Bürokratie benötigt viel Zeit

Das Telefon steht nicht still: Hausärzte starten mit Corona-Schutzimpfungen

Impfstoff-Lieferung in die Petersberger Hausarztpraxis: Allgemeinmediziner Ralph-Michael Hönscher (links) und Doktor Stefan Wagner von der Hirsch Apotheke.
Foto: privat

07.04.2021 / REGION - "Ich bekomme gerade unsere Impfstoff-Lieferung, kann ich Sie gleich zurückrufen?", fragt der Allgemeinmediziner Ralph Hönscher am Dienstagabend gegen 18:45 Uhr. Die Gemeinschaftspraxis in Petersberg hat in der ersten Woche 120 Impfstoffdosen von Biontech/Pfizer erhalten - und damit mehr als erwartet. In der Praxis praktizieren drei Ärzte - am Mittwoch können sie mit den Impfungen starten. Doch damit fängt die zusätzliche Arbeit erst so richtig an. Das Impfen an sich ist dabei keine Herausforderung, sondern Standard für die Arztpraxen.

"Wir machen das Extra", sagt der Allgemeinmediziner und zählt den bürokratischen Aufwand auf, welcher geleistet werden müsse. Und: Die Nachfrage bei den Patienten ist riesig. Die Anzahl der Telefonanrufe habe sich verdoppelt, die E-Mails gar verdreifacht. Deshalb sagt Ralph Hönscher: "Bitte kein Impfterror. Wir Hausärzte werden auf unsere Patienten zukommen", sagt der Allgemeinmediziner. Sie müssen sich an die Priorisierungsvorgaben halten, entsprechend dokumentieren und haben Listen erstellt. Ansonsten seien die Telefonleitungen belegt und andere Patienten mit dringenden Anrufen kämen nicht durch.

"Auf AstraZeneca wird herumgeritten"

Zu den Diskussionen rund um den AstraZeneca-Impfstoff sagt Hönscher: "Es wird derzeit auf dem AstraZeneca-Impfstoff herumgeritten." Er appelliert an die Patienten, das zu nehmen, was der Hausarzt bekomme. Jeder solle dankbar und froh sein, geimpft werden zu können. Beispielsweise bei Medikamenten machen sich viele Menschen keine Gedanken, welche Nebenwirkungen diese haben können. Kopfschmerztabletten würden wie "Schoko-Bons" eingenommen.

"Hoher bürokratischer Aufwand"

Auch die Gemeinschaftspraxis Dr. med. Sebastian Auel und Andreas Alles hat am Dienstag über 100 Impfstoffdosen erhalten. Vier Ärzte arbeiten in der Gemeinschaftspraxis in Bad Hersfeld. "Die Nachfrage ist größer als das Angebot", sagt auch Andreas Alles. Zudem wissen die Arztpraxen erst kurzfristig, wie viel Impfstoffdosen sie in der jeweils nächsten Woche erhalten. Auch Alles spricht von einem zusätzlichen hohen bürokratischen Aufwand. Jede Impfung müsse dokumentiert und täglich gemeldet werden. Die reinen Impftätigkeiten beanspruchen rund 20 Stunden pro Woche. Alles hofft, dass sich alle Ärzte, auch die Fachärzte und Betriebsärzte an der Impfkampagne beteiligen. Auch in der Gemeinschaftspraxis Auel und Alles beginnen die ersten Corona-Schutzimpfungen am Mittwoch.

Susanne Sommer, Fachärztin für Allgemeinmedizin, aus Mücke im Vogelsbergkreis, sagt gegenüber OSTHESSEN|NEWS: "Wir haben für Mittwoch 50 Patienten angerufen, die die Impfung mit Biontech bei uns bekommen." Voraussetzung ist aber auch hier: "Der bestellte Impfstoff muss rechtzeitig und in ausreichender Menge geliefert werden." Trotz des Mehraufwandes ist Sommer glücklich: "Endlich kann ich meine Patient:innen impfen!" (Hans-Hubertus Braune / Nina Bastian) +++

Internist Andreas Alles aus Bad Hersfeld.
Archivfoto: O|N / Stefanie Harth