Zoff um Ablöse sorgt für Kritik

Noch immer kein Pächter für die Enzianhütte - "Rhöner Kulturgut" in Gefahr?

Noch bis Ende Dezember 2022 Hüttenwirt auf der beliebten Enzianhütte: Georg ("Schorsch") Koch. Das Bild zeigt seine Leidenschaft und die Nähe zu seinen Gästen.
Fotos: Hendrik Urbin

31.10.2022 / HILDERS (RHÖN) - Die Zukunft der beliebten Enzianhütte bei Hilders-Dietges in der Rhön ist weiterhin ungewiss. Bislang ist es dem Alpenverein nicht gelungen, einen neuen Pächter für den überregional bekannten Gastro- und Tourismus-Magneten zu finden. Pächter Georg "Schorsch" Koch (64) hört zum Jahresende nach über 34 Jahren auf. Kritik hagelt es für den Vorstand des Alpenvereins Sektion Fulda als Eigentümer der Enzianhütte. Denn nicht nur die Nachfolge ist offen, auch gibt es Differenzen bezüglich der Ablöse. Viele offenen Fragen und unnötige Anwaltsschreiben erschweren die Lage.



"Seit eineinhalb Jahren steht fest, dass hier oben am 31. Dezember 2022 Schluss ist und ich bin enttäuscht, dass es keinen sauberen Übergang gibt. Wir hängen in der Luft", sagt Hüttenwirt Koch zu OSTHESSEN|NEWS. Damit meint er: "Wir haben Ende Oktober und es ist bisher kein neuer Pächter gefunden. Und zweitens: Ich habe in den mehr als drei Jahrzehnten viel Geld in die Hütte gesteckt und möchte vom Alpenverein einen kleineren fünfstelligen Betrag als Ablöse - beispielsweise für die drei Kühlhäuser, die Kamera-Sicherheitstechnik, die Zimmer-Einrichtung und Mobiliar im Gastraum." Doch der Vorstand stelle sich quer, gehe nicht auf die Forderungen ein.

"Die Neuverpachtung der Enzianhütte wurde Ende Juli diesen Jahres öffentlich ausgeschrieben. Nach Beendigung der Bewerbungsfrist führt unsere Sektion - vertreten durch ein Projektteam Enzianhütte - aktuell Gespräche mit den Bewerbern. Wir sind zuversichtlich diese in nächster Zeit abzuschließen, können aber auf Grund des laufenden Auswahlverfahrens keine näheren Informationen geben", erklärt Michael Rutkowski, 1. Vorsitzender der Sektion Fulda des Deutschen Alpenvereins (DAV), derweil auf O|N-Nachfrage. Und weiter: "Zum einen freuen wir uns über das öffentliche Interesse an der Zukunft der Enzianhütte, zum anderen bitten wir um Verständnis, dass wir zum aktuellen Zeitpunkt keine weiteren Informationen geben können."

"Vegan passt besser nach Berlin-Mitte, aber nicht in die Rhön."


Und es gibt noch einen weiteren Knackpunkt: dem Hüttenwirt Schorsch Koch wird vorgeworfen, aus der Enzianhütte eine Partymeile gemacht zu haben. Das wolle der Alpenverein nicht mehr. Die Hütte soll eher für Wanderer da sein und nachhaltiger und grüner werden. Das sorgt bei Stammgästen für Unverständnis. "Wenn die Enzianhütte schließt, dann verschwindet auch ein großes Stück Kulturgut in unserer schönen Heimat. Das Konzept passt perfekt, hier darf nichts verändert werden", sagt Unternehmer Dirk Bodes aus Fulda und merkt an: "Vegan passt besser nach Berlin-Mitte, aber nicht in die Rhön."

Die beiden Stammgäste Ralf Fladung und Helmut Klüber (aus Hilders) sehen den Pächterwechsel nach über 30 Jahren sehr kritisch. "Georg Koch hat die Enzianhütte zu einem Wahrzeichen in der Rhön gemacht und dafür gesorgt, dass sie auch bundesweit bekannt ist. Die Hütte bietet einfach ein tolles Ambiente und ist damit auch ideal für Feierlichkeiten alles Art, vor allem, da man durch die Lage niemanden stört."

Auch der Fuldaer Wirtschaftsprüfer Hans-Dieter Alt bekräftigt: "Die Enzianhütte zählt zu den bekanntesten Ausflugslokalen in der Rhön. Die Wirtsleute, Birgit und Georg Koch, haben über mehr als 30 Jahre aus einer wenig besuchten Hütte eine weit über die Region hinaus anerkannte Gastronomie entwickelt, die bei der heimischen Bevölkerung wie bei Touristen hohe Anerkennung genießt. Die Enzianhütte ist zu einer Marke geworden, die für die Attraktivität der Rhön eine besondere Bedeutung hat. Nur wenige attraktive Anlaufpunkte hat die Rhön zu bieten, einer ist die Enzianhütte."

Neben der typischen bodenständigen Gastronomie - legendär das Kotelett mit Bratkartoffeln - hätten die von Schorsch Koch organisierten Veranstaltungen die Enzianhütte zu einem Hot Spot Osthessens gemacht. Ein Sonntag auf der Terrasse mit Musik von den Lichtbergkrainern sei ein Highlight im Jahreskalender.

"Das Ende dieser erfolgreichen Symbiose aus Standort und urtypischer Gastlichkeit ruft überall großes Bedauern hervor. Es ist sehr schade, dass Eigentümer und Pächter nicht gemeinsam eine Zukunft der Enzianhütte gefunden haben. Würde man eine Volksbefragung durchführen, wäre das Ergebnis eindeutig. Die Enzianhütte muss in ihrem bisherigen Charakter erhalten werden", so Alt.

Bleibt zu hoffen, dass die Alpenverein-Verantwortlichen ihr Konzept noch einmal überdenken, dass bald ein neuer Pächter präsentiert wird und dass alle Beteiligten der Ära Koch eine gute Lösung für das Ende dieser langjährigen Partnerschaft finden. (Christian P. Stadtfeld) +++

↓↓ alle 7 Artikel anzeigen ↓↓

X