berichtet sie. Vollgepackt mit schlechten Erfahrungen und Ängsten über die Zukunft ihrer Kinder kämen sie fast am Ende ihrer Kräfte zur Beratung. Auch die Kinder seien zu dem Zeitpunkt oft an am Punkt des "Überladen-seins". "In dem wir äußere Reize herausnehmen, können wir schon eine große Entlastung bei den betroffenen Kindern erreichen", sagt Helen Leuner-Abel. Zum Beispiel könne ein Gehörschutz oder ein immer gleicher Platz im Kindergarten einem autistischen Kind enorm viel helfen. Um einen größtmöglichen Effekt für betroffene Kinder zu erzielen, arbeitet das Team der Frühförder- und Beratungsstelle von Kompass Leben mit Kindergärten zusammen. "Die Zusammenarbeit mit Kindertagesstätten hat in der Vergangenheit gezeigt, dass insbesondere Kinder, bei denen Auffälligkeiten aus dem Autismus Spektrum vermutet werden, von diesem Austausch sehr profitieren", sagt Sandra Geisensetter. "Unsere Beratung ist kostenlos und bietet Eltern die Möglichkeit, sich eine Meinung von außen zu holen." (pm) +++

Sebastian Hüter und Michael Röhmeier.

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