Ungewöhnliches Kunstprojekt
Uraufführung im Fürstensaal: "Werkaktivierungen" von Walther und Quell

Fotos: Martin Engel
07.05.2023 / FULDA - "Was wir heute erleben, dürfte das spannendste und ungewöhnlichste Kunstprojekt des Fuldaer Kulturjahres 2023 sein", begrüßte Kulturamtsleiter Dr. Thomas Heiler stellvertretend für den verhinderten Oberbürgermeister das Publikum im Fürstensaal. "Und wenn Michael Quell und Franz Erhard Walther nicht so bescheiden wären, hätten Sie nicht eine Einladung mit dem Titel ‚Werkaktivierungen‘ erhalten, sondern eine mit dem Titel ‚Welturaufführung‘. Denn genau das wird jetzt stattfinden."
Kunst, die nicht ausschließt
Man wäre gern Mäuschen gewesen bei jenem legendären Gespräch zwischen Franz Erhard Walther und Michael Quell im "Karpfen", bei dem sich diese beiden exzeptionellen Künstler die naheliegendste aller Fragen stellten: Warum eigentlich haben wir noch nie etwas zusammen gemacht, und wann genau ändern wir das? Das Kunstverständnis beider ähnelt sich, so entstand die Idee, Kunst und Musik nicht nacheinander oder nebeneinander oder sich verdoppelnd aufzuführen, sondern als substantielle Interaktion.
Das Klangbild des Fürstensaals
Ein Raum ist nicht einfach ein Raum. Der spezifische Abdruck eines Raumes, seine Akustik und die Menschen darin seien zentral für die Kunst, erklärte Susanne Walther in ihrer Einführung ins Werk ihres Mannes. Als Beispiel nannte sie die ausgebrannte Kathedrale Notre Dame in Paris. Hier versuchen derzeit Experten, die unvergleichliche und jahrhundertealte Klanglandschaft wieder zum Leben zu erwecken (New York Times, 05.03.23: "The quest to restore Notre Dame’s glorious sound", https://www.nytimes.com/interactive/2023/03/03/magazine/notre-dame-cathedral-acoustics-sound.html?smid=nytcore-ios-share&referringSource=articleShare). Was für Notre Dame gelte, sei auf jeden Raum anwendbar. Und genauso seien Franz Erhard Walthers Werke auch von jedem Menschen aktivierbar. Seine Werkaktivierung "5 x 2 Holzblöcke" sei seit 1969 sechs Mal aufgeführt worden, darunter in New York, Bremerhaven, Hamburg und Paris – und heute in Fulda. Heute werde sie Kaspar Lehmann Walther aktivieren. Die zweite Werkaktivierung stammt aus dem Jahr 1982, sie werde von Franz Erhard Walther und Kaspar Lehmann Walther gemeinsam aktiviert. Erst durch die Aktivierung werde der Raum mehrdimensional erlebbar – tatsächlich, gedanklich und potentiell.Walthers Werk entsteht in der Auseinandersetzung zwischen Werk und Betrachter – der dadurch zum Mitwirkenden wird. Jede Werkaktivierung ist also einzigartig und nicht wiederholbar. Auch Quells Stück "Anamorphosis II (Polymorphia) ist jedes Mal neu, anders und daher nie exakt reproduzierbar. Es wird in zwei Versionen gespielt. Die Musiker verändern keine Note und lassen auch keine weg, und doch ist die zweite Version völlig anders als die erste. Im Streichquartett Nr. 1 von 2022 verteilen sie sich im Raum und reagieren trotz der Entfernung so sensibel aufeinander, wie man das von Kammermusik kennt.
Sich einlassen ist wichtiger als verstehen wollen
Einfach zu spielen sind Quells Stücke gewiss nicht, und die Instrumente werden noch dazu oft ganz anders gespielt als ‚gelernt‘ – etwa der Bogen längs am Cello entlang gestrichen, die Oboe ohne Mundstück, das Klavier mit Trommelschlegeln oder gleich auf den Klavierhämmerchen gespielt. Es sind Töne, Geräusche, Klänge, Sequenzen, und doch entstehen auch große Spannungsbögen. Mal sitzen die Musiker zusammen, mal bewegen sie sich im Raum, mal verteilen sie sich in unterschiedliche Ecken, manche laufen strümpfig durch den Fürstensaal. Das hat durchaus etwas Experimentelles – was kann ich mit Instrumenten anfangen, welche Klangfarben kann ich schaffen, wie verändert sich der Sound, wenn man Instrumente anders gruppiert, und wie kann ich den Klang fluid verändern?Ich merkte schnell, dass ich aufhören musste, nachzudenken – Quells Hinweis, zunächst einmal ginge es um den sinnlichen Zugang, den man dann gern intellektuell vertiefen könne, war mein Schlüssel. Ist gegen alles Gewohnte musizieren oder die Werkaktivierung nicht so etwas wie der spielerische Zugang, den Kinder zur Welt wählen? Wenn sie fragend ausprobieren und den Dingen dann eine ganz eigene Bedeutung verleihen? Nein, es geht nicht um Holzblöcke oder Stangen im Raum oder um Neue Musik, sondern um das, was man daraus macht und was man darin sieht. Die Frage ist nicht, ob man etwas Bedeutungsvolles tut. Indem man etwas tut, definiert oder assoziiert, entsteht Bedeutung. Meine Bedeutung. Das Publikum im Fürstensaal war restlos begeistert und bedankte sich für den eindrucksvollen Abend mit Standing Ovations. (Jutta Hamberger) +++