Start der Winter-Paralympics in Peking

Paralympics-Siegerin Schmermund: "Das ist alles nur noch Heuchelei"

Manuela Schmermund gewann mehrere Medaillen bei Paralympics
Archivfotos: ON

03.03.2022 / NIEDERAULA - Am Freitag beginnen in Peking die Winter-Paralympics. Die Spiele für Sportler mit körperlicher Behinderung werden zum 13. Mal ausgetragen und gelten als das wichtigste sportliche Großereignis für Menschen mit Handicap. Manuela Schmermund nahm als Luftgewehrschützin selbst fünfmal an Paralympics teil, gewann vier Medaillen, davon 2004 in Athen eine goldene - und ist heute 1. Vorsitzende der Schützengilde Mengshausen. Die 50-Jährige äußert sich gegenüber der Durchführung der Paralympics ausgesprochen kritisch.


2008 startete sie auch in Peking, als die Spiele dort erstmals ausgetragen wurden. Sie endeten für Schmermund mit dem Gewinn der Silbermedaille - damit bestätigte sie ihren Erfolg von vier Jahren zuvor. Doch sie erinnert sich eher ungern an 2008. "Schon damals habe ich es nicht begrüßt, dass die Spiele in solch eine Regionen vergeben wurden. Sobald ich das Olympische Dorf verlassen hatte, hatte ich das Gefühl, nicht alleine zu sein." Und ihre Wahrnehmung, heute in der Welt um die fünf Ringe antreten zu müssen, skizziert sie so: "Ich freue mich für Menschen und Sportler mit körperlicher Behinderung, wenn sie die Aufmerksamkeit anderer genießen. Doch die Aufmerksamkeit ist für mich trügerisch. Weil man nur das Thema Olympia nachäfft." Dieser Aspekt habe sich im Laufe der Jahre verändert: Er sei größer und stärker geworden.

Olympia wird durchgezogen, damit Sponsorengelder fließen

Auch auf den Fakt, während der Corona-Zeit in Wettkämpfen auf Zuschauer verzichten zu müssen, reagiert sie zwiespältig. "Die meisten Sportler kennen das doch, unter Ausschluss der Öffentlichkeit antreten zu müssen." Deshalb falle dieser Umstand weniger ins Gewicht. Was Schmermund, die zudem 2010 in Zagreb Weltmeisterin wurde, vielmehr stört. "Die Winterspiele wurden kürzlich nur aus dem Grund durchgezogen, damit die Sponsorengelder fließen. Für das IOC. Es ging nur darum, Einnahmen zu generieren. Das ist bei den Paralympics nicht anders. Alles dreht sich ums Geld. Um dreckiges Geld." Und um Selbstbeweihräucherei. Dass in China kein Platz für Menschenrechte sei, sei nicht nur den IOC-Oberen egal.

Die Sportschützin nimmt, getreu ihrer Überzeugung, kein Blatt vor den Mund. Einmal in Rage, bemüht sie Kopffiguren, die derzeit die Welt bestimmen. "Dass zurzeit der Olympische Friede andauert, interessiert Bach und Putin doch einen Sch...dreck." IOC-Präsident Bach reise zu den Paralympics gar nicht erst an, und den russischen Autokraten Wladimir Putin schere es nicht, den Olympischen Waffenstillstand gebrochen zu haben. Schmermund fängt fast an zu träumen, wenn sie hinzufügt: "Jedem Athleten fehlt das eigentliche Flair. Es ist das, worum es bei Olympia geht."Die 1. Vorsitzende der Schützengilde Mengshausen, die kürzlich ihren Rückzug aus der Luftgewehr-Bundesliga erklärt hatte, schiebt nach: "Die ureigensten Werte der Olympischen Spiele werden nur noch mit Füßen getreten. Das ist alles Heuchelei. Das Konstrukt ist in der heutigen Welt überholt." Der Bemerkung, dass die IOC-Verantwortlichen am nächsten Morgen nicht mehr in den Spiegel schauen könnten, entgegnet sie: "Wenn er genügend Geld hat, macht auch ein Spiegel ein schönes Gesicht." 

Russische Athleten dürfen teilnehmen 

Die XIII. Winter-Paralympics finden vom 4. bis 13. März in der chinesischen Hauptstadt Peking statt. 650 Athleten aus 49 Nationen - genauer nationalen paralympischen Komitees -  werden in 78 verschiedenen Wettbewerben in sechs Sportarten in zwei Disziplinen antreten: Schneesport (Ski Alpin, Skilanglauf, Biathlon und Snowboard) und Eissport (Para-Eishockey und Rollstuhl-Curling). Seit Mittwoch ist klar, dass Athleten aus Russland und Belarus trotz des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine an den Start gehen dürfen. Die Sportler treten unter der paralympischen Flagge an und werden nicht in den Medaillenspiegel aufgenommen. Aber sie dürfen teilnehmen. Andre Parsons, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees, sagte dazu: "Ich erwarte von allen Teilnehmern, dass sie die neutralen Athleten wie jeden anderen Athleten bei diesen Spielen behandeln, egal wie schwierig dies auch sein mag. Im Gegensatz zu ihren jeweiligen Regierungen sind diese paralympischen Athleten und Funktionäre nicht die Aggressoren. Sie sind hier, um wie alle anderen an einem Sportereignis teilzunehmen."

Update: Kehrtwende beim internationalen Paralympischen Komitee: Einen Tag nach der Entscheidung, Athletinnen und Athleten aus Russland und Belarus bei den Winterspielen in Peking starten zu lassen, wurden sie nun, einen Tag vor dem Start der Spiele, doch ausgeschlossen. "Mehrere Nationale Paralympische Komitees, von denen einige von ihren Regierungen, Teams und Athleten kontaktiert wurden, drohen damit, nicht anzutreten«, sagte IPC-Präsident Parsons aus: »Sie haben uns gesagt, dass es schwerwiegende Folgen für die Paralympischen Winterspiele 2022 in Peking haben könnte, wenn wir unsere Entscheidung nicht überdenken." Die Situation in den olympischen Dörfern sei nach der Entscheidung pro Russland und Belarus eskaliert. "Es geht jetzt darum die Integrität dieser Spiele und die Sicherheit aller Teilnehmer zu wahren", so Parsons weiter. Bei den russischen und belarussischen Sportlern entschuldigte er sich: "Sie sind Opfer der Handlungen ihrer Regierungen", sagte der Brasilianer. Insgesamt sind 83 Athleten vom Ausschluss betroffen (wk) +++






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