Gespräche aus der Warzone - Teil 12

Zwischen den Jahren – zwischen den Kriegen

Das Bild wurde gestern am Flughafen Tel Aviv gemacht
Foto: Gaby Goldberg

30.12.2023 / TEL AVIV / FULDA - Die Tage nach Weihnachten sind die Zeit der Rückblicke, der Reflexionen und der guten Vorsätze. Während die westliche Welt Weihnachten gefeiert hat und sich auf Silvester vorbereitet, tobt der Krieg im Gaza-Streifen mit größerer Härte als zuvor. Auch an der nördlichen Grenze Israels droht eine Eskalation. Lösungen sind nicht einmal ansatzweise erkennbar.



Weit weg von "tfu-tfu-tfu"

Keine Lösung in Sicht, das gilt auch für die rund 130 noch immer im Gaza-Streifen festgehaltenen israelischen Geiseln. Hier scheinen sie allmählich aus dem Bewusstsein zu verschwinden, in Israel ihr Schicksal sehr präsent. Gaby schreibt:
"Sich für die Befreiung der Geiseln einzusetzen, sollte selbstverständlich und ein globales humanitäres Anliegen sein. Aber davon sind wir weit entfernt. Stattdessen muss Israel in internationalen Gremien um die Aufnahme einer Befreiungsklausel kämpfen, wenn dort Waffenstillstands-Aufforderungen formuliert werden."

Wenn Sie unsere Serie bis hierhin mitgelesen haben, fragen Sie sich vielleicht, wie es Gabys Familie jetzt am Jahresende geht. Sie erinnern sich vielleicht daran, dass ihre beiden Söhne David und Ori gleich zu Kriegsbeginn zum Reservedienst einberufen wurden, ihre Tochter Talja dann Mitte November. Gaby schreibt:

"Alle sind in Ordnung, "tfu-tfu-tfu" (= toi, toi, toi)! Oris Reserveeinheit ist seit Anfang vergangener Woche bis auf Weiteres demobilisiert – möge es so bleiben! Er versucht, sich wieder in sein Leben als Zivilist einzufinden. Er geht es offensiv an und arbeitet wieder, aber ich sehe, wie schwer ihm der Alltag fällt, vor allem, wenn er auf der Liste der Gefallenen Bekannte oder Soldaten seiner Paramedic-Gruppe findet. Seinen Gehörschaden kuriert er im Vertrauen auf die Selbstheilungskräfte der Jugend aus, seine seelischen Wunden in Gesprächen mit Freunden, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie er, und mit Sport und Klavierspiel. Damit hat er vor zwei Tagen wieder begonnen, das erste Mal seit Kriegsbeginn. Mich erleichtert es, denn das ist ein Zeichen dafür, dass er zurückkehrt. David und Talja sind nach wie vor im Reservedienst. Talja noch bis Ende Januar, David wohl länger."

Das Lichterfest Chanukka wurde auch familiär zu einem Lichtblick, denn am letzten Tag von Chanukka waren alle Familienmitglieder das erste Mal seit Juni wieder für 24 Stunden zusammen. Gaby schreibt:

"Das Wochenende war so schön, trotz Raketenalarm zu Beginn des Schabbats mit drei Einschlägen im Ort – einer auf freiem Feld, einer in einen Hochspannungsmast und einer in einen Hühnerstall. Wir haben es tatsächlich geschafft, zwei Minuten vor dem Anzünden der Schabbatkerzen noch ein Familienfoto zustande zu bringen. Mir sind diese Fotos wichtig, wenigstens einmal im Jahr, auch wenn die Kinder meinen Wunsch meist belächeln. Außerdem war es das erste Foto mit Baby. Die Kleine hat bei uns unbestritten Star-Status. Wer sie auf dem Arm hält, gibt sie freiwillig nicht wieder her, denn sie strahlt eine unglaubliche Ruhe aus. Und wenn sie lächelt, ist das ganz großes Kino."

Die Sache mit Israel

Keines von Gabys drei Kindern hat auch nur eine Sekunde gezögert, das eigene Land zu verteidigen. Sie tun das in dem Bewusstsein, dass Israel für Juden auf der ganzen Welt ein Schutzraum ist, die physische und geographische Antwort auf die Shoah, die Realisierung von "nie wieder!" Die Erhaltung der Existenz Israels – das ist das verbindende Element und gemeinsame Ziel, trotz der vielen politischen Risse und Brüche, die sich auch nach fast drei Monaten Krieg durch die israelische Gesellschaft und ihre politische Vertretung ziehen.

Dazu ein Zitat aus Richard C. Schneiders klugem Buch "Die Sache mit Israel": "Israel ist ein überaus komplexes, kompliziertes Land. Die Gesellschaft auf seine extremen Anteile zu reduzieren, macht demjenigen, der ein ganz bestimmtes Weltbild bestätigt haben will, das Leben sicher leicht. Doch damit versteht er oder sie noch lange nicht, wie Israel wirklich tickt. (…)."

Schneiders klarer Blick hilft, die aktuelle, schreckliche Lage zurechtzurücken, und mit empathischem Blick auf das Land zu schauen, mit dem Deutschland aus unterschiedlichen Gründen so eng verbunden ist. Und das weltweit so in der Kritik steht. Vieles davon ist nach wie vor von Antisemitismus geprägt. Man darf nicht vergessen: Die Gründung des Staates Israel war für nicht-jüdische Menschen eine Provokation, für Antisemiten ist sie es bis heute. In meinen Augen ist das der Grund, warum Israel von Anbeginn mit Fragen konfrontiert wurde, die nie (!!) an einen anderen Staat gestellt wurden. Die ‚Hitliste‘ der Verurteilungen durch den UN-Menschenrechtsrat sieht so aus: Israel ist mit 95 Verurteilungen Spitzenreiter, es folgen Syrien (38), Nordkorea (14), Iran und Eritrea (11) Venezuela (2) und Sudan (1). Eine absolut disproportionale Statistik.

Und nur Israel wird immer wieder das Existenzrecht abgesprochen. Nicht einmal Russland, Nordkorea oder China mit ihrer brutalen Eroberungspolitik spricht man dieses Recht ab. Deshalb ist in Israel die Verteidigungsbereitschaft so hoch – grundsätzlich immer, erst recht jetzt nach dem blutigen Massaker der Hamas-Terroristen.

Gaby und ich sind uns einig, dass Israel nicht nur von außen, sondern noch immer auch von innen in großer Gefahr ist. Rechtsextreme Minister verlangen eine härtere Kriegsführung, schärfere Haftbedingungen für palästinensische Häftlinge, eine israelische Besetzung des Gaza-Streifens und die Wiedergründung der 2005 geräumten Siedlungen. Zielführend ist nichts davon, und nichts beantwortet die Frage: Wie kann, wie soll eine Lösung der aktuellen Kriegssituation aussehen?

Mögliche Lösungswege

Dass die Hamas auf palästinensischer Seite zu einer konstruktiven Lösung beitragen kann, ist ausgeschlossen. Gaby dazu: "Allein mit den europäischen Hilfsgeldern hätte die Hamas außer Tunneln und Waffenfabriken längst eine lebenswürdige Umgebung für die Bevölkerung schaffen können. Aber daran hat sie kein Interesse. Ihr Ziel bleibt unsere Zerstörung."

Wer bietet sich dann für eine Lösung an? Die Autonomiebehörde und deren greiser Präsident Mahmud Abbas, der seit 2005 im Westjordanland immer wieder Wahlen verspricht, und sie dann nicht abhält – aus Angst, seine Fatah könnte alle Macht an die Hamas verlieren? Gaby dazu lakonisch:

"Nein. Keine Chance. Erinnerst du dich an die Pressekonferenz im August 2022 in Berlin, als Abbas neben Kanzler Scholz stand und Israel einen Holocaust vorwarf? Im Westjordanland gehört es sowieso zum guten Ton, alles – auch das Nicht-Abhalten von Wahlen – auf "the occupation", die israelische Besatzung, zu schieben. Aus einer solchen Geisteshaltung erwächst kein tragfähiges Konstrukt, jedenfalls keines, in dem nicht wieder vor allem Gewalt gedeiht."

Damit ist auch die in westlichen Medien nach wie vor hoch gehandelte Zwei-Staaten-Lösung vom Tisch. Es scheint, als habe sich ihr Zeitfenster längst geschlossen. Gaby schreibt: "Ich bin keine Politikerin, nur eine aufmerksame Staatsbürgerin. Mein Menschenverstand sagt mir: Das Einzige, was vielleicht erfolgversprechend sein könnte, wäre ein Konstrukt wie für Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, nebst Bildungsprogrammen. Plus eine Neudefinition des auf der Welt einzigartigen Flüchtlingsstatuts der Palästinenser. Das wird seit 1947 (!) in der männlichen Linie vererbt. So generiert man Jahr für Jahr neue "Flüchtlinge" mit Rechtsanspruch auf finanzielle Unterstützung und Rückkehr in einen neu zu bildenden Staat. Statt 710.000 Opfer von Flucht und Vertreibung im Jahr 1947 zählt das palästinensische Flüchtlingshilfswerk der UN, die UNRWA, heute fünf Millionen. Für mich ist das ein weiterer Grund zu sagen: Gaza und das Westjordanland müssen unter effiziente internationale Kontrolle kommen, aber bitte nicht durch die UN."

Ich weiß nicht, ob ich mir diese Ausweglosigkeit wirklich vorstellen kann, aber ich habe zumindest ansatzweise eine Idee davon, was das mit einem macht. Gaby schreibt: "Ich finde keinen passenden Ausdruck für die Stimmungslage, außer vielleicht – vermutlich getrieben von der Realität im Gaza-Streifen – dass das Licht am Ende des Tunnels noch nicht sichtbar ist. Allerdings: Möglicherweise gibt es gar keins, sondern auch dort nur eine Mauer?"

Nur scheinbare Normalität

Im Zentrum von Israel scheint der Alltag einigermaßen regulär zu verlaufen, trotz der Raketenbedrohung aus dem Norden und dem Süden, trotz der zerstörten Orte am Rand des Gaza-Streifens und an der syrisch-libanesischen Grenze, trotz einer Viertelmillion Binnenflüchtlinge, trotz des traumatisierenden Massakers vom 7. Oktober, trotz der täglich steigenden Zahl getöteter und verletzter Soldaten. Gaby schreibt:

"Wenn man von außen auf das Land schaut, wirkt es oft so, als ginge das Leben normal weiter. Die Staus auf den Straßen haben zu den Stoßzeiten fast Vorkriegslänge erreicht, man sieht Menschen in Cafés. Und doch ist alles anders, irgendwie heruntergedimmt und wie unter einem Trauerflor. Die direkte Kriegslast, die Verluste und die Konsequenzen des Armeediensts tragen vor allem die Wehrpflichtigen, die Reservistinnen, Reservisten und ihre Angehörigen. Das ist eine Altersgruppe, die oft gerade eine Familie gegründet oder die ersten Schritte ins Berufsleben gemacht hat. Sie alle zahlen einen hohen persönlichen, häufig auch handfesten wirtschaftlichen Preis."

Die Tage nach Weihnachten sind die Zeit der Rückblicke, der Reflexionen und guten Vorsätze. Auf hebräisch wünscht man sich an Rosch Haschana, also zu Neujahr, "schana tova", ein gutes Jahr. Damit 2024 ein gutes Jahr wird, brauchen wir alle Herkuleskräfte – im Großen wie im Kleinen. (Jutta Hamberger und Gaby Goldberg)+++

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