Nachdreher SG Barockstadt - und Vorausblick
Platz nehmen im Unterhaltungskino Johannisau - Reifeprüfung Hoffenheim II
Ihnen gehört die Zukunft: vorn der dreifache Torschütze Marius Köhl, hinten Moritz Dittmann
Fotos: Carina Jirsch
24.10.2023 / FULDA -
Hereinspaziert. Platz nehmen im Unterhaltungskino Johannisau. Die Kicker der SG Barockstadt Fulda-Lehnerz laden dazu ein. Auch beim 6:2-Heimsieg gegen die TSG Balingen durften sich die Zuschauer zurücklehnen, um zu genießen. Sie brauchen derzeit keinen Cent ihres Eintrittsgeldes zu bereuen. Die wesentlichen Qualitäten der SGB: Ein stabiles und mannschaftlich ausgewogenes Team, das Tore im halben Dutzend lieferte am Samstag. Das nicht nur - wie in der letzten Saison - im Spiel gegen den Ball gefällt, sondern auch im offensiven Eins gegen eins glänzt und Abschlussstärke gewonnen hat. Und das es inzwischen geschafft hat, aus Pressing-Situationen Kapital zu schlagen. Aus all dem aber ein positives Abschneiden im Mittwoch-Nachholspiel bei der U23 des Bundesligisten Hoffenheim zu erwarten, das wäre fahrlässig.
Die SGB hat sich durch den deutlichen Erfolg bis auf Platz sechs der Regionalliga Südwest verbessert. Die präsentiert sich auch wenige Spieltage vor Abschluss der Vorrunde als ausgeglichene Liga. Den momentanen Tabellenführer, die Stuttgarter Kickers, und den Neunten aus Aalen trennen gerade mal sechs Punkte. Hochstimmung herrschte am Samstag auch im Degerloch: Aufsteiger Kickers gewann das Derby in Deutschlands derzeitiger Fußball-Metropole bei der VFB-U21 mit 2:0 - erst acht Gegentore der Kickers sind ein phänomenaler Wert. Das Überraschungs-Team Freiberg verlor zwar gegen Mainz' U23, ist aber ebenso noch im Geschäft wie Eintracht Frankfurts Zweite (2:0 beim Bahlinger SC) und Steinbach Haiger (später 2:1-Sieger in Walldorf). Unterdessen kommt Kickers Offenbach auf Rang zehn nicht von der Stelle, auch der KSV Hessen (1:2 beim wiedererstarkten Homburg) hat etwas abreißen lassen müssen.
Indessen sollte man vorsichtig sein, in Zusammenhang mit dem überzeugenden SGB-Auftritt das Etikett "Spektakel" zu benutzen. Dass das Team aus Fulda einem letztlich sicheren Sieg zustrebte, war nicht nur der Willensstärke des dreifachen Torschützen Marius Köhl zu verdanken. Der schoss binnen 15 Minuten drei Tore: Das 2:1 unmittelbar vor der Pause, Hartnäckigkeit und eine Portion Glück führten ihn zum 3:1 (52.) - und wo das Erarbeitete des Teams hinfällt, legte er Tor Nummer vier nach (59.).
Qualität in offensiven Eins-gegen-eins-Situationen
Balingens Trainer Martin Braun - einst Bundesliga-Profi beim SC Freiburg und Mitspieler von Harry Decheiver, Alain Sutter oder Jens Todt - erkannte: "Fulda hat in offensiven Eins-gegen-eins-Situationen Qualität gezeigt. Auch im Abschluss. Gegen uns ist es derzeit zu leicht, Tore zu schießen." Denn hätte sich die TSG Balingen, die in der ersten Hälfte technisch bemerkenswert guten Fußball bot und nach den Rückständen positiv blieb, bei der Verteidigung der drei genannten Tore nicht so dusselig (jedenfalls nicht regionalliga-tauglich) angestellt - dann hätte es durchaus sein können, dass der Vergleich auch einen anderen Ausgang genommen hätte.
Über die letzten Heimspiele der SGB kann man fast eine Schablone legen. Die Stationen und Stimmungsbilder auch am Samstag: Wacher und fokussierter Beginn - nach der Führung den Faden verloren - eine Portion Glück, nicht in Rückstand zu geraten - sich irgendwie zurückkämpfen und, wie am Samstag, idealerweise mit einer Führung in die Pause gehen - den Gegner in Halbzeit zwei mit stark verbessertem Pressing unter Druck setzen - einen mehr oder minder klaren Vorsprung zu erkämpfen und zu erspielen - wieder nachlässig zu werden und defensive Räume anzubieten - das Spiel aber als Sieger zu beenden.
Gören: Das 2:1 hat uns einen Schub gegeben - komplette Offensive ist erst 21 oder 22
"Das 2:1 hat uns sehr geholfen", befand auch Sedat Gören, "es hat uns einen Schub gegeben. Wir gehen mit Selbstvertrauen und breiten Schultern in die Pause". Auch der SGB-Trainer wirkte froh und erleichtert, dass bei Marius Köhl nach Wochen, in denen er glücklos agierte, Befreiung und Wiederbelebung folgten. Der Konten platzte. "Die Jungs sind alle 21 oder 22. Unsere komplette Offensive. Sie haben Höhen und Tiefen. Das ist in diesem Alter ganz normal. Wir appellieren immer wieder, weiter dranzubleiben, an Abschlüssen und Dribbling zu arbeiten." Ziel müsse es jetzt sein, die Phase zu verkürzen zwischen guten Leistungen und nicht so präsent zu sein fürs Team.
Nächste Ausfahrt Sinsheim: Die Aufgabe im Nachholspiel bei der U23 des Bundesligisten TSG Hoffenheim am Mittwoch (19 Uhr, Dietmar Hopp-Stadion) kommt für die SGB als eine Art Reifeprüfung daher. Auch wenn zuletzt beim 2:1 gegen Mainz' U23 der erste Sieg gegen das U-Team eines Bundesligisten glückte: die Prüfung in Hoffenheim ist speziell.
Wieder reingebissen ins Spitzenfeld
Hoffenheim hat sich wieder reingebissen ins breite Spitzenfeld der Liga. Das Nachwuchsteam aus dem Kraichgau hat zwar bereits fünf Niederlagen (und dabei trotzdem erst 13 Tore kassiert), aber auch schon sieben Siege zu Buche stehen - bei der Dreipunkte-Regelung kann man mit dieser Bilanz noch leben. Dem unglücklichen 1:2 bei Eintracht Frankurts U21 zu Beginn dieses Monats folgten ein 4:0 gegen die TSG Balingen und jetzt ein 3:1 bei Aufsteiger Schott Mainz, dem kommenden Heimspiel-Gegner der SG Barockstadt. Hoffenheim musste sich da schon strecken und ließ eine erhebliche Steigerung im zweiten Abschnitt folgen, das erlösende 3:1 fiel erst fünf Minuten vor Schluss.
Im von Vincent Wagner trainierten Team stehen einige Akteure, die damit liebäugeln, in den Bundesliga-Kader zu rutschen - Innenverteidiger Joshua Quarshie etwa, oder Quincy Butler. Die SGB muss sich darauf einstellen, hohes Tempo zu verteidigen, auf schnelle Spielverlagerungen zu reagieren und, auch durch permanentes Helfen, defensive Halbräume zu schließen. Aus zwei Vergleichen der letzten Serie hat sie hinreichend Erfahrungen sammeln können. (wk)
OSTHESSEN|NEWS wünscht der SG Barockstadt einen guten und beherzten Auftritt - und ein positives Abschneiden. +++