Gespräche aus der War Zone – 4

Eine Rakete lässt den Hass aufflammen - wachsender Antisemitismus bei uns

Das durch einen Raketeneinschlag zerstörte Ahli Arab-Krankenhaus in Gaza, bei dem Hunderte getötet wurden.
Foto: picture alliance / NurPhoto | Majdi Fathi

19.10.2023 / TEL AVIV/FULDA - Eigentlich hätten die Besuche hochrangiger Politiker in Israel und den benachbarten Ländern, die gestern begannen, Hoffnung bringen sollen – Hoffnung darauf, alle einer Lösung näherzubringen. Eigentlich – und dann kam alles ganz schnell ganz anders.



Ein Raketeneinschlag mit verheerender Wirkung

Am Dienstag landete Bundeskanzler Scholz als erster ausländischer Regierungschef in Tel Aviv. Ein Solidaritätsbesuch, aber natürlich auch ein Austausch auf höchster diplomatischer Ebene. In einer ersten Pressekonferenz wiederholte Scholz, was seit dem 7. Oktober in Deutschland oft wiederholt wurde: Israels Sicherheit und die seiner Bürger ist deutsche Staatsräson. Was genau heißt das aber? Wie erfüllt man diesen Satz mit Leben? Bislang waren das wohlfeile Worte, die nie einer harten Probe unterzogen wurden. Ein anderer Satz aus seiner Rede berührte mich dafür im Innersten: "Jüdisches Leben in Deutschland ist ein Geschenk." Ja, das ist es – und man kann es sich oder anderen nicht oft genug klarmachen.

Der Abend aber endet furchtbar – in einem Krankenhaus in Gaza schlagen Raketen ein. Das jedenfalls sagt die Hamas, die auch über Hunderte ziviler Opfer berichtet. Es lässt sich unabhängig nicht überprüfen, ob das stimmt oder nicht. Viel schwerer aber wiegt, was die Hamas mit der Rakete gleich auch in die Welt schickt: Eine sofortige Eskalation der ohnehin angespannten Lage. Denn sie beschuldigt sofort Israel der Täterschaft, das israelische Militär weist das von sich und machte eine fehlgeleitete Rakete des Islamischen Dschihad als Urheber des Unglücks aus. 

Gaby und ich neigen dazu, dem israelischen Militär Glauben zu schenken. Denn keine andere Armee der Welt ist so geübt darin, Präzisionsschläge auszuführen, so war es hier schon mehrfach zu lesen. Das ist der eine Grund. Der andere ist eine sehr profane Frage: Wer profitiert von diesem Anschlag auf unschuldige Zivilisten? Die Antwort ist so einfach wie erschütternd. Nicht Israel. Sondern diejenigen, denen ein Menschenleben noch nie viel bedeutet hat und die immer nur vorgaben, sich für die Belange der Palästinenser einzusetzen. Die Hamas gewinnt, weil sie erbarmungslos über Leichen geht. Terror und Judenhass gewinnen. Das zeigen die Reaktionen in arabischen Ländern, aber auch in Deutschland: wütende Mobs auf den Straßen, Aufruhr und Judenhass. Der Druck der Straße war so hoch, dass die geplanten Gespräche zwischen US-Präsident Biden, dem jordanischen König sowie Palästinenserpräsident Abbas noch gestern abgesagt wurden. Das Eskalations-Potential wächst weiter.

Was mich mindestens so sehr mitnimmt: In Deutschland fürchten jüdische Menschen um ihr Leben – wie nie seit dem Jahr 1945. Ihre Häuser werden mit dem Davidsstern markiert, ihre Einrichtungen stehen unter erhöhter Bewachung. Die Gefahrenlage ist nicht mehr nur abstrakt, sondern verdammt real, gestern wurde ein Brandanschlag auf ein Gebäude der Jüdischen Gemeinde Berlins verübt. Hetze gegen Juden, Hass gegen Juden – all das nimmt aber nicht nur in Deutschland zu. Eine schier unerträgliche Situation. Wie da wieder herauskommen? Es braucht schnell wirksame Lösungen, aber auch tragfähige Strategien für die Zukunft. Wer ist dazu bereit? Wem wird noch zugehört?

Beispiellose Solidarität

Natas und Davids Baby will immer noch nicht auf die Welt kommen, aber bis zum errechneten Termin ist ja noch ein bisschen hin. Der werdenden Mama geht es gut. Gaby schreibt: "Die weiteren guten Nachrichten des Tages – Talja hat Geburtstag, scheint aber deprimiert. Sie hat über 20.000 Dollar an Spenden für kugelsichere Westen gesammelt, für die Einheiten, in denen ihre Brüder dienen. Aber die Armee hat per Dekret ein Vorrecht darauf. Talja hatte alles organisiert – den Aufbau der Spendenseite, die Betreuung, den Westen-Transport. Der ist eine typisch jüdische Geschichte: Von Utah nach New York, und am Ende stellt sich heraus, dass der freiwillige, private Transporteur in einer Jeschiwa ca. 1 km Luftlinie entfernt von uns sitzt. Nun kommen die Westen doch nicht zu den Personen, für die sie gedacht waren. Aber gebraucht werden sie überall. So wie vieles andere. Die Hilfsaktionen, die zum größten Teil von Privatleuten auf die Beine gestellt werden, sind beispiellos."

Eine halbe Million Israelis obdachlos

Gaby berichtet, dass über eine halbe Million Israelis obdachlos ist, vor allem natürlich die aus dem Süden des Landes, wo die Häuser in Schutt und Asche gelegt wurden. Nata und David stellen ihre Wohnung zur Verfügung, wer freien Platz hat, macht es ebenso. In den Nachrichten konnte man von dieser Solidarität schon lesen. Manchmal verbunden mit dem Satz, die Leute organisierten das, was die Regierung nicht zu organisieren in der Lage sei. Auch wenn Armee und Regierung alle aufgefordert haben, ihre Häuser zu verlassen, wenn sie in tendenziell gefährdeten Bezirken leben, tun das viele Israelis nicht, besonders die älteren Menschen. Sie scheinen Angst davor zu haben, in Altenheime gebracht zu werden, jedenfalls dann, wenn es keine Familienangehörigen gibt, die für sie sorgen können.

Gaby schreibt: "Für die Familien wird gesammelt – im Großen und im Kleinen: Kleidung, Essen, Organisation von Spielenachmittagen für die Kinder aus den Orten am Gaza-Streifen, Massagen für die Mütter. Unsere wunderbaren Nachbarinnen verdienen es, dafür ausgezeichnet zu werden. Ich versuche gerade, für mich herauszufinden, wo ich als Erntehelferin arbeiten kann. Aber solange das Baby noch nicht da ist, ist das ein bisschen schwierig. Auch für die Soldaten organisiert man, was man kann – ich koche gerade für eine Gruppe, die sich die ganze letzte Woche ausschließlich von Konserven ernährt hat."

Die Extreme der Nachrichten aus Israel: "Zwei junge Männer aus dem Viertel haben das Morden auf dem Festivalplatz von Re´im überlebt. Sie dienen bereits in ihren Reserveeinheiten." Andererseits die gute Nachricht von Gaby: Ori geht es gut; David hat einen Tag Fronturlaub und ist zuhause. Bei seiner Familie und bei seiner hochschwangeren Frau. Und auch Natas Mutter ist unterwegs, um ihrer Tochter beizustehen. Mögen sie alle viel Glück und Kraft aus diesen gemeinsamen Stunden ziehen.

Nochmal sage ich mir diesen Satz vor: Jüdisches Leben in Deutschland ist ein Geschenk. Und erlebe zeitgleich mit so tiefer Traurigkeit wie großem Verständnis, wie jüdische Besucher, Menschen, die mir sehr am Herzen liegen und die sonst regelmäßig zu den Gedenkfeiern am 9. November nach Fulda kommen, absagen mit Verweis auf die Sicherheitslage. Die Aufgabe, die vor uns liegt, ist riesig. Und sie braucht viele, die mit anpacken. (Jutta Hamberger und Gaby Goldberg)+++

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