Den Ötztaler Radmarathon vor Augen
Johannes Schäfer: Ein Autodidakt mit Leidenschaft, klarem Kopf und Zielen
Alle Fotos. privat
26.08.2022 / LAUTERBACH -
4.000 Radfahrer, 232 Kilometer, mit dem Kühtai, dem Brenner- und Jaufenpass sowie dem Timmelsjoch sind vier Alpenpässe zu überwinden, zudem 5.500 Höhenmeter: Das ist der Ötztaler Radmarathon, der am kommenden Sonntag zum 41. Mal ausgetragen wird. Gigantische Zahlen. Noch gigantischer sind die Strapazen, die das Fahrerfeld auf sich nimmt und die Leistungen, die es erbringen muss. Dieser Herausforderung stellt sich auch der 26-jährige Johannes Schäfer aus Lauterbach. OSTHESSEN|NEWS hat ihn besucht.
Am Freitag beginnt die Anreise nach Sölden, am Sonntag das Rennen. Sieben Fahrer aus der "Vogelsberger Ecke" treten die Reise an - neben Schäfer gehen Jan Schött aus Angersbach und Daniel Schrimpf aus Stockhausen ambitioniert in das Rad-Spektakel, das seinesgleichen sucht. Auch Schäfers Familie kommt mit: Vater Peter, Mutter Anja und Schwester Julia. Kürzlich probten sie Johannes' Verpflegung beim "Rhön300" in Schondra. "Das haben wir geübt und uns auf den Ötztaler vorbereitet. Es hat sehr gut geklappt", klingt der 26-Jährige zufrieden.
Verpflegungs-Testlauf in Schondra: "Hat sehr gut geklappt"
"Im Endeffekt ist es nur ein Saisonhöhepunkt", zwinkert Schäfer ein bisschen. Vielleicht versucht er, sich ein bisschen die Anspannung zu nehmen. Es ist einer der wenigen Momente, in denen der grundehrliche, ehrgeizige und aufgeschlossene Typ ein wenig flunkert. "Bergziege" steht auf seinem Shirt - und es scheint, als sei dieses Etikett Programm. Seit Dezember vergangenen Jahres trainiert der 26-Jährige auf das spezielle Event hin. 15 bis 20 Stunden pro Woche ist sein Umfang seitdem. Strikt nach Trainingsplan. "Den mach' ich mir selber", ergänzt er. Als wäre es eine Selbstverständlichkeit.
Im Vorjahr Appetit bekommen - in der Spitze landen Ex-Profis
Akribisch bereitet sich Johannes Schäfer auf seine Wettkämpfe vor. Auch auf den Ötztaler. Und was heißt eigentlich akribisch? Er ist Autodidakt. Einer, der Leidenschaft in sich trägt. Der einen klaren Kopf hat und sich Ziele setzt. Wenn er sagt, er bereite sich den Trainingsplan selbst, dann heißt das in seiner Sprache: "Ich experimentiere mit der Trainingslehre herum und versuche, die verschiedenen Trainingsmethoden an mir zu testen." Dazu kramt er die dicke "Trainingsbibel für Radsportler" hervor, die er seit Jahren benutzt. "Das Wichtigste ist, dass man einen freien Kopf hat", lautet eine seiner Überzeugungen. "Ein Trainer sagt dir, was und wann du trainieren musst", möchte er sich nicht in dieses Hamsterrad hineinbegeben.
"Man knechtet sich selbst und folgt einer gewissen Struktur"
Johannes erholt sich vom Radsport-Burnout. "Mein Weg ist noch lange nicht zu Ende"
Johannes durchlebte auch negative Phasen der Entwicklung. Phasen, in denen es gar nicht lief. Vor vier Jahren kam er an einem toten Punkt an und erlitt einen Radsport-Burnout. Eineinhalb Jahre Pause waren die Folge. Er schätzt es heute, wie er damit umging. "Der Weg war der richtige. Es ging mir alles zu schnell", sagt er rückblickend. Und er gewann Erkenntnisse, zieht seine Lehren: "Jetzt will ich diszipliniert weiterarbeiten, Stück für Stück an den einzelnen Schräubchen drehen und den Spaß nicht verlieren." Man merkt ihm an: Johannes spürt eine Langfristigkeit in sich. "Mittlerweile fahre ich seit zehn Jahren Rennen. Und der Weg ist noch lange nicht zu Ende."Die Jedermann-WM in Trento ist im Fokus. Doch zunächst zählt die Benchmark Ötztaler
Erst als 16-Jähriger trat Johannes in den RSC '77 Bimbach ein, dem er mittlerweile seit zehn Jahren angehört. Er lernte Marco Schmelz kennen, der so etwas wie sein Ziehvater wurde. "Er hat mir geholfen, als ich noch nicht volljährig war", sagt der Lauterbacher heute. Mit Schmelz' Unterstützung bestritt er auch sein erstes Radrennen. "Rund um den Henninger Turm" hieß das damals noch. Dreimal fuhr er seitdem U23-Rennen dieser Konkurrenz renommierten Namens. Apropos Bimbach: Längst hilft Johannes Schäfer Christoph Blum bei dessen Video-Drehs für die beliebte Veranstaltung.In einem ist sich Johannes sicher: "Ich gehöre in die Berge." Bergrennen sind seine Leidenschaft. Dem Ötztaler folgt das nächste Ziel: die Weltmeisterschaft für Jedermann (Profis nehmen nicht teil) im italienischen Trento am 18. September. Die Strecke hat er sich schon angeschaut. Doch zunächst gehört den Bergen in Tirol seine Aufmerksamkeit. "Den Ötztaler hat noch nie jemand unter 30 gewonnen. Also habe ich noch vier Jahre Zeit. In den nächsten Jahren ist es erst einmal mein Ziel, unter die Top 10 zu fahren. Wenn ich das geschafft habe, setze ich mir ein neues Ziel." So tickt Johannes Schäfer. Und nicht anders. (Walter Kell) +++