Wenn Dinge plötzlich Geschichten erzählen

Der Gerechte von Fulda – Ethan Bensingers Film über Hugo Sichel

Ethan Bensinger zwischen Bella Gusman (Jüdische Gemeinde Fulda) und Hedi Schuhej (Tochter Paul Römhilds und Bewahrerin der Tischdecken)
Fotos: Jutta Hamberger

30.04.2023 / FULDA - Blättern Sie gern in Familien-Fotoalben und lassen sich von den Erinnerungen anrühren? Stellen Sie sich für einen Moment vor, Sie hätten kein einziges Foto, keinen Brief, kein Andenken. Nichts. Absolut nichts. Dann bekommen Sie den Anflug einer Ahnung davon, wie es den meisten Überlebenden der Shoah ging. Und verstehen vielleicht besser, warum zwei Tischdecken einen wahren Sturm der Gefühle auslösen konnten.


Eine schier unglaubliche Geschichte

"Sechs Millionen Juden wurden in der Shoah ermordet, und Hugo Sichel ist doch nur einer von ihnen", sagt ein sichtlich bewegter Ethan Bensinger, als sein Film "Der Gerechte von Fulda" zu Ende ist. "Wir haben 40 Familienangehörige verloren, und von keinem besitzen wir etwas – keine Fotos, keine Geschichten, nichts."  Das blieb so, bis Hedi Schuhej in der Zeitung den Namen Hugo Sichel las und von seiner Verbindung zu Ethan Bensinger erfuhr. Der Anwalt und seine Familie leben in Chicago, und Bensinger ist der Großneffe Hugo Sichels.

Die Geschichte, die "Der Gerechte von Fulda" erzählt, ist berührend, und entfaltet, gerade weil sie so persönlich ist, ihre Wirkung. Sie macht das unfassbare Grauen der Shoah sichtbar, weil sie einem Opfer ein Gesicht gibt. Hugo Sichel ist ein Mensch, mit dem wir uns verbinden können, mit seinem Schicksal und der Geschichte seiner Familie können wir uns identifizieren. Darin waren sich alle im gut besuchten Kanzler-Palais einig – darunter viele interessierte Fuldaer, Bischof Dr. Michael Gerber, Bella Gusman von der Jüdischen Gemeinde Fuldas, die Projektgruppe "Jüdisches Leben in Fulda" von der Winfriedschule, Stadtverordnete, Magistratsmitglieder und Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld.

Hugo Sichel, ein jüdischer Geschäftsmann mit einem Wäschegeschäft in der Karlstraße 42, war über viele Jahre mit Paul Römhild befreundet. Zu Pauls Hochzeit 1930 schenkte er dem Freund zwei handbestickte Tischdecken. Paul Römhild ließ sich von den Nationalsozialisten in seiner Freundschaft nicht beirren, nicht einmal, als er in Gefahr war, denunziert zu werden. Inmitten vieler Menschen, die gleichgültig oder rücksichtslos waren, blieb er mitfühlend. Er versorgte Hugo Sichel mit Lebensmitteln, als Juden kaum noch etwas kaufen konnten. Die Verbindung der beiden Männer blieb bis 1941 eng. Am 8. Dezember 1941 wurde Hugo Sichel mit vielen anderen Fuldaer Juden erst nach Riga, dann nach Auschwitz oder Stutthof deportiert – man weiß es nicht genau – und dort ermordet.

Römhild suchte nach Kriegsende nach seinem Freund, aber er hörte nie wieder etwas von ihm. Seine Tischdecken hielt er in Ehren und bat seine beiden Töchter, es ihm gleichzutun. Die Tischdecken wurden deshalb nicht benutzt, zuletzt hütete sie Paul Römhilds Tochter Hedi Schuhej. Immer wieder fiel im Hause Schuhej der Name Hugo Sichel. Als Hedi Schuhej erfuhr, dass Ethan Bensinger der Großneffe Hugo Sichels war, war für sie klar: Ich gebe ihm die Tischdecken zurück. Das geschah im Februar 2019. "Das war echte Wiedergutmachung", so Ethan Bensinger, "Hedi Schuhej öffnete ihr Herz, und darin ist sie ein Vorbild für uns alle." Sie folgte dem Vorbild ihres Vaters, der für Bensinger ein "Gerechter unter den Völkern" ist. 

Oberbürgermeister Dr. Wingenfeld nannte den Film in seiner Begrüßung ein Dokument zivilgesellschaftlichen Engagements. Es reiche nicht aus, wenn nur Gremien und Offizielle erinnern, gedenken und Brücken schlagen, das müsse zum Anliegen jedes Einzelnen in der Gesellschaft werden. Den Unterschied machten immer einzelne Menschen mit ihrem Engagement und ihrer Leidenschaft. Bensingers Film blättert ganz nebenbei auch ein ganzes Geschichtsbuch auf, denn seine Familie, die Trepp-Sichels, lebten seit 1514 in Fulda und sind damit die älteste jüdische Familie Fuldas. Als der Film vorüber war, sah man in tief bewegte Gesichter, in denen die ein oder andere Träne glitzerte.

Es ist nie leicht, als Jude nach Deutschland zu kommen

Nach der Filmvorführung konnte das Publikum Fragen an Ethan Bensinger (Regisseur), Felix Rudolph-von Niebelschütz (Filmproduzent und Dozent an der Hochschule Fulda), Anja Listmann (Beauftragte für jüdisches Leben in Fulda) und Dr. Thomas Heiler (Leiter Kulturamt und Stadtarchiv Fulda) stellen. Die vielleicht aufwühlendste Frage war, was eigentlich passiere, wenn man als Jude nach Deutschland käme – ob da nicht Hass aufwalle und wie man damit umgehe?

Ethan Bensingers Antwort war brutal ehrlich: "Es ist für mich nie leicht, nach Deutschland zu reisen." Fulda trage er zwar im Herzen, und doch seien Aufenthalte in Berlin oder Frankfurt mit ihren großen jüdischen Gemeinden für ihn einfacher, denn dort könne man jüdisches Leben wieder erleben und höre auch mal Hebräisch auf der Straße. Wenn er hingegen über Land fahre, durch all die kleinen Dörfer und Städtchen, in denen einst Juden gelebt hätten und die jetzt "judenfrei" seien, dann sei das ein großer und kaum erträglicher Schmerz. Er sei mit der Vorstellung aufgewachsen, alle Deutsche seien entweder Täter oder Mitläufer und Zuschauer. Er habe sich lange nicht vorstellen können, dass es auch gute Deutsche gegeben habe, und genauso wenig, dass Juden und Deutsche befreundet sein könnten. Er habe unter der typischen Psychose der zweiten Generation gelitten, denn: "Bei uns war es still", man habe über diesen Teil der Geschichte einfach nicht gesprochen. Anders Paul Römhild. Der schwieg nicht über die Zeit des Nationalsozialismus und vermittelte seinen beiden Töchtern, dass man auch in dunklen Zeiten menschlich bleiben konnte.

Bensinger beendete die Fragerunde mit einer Geschichte, die genauso eindrücklich war wie sein Film: "Gestern ging ich nach meiner Ankunft durch die Kanalstraße, wo meine Großmutter und meine Mutter lebten, dann ging ich durch die Karlstraße, wo Hugo Sichel sein Geschäft hatte. Ich stutzte: Dort sitzen einige ältere Damen – das ist eine von diesen Installationen, die gerade überall in Fulda zu sehen sind – und schauen direkt auf das Haus, in dem Hugos Geschäft war. Und ich dachte mir: Das ist meine Familie. Da ist meine Großmutter, da ist Berta, die in Auschwitz ermordet wurde, dort sitzt Jettchen, die nach Ecuador ging, und da Paula, die nach New York auswanderte. Sie sitzen da und fragen sich, "Was wäre, wenn…?"

Eine Antwort auf diese Frage werden wir nie bekommen. Aber wir können uns um die Gegenwart kümmern und darum, mit den wenigen Zeitzeugen, die noch leben, zu sprechen und ihre Erinnerungen aufzuzeichnen. Wir können in die Archive gehen, die Dr. Heiler als Zentren der Demokratie bezeichnete, und Nachforschungen anstellen. Wir können uns die Fragen stellen, die Ethan Bensinger vor einem Antiquitätenladen in den Sinn kamen, in dessen Auslage er viel Silber und Kristall sah: Was davon gehörte wohl einmal Fuldas jüdischen Mitbürgern? Wer hat damals Besitztümer der deportierten Juden ersteigert? Vielleicht ist die Geschichte von Hugo Sichels Tischdecken gar nicht so ungewöhnlich, wie wir denken. Es wäre doch unglaublich schön, wenn sich das Unglaubliche wiederholen würde und noch mehr Besitztümer ihren Weg zurück zu ihren ehemaligen Besitzern fänden.

Die ausführliche Geschichte und den Film finden Sie hier: www.der-gerechte-aus-fulda.de (Jutta Hamberger) +++

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