Bittere Corona-Erfahrungen

"Helfen, leiden, sterben, gesund werden" - Dr. Thomas Sitte hat sich infiziert

Dr. Thomas Sitte in der Fotoausstellung der Palliativstiftung
O|N-Archivbild: Carina Jirsch

08.04.2021 / FULDA - "Auf ein Wunder habe ich im Januar auch selber gewartet. Rund 50 Menschen habe ich begleitet, die durch Corona gestorben sind – ja nicht mit, schlicht durch Corona – dann hat es mich erwischt. Ich war stets vorsichtig, geschützt, auf Distanz. Irgendwann passiert es doch, wenn man zuhauf Viren ausgesetzt ist. Abends ein ungewohnter, trockener Husten. Gleich schießen Gedanken durch den Kopf: "Das wird doch nicht … Nein, das kann nicht sein … es ist nun schon bald zehn Monate gutgegangen. Übermorgen werde ich doch geimpft!"

Am nächsten Morgen Fieber, Gliederschmerzen, einfach fertig. Krank. Schnell ein Abstrich: Positiv. Der PCR-Test bestätigt es. Gott sei Dank habe ich seit Monaten immer wirklich aufgepasst. Abstand, Hygiene, Mundschutz, Lüften, Kontaktzeiten kurzhalten. Keine Umarmungen, keine Nähe. Gott sei Dank habe ich auch niemanden angesteckt. Das war sofort meine Angst, weil die Enkelkinder einfach gerne immer wieder zu Oma und Opa kommen. Wer kann da schon immer nein sagen. Einen Tag vor Krankheitsausbruch waren sie noch bei mir. Zum Glück habe ich auf die Regeln geachtet. Wir waren fast ausschließlich draußen unterwegs. Die Kinder oder gar die Enkel angesteckt zu haben, das war schon ein belastender Gedanke. Ach ja, meine Frau ist dann doch auch krank geworden, zu ihr hatte ich den Abstand nicht konsequent genug eingehalten.

Ich hatte schon einige sehr schwere Infektionen, aber Corona war wirklich hart. Zeitweise war es mir völlig egal, wie es mit mir weitergeht, so erschlagen war ich. Und immer die Angst im Nacken, ich gehöre definitiv zur Risikogruppe, meine Lunge ist vorgeschädigt. Eine satte Lungenentzündung kam dazu. Was ist, wenn die Lunge schlapp macht und ich in die Klinik muss? Und schlapp bin ich selber schon, nur Ruhe haben und schlafen will ich tagelang.

Mehrmals täglich Fieber messen, Puls, Sauerstoffsättigung. Mal wird es etwas besser, dann kommt ein heftiger Rückfall. Solches Auf und Ab ist viel belastender, als ich es gedacht hätte. Bei jedem Rückfall kommen mehr Ängste. Ich bin Arzt. Ich weiß zu viel. Immer wieder hoffe ich. Und bete.

Wie ist es erst für die Menschen, die ich in den verschiedensten Einrichtungen begleitet habe? Die Quarantäne war oft gespenstisch, erfüllt von Einsamkeit und Angst. Nicht nur bei den Patienten, genauso auch bei Angehörigen und Pflegenden. Und natürlich haben sich viele Pflegende angesteckt. Auch Ärzte. Natürlich setzen sich Helfer Risiken aus. Wir versuchen, sie zu minimieren. Aber Risiken bleiben. Egal, ob im Rettungsdienst, bei der Feuerwehr, der Polizei oder eben in der Versorgung schwerstkranker Menschen, die vielleicht hochgradig ansteckend sind.

Man redet nicht viel darüber. Warum nicht? Es macht mich fassungslos und wütend zugleich, wenn ich diese verharmlosenden Sprüche höre. Nur eine Grippe? Vor dreißig Jahren hatte ich eine Influenza mit über 40° C Fieber. Da ging es mir blendend gegen die Situation jetzt.

Eine wunderbare Erfahrung war es, wie viele Nachbarn, Freunde, Bekannte uns Hilfe angeboten haben. In der Not bin ich nicht alleine. Das ist ungemein tröstlich zu wissen! Nach drei Wochen war meine akute Phase vorbei, der Abstrich negativ. Und jetzt? Weiter wie vorher? Vor drei Monaten bin ich für mich einen Marathon gelaufen. Und jetzt? Eine Treppe führt zu Atemnot. Ich habe mich, so gut es ging, in der Krankheit bewegt, minimal trainiert. Das war eminent wichtig für mich und für wirklich alte Menschen noch viel mehr. Ich muss noch sehr viel üben, brauche noch Geduld mit meinem Körper.

Eine ganz andere Erfahrung war es, sich als Aussätziger zu fühlen. Nach der Infektion wechselten Bekannte plötzlich die Straßenseite, wenn ich kam. Das war wohl schon immer so und wird es wohl auch bleiben. Vielleicht werde ich mit viel Übung wieder ganz gesund. Spannend ist, was mich die glücklich überstandene Infektion gelehrt hat: mehr Gelassenheit und mehr Demut. Dazu sehr viel Dankbarkeit, es gut überlebt zu haben."

Dr. Thomas Sitte, 62, ist ein renommierter Palliativmediziner aus Fulda. Unter anderem ist er Gründungsmitglied und Vorsitzender der Deutschen Pallitativ-Stiftung DPS. www.doc-sitte.de

Dieser Beitrag ist erstmals erschienen in "blick in die kirche Magazin"  April 2021, herausgegeben von der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. www.blickindiekirche.de +++