Ein Mann mit vielen Rollen

Festspiel-Schauspieler Jürgen Hartmann: Der wandelbare Mime

Jürgen Hartmann übernimmt in "Notre-Dame" fünf Rollen
Fotos: Christopher Göbel

08.08.2022 / BAD HERSFELD - Kennen Sie Dr. Daniel Vogt? Wer eine der letzten 25 "Tatort"-Folgen aus Stuttgart gesehen hat, kennt das Gesicht von Jürgen Hartmann, der in diesem Jahr in "Notre-Dame" bei den Bad Hersfelder Festspielen auf der Bühne steht. OSTHESSEN|NEWS traf den sympathischen Schauspieler zum Gespräch über Job, Freizeit, Rollen und die Stadt Bad Hersfeld.



Im Schauspielhaus Bochum lernte Hartmann Dominic Mäcke kennen, den Assistenten des Bad Hersfelder Festspiel-Intendanten Joern Hinkel. "Wir haben dort einige Sachen gemeinsam gemacht und ich wurde gefragt, ob ich bei den Bad Hersfelder Festspielen mitmachen würde", erzählt der knapp zwei Meter große Schauspieler. Bei "Der Prozess" in Hinkels Inszenierung im Jahr 2019 war er zum ersten Mal in Bad Hersfeld zu Gast. Damals übernahm er bereits mehrere kleinere Rollen und zeigte in dem Kafka-Stück, welche Wandlungsfähigkeit er als Schauspieler hat. "Ich erinnere mich, dass Dieter Wedel, der das Stück damals angeschaut hatte, nicht glauben wollte, dass ich allein alle diese Rollen verkörpert habe", erinnert sich Hartmann mit einem Lächeln.

In diesem Jahr sind es erneut fünf verschiedene Rollen, in die er in "Notre-Dame" schlüpft. "Das Wechseln in verschiedene Persönlichkeiten und Temperamente ist eine meiner Fähigkeiten. Und die Verwandlungskunst eine Begabung", sagt Hartmann über sich selbst. So könne er ein großes Repertoire an Figuren verkörpern. Bei "Notre-Dame" käme es allerdings nicht auf verschiedene Temperamente an, sondern eher auf das Erzählende: "Wir spielen einen eher literarischen als einen dramatischen Text."

Von Clownerie und Schauspiel

Zwar hat Jürgen Hartmann bisher eher kleine Rollen in Bad Hersfeld gespielt, aber in Produktionen an anderen Orten spielte er Hauptrollen wie Faust, Tartuffe, Oedipus oder Nathan. "Ich mag die Abwechslung", so Hartmann. Deshalb kann er komödiantische Figuren ebenso gut darstellen wie dramatische. Angefangen hat alles mit einer Ausbildung an einer Clownsschule. Dazu entschloss sich der gebürtige Stuttgarter, nachdem er einen Clownslehrer auf der Bühne erlebt hatte. "Da wollte ich mehr wissen." 

Danach war dann der Drang groß, Theater zu spielen und er begann ein Studium an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Hannover. Neben der eher praktischen Clown-Ausbildung kam mit dem Studium das Technische hinzu. "Beides befruchtet sich unheimlich gut. Beide Ansätze haben ihre Berechtigung", so der Schauspieler. Ebenso ist es mit den Genres Film und Theater. Auch hier möchte er sich nicht entscheiden und beides in Zukunft nebeneinander weiterführen.

"Mit Richy Müller feiere ich schon Silberhochzeit", scherzt Hartmann. Denn inzwischen wurde der 25. "Tatort" mit dem Ermittler-Gespann Lannert/Bootz (Müller/Klare) und ihm als Gerichtsmediziner Vogt gesendet. "Wir haben ein sehr herzliches Verhältnis", so Hartmann. Es sei schön, Richy Müller hier in Bad Hersfeld auf eine andere berufliche Art wiedergetroffen zu haben. Und noch eine weitere Verbindung hat Hartmann zur Festspielstadt: "Vier der ,Goethe!'-Darsteller habe ich ausgebildet", lacht er.

Stolz ist der Schauspieler darauf, in einen neuen "Tatort" eine eigene Geschichte eingebracht zu haben. Er wollte die Rolle des Gerichtsmediziners Vogt lebendiger gestalten. "Ich habe mir eine Geschichte ausgedacht, warum der Vogt so ist, wie er ist", erzählt Hartmann. Auf Basis der Frage "Warum sucht der Vogt die Wahrheit im Leichenkeller?" sei eine Handlung entstanden, die tief in der Vergangenheit verwurzelt ist. "Auslöser ist eine Leiche, mit der Vogt vor langer Zeit eine Verbindung hatte", verrät Hartmann, der in seiner Geschichte seinem eigenen jüngeren, pubertären Daniel-Vogt-Ich begegnet. "Dieser Film, der mehr Drama als Krimi ist, wird das Verhältnis zwischen Vogt und den Kommissaren stark verändern", verrät Hartmann. Der Film sei fertig gedreht und werde derzeit in der Post-Produktion bearbeitet.

"Eine Kiste an Spielmöglichkeiten"

Aufgrund des "Tatort"-Drehs kam Jürgen Hartmann drei Wochen später zu den Festspielproben. "Das war für mich eine total andere Welt", erzählt der Schauspieler. Das Ensemble sei "sehr homogen" und es herrsche eine sehr gute Stimmung im Team. "Ich schätze Joern Hinkels Arbeitsweise sehr. Er breitet eine ganze Kiste an Spielmöglichkeiten vor uns Schauspielern aus", sagt er. Das Mapping findet Hartmann "sehr eindrucksvoll" und der "Reichtum an Figuren, Handlung und Geschichten" in Notre-Dame sei "ein Geschenk für die Bühne." Das Publikum müsse bei diesem Stück allerdings umdenken.

Wenn er gerade nicht auf der Bühne steht, erkundet der Vater einer Tochter und Großvater von zwei Enkelkindern die Umgebung mit Motorrad, Fahrrad oder Mountainbike. Das macht er manchmal allein, aber im Schauspiel-Kollegen Thorsten Nindel hat er einen Gleichgesinnten gefunden, mit dem er gemeinsam per Rad unterwegs ist. In Knüllwald-Wallenstein haben die beiden in diesem Jahr beispielsweise das Naturbad unterhalb der Burgruine Wallenstein entdeckt. "Der Schillersche ,Wallenstein' wäre auch meine Traumrolle bei den Festspielen", schmunzelt der Schauspieler.

Nach den Bad Hersfelder Festspielen hat Hartmann einige Eisen im Feuer. Als freischaffender Künstler und Ausbilder ist er immer in Verhandlungen für Theater- und Filmprojekte. Und nicht nur das: Er ist zudem Faszientherapeut, Ausbilder zur Alexander-Technik und hat eine Coaching-Ausbildung absolviert. "Es macht mir sehr viel Spaß, Neues zu lernen und umzusetzen."

Nur Eines kann der rührige Mime nur schlecht: Nichtstun. Irgendeine Aufgabe findet Jürgen Hartmann immer und auch zu den Festspielen würde er gerne in den kommenden Jahren zurückkehren. "Dann aber lieber in einer einzigen großen Rolle anstelle von fünf kleinen", lacht er. (Christopher Göbel) +++

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