Gastkommentar von Dr. med. Thomas Menzel
Die gefühlte Corona-Lage: Langsam reicht’s!
Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Kira Hofmann
07.02.2021 / REGION -
COVID-19 ist in erster Linie ein medizinisches Problem. Die durch das SARS-CoV-2 hervorgerufene Erkrankung - eine Virusinfektion – befällt weltweit alle Menschen, die keine entsprechende Immunität aufweisen – und das sind bisher fast alle Menschen. Die Weltbevölkerung wird auf acht Milliarden Menschen geschätzt: Das sind acht Milliarden potenzielle "Gastgeber" für das Corona-Virus.
Und auch wenn es uns gelungen ist, in sehr kurzer Zeit mehrere potente Impfstoffe gegen das Virus zu entwickeln und in großem Maßstab zu produzieren; die Pandemie wird uns noch länger begleiten. Die Auswirkungen auf jeden einzelnen von uns sind ganz unterschiedlich, aber in jedem einzelnen Fall deutlich spürbar.
Lage in den Krankenhäusern
Aber COVID-19 stellt nicht nur das Gesundheitssystem vor medizinische und organisatorische Herausforderungen, sondern insbesondere den einzelnen Betroffenen vor ein möglicherweise sehr ernstes gesundheitliches Problem. Und: die Corona-Pandemie stellt alle Menschen vor erhebliche Probleme in ihrem Alltag.
Lockdown
Hinzu kommt für viele die blanke Angst um die Existenz. Zum Beispiel wenn ein Selbständiger, der im Shutdown gezwungen ist, seine in 20 bis 30 Berufsjahren angesparten Reserven für die Altersvorsorge gegenwärtig zu verzehren, um seinen Betrieb weiter aufrecht zu erhalten. Ihm werden zudem die Zeit und die (sinkende) Leistungskraft in den (wenigen) kommenden Jahren fehlen, um die Lücke wieder durch Fleiß und Sparsamkeit zu schließen.
Für die meisten Menschen ist Corona selbst noch nicht als Bedrohung konkret geworden. Gut zwei Millionen von 83 Millionen Deutschen haben sich bisher nach der offiziellen Statistik mit dem Virus infiziert. Auch wenn die Dunkelziffer viel höher liegt – wir gehen davon aus, dass bis zu 10 Millionen Menschen in Deutschland bereits eine COVID-Erkrankung durchgemacht haben –, bleibt für mehr als 70 Millionen von uns COVID als Bedrohung für die eigene Unversehrtheit abstrakt.
Das kann schon mal dazu führen, dass die Existenz der Erkrankung insgesamt in Frage gestellt wird: Die Anzahl der Menschen, die das tun, wird auch nicht wirklich kleiner.
Alle leiden unter der Pandemie
Klar ist aber auch, dass alle 83 Millionen Menschen in Deutschland unter den durch die Pandemie verursachten Restriktionen leiden. Viele von ihnen empfinden die manifesten Einschränkungen und deren Folgen als belastender als die Krankheit und die Angst vor einer Ansteckung. Es ist wie die Bundeskanzlerin sagt "eine Zumutung". Und leider ist in den Augen vieler nicht das Virus Schuld an der ganzen Misere, sondern es sind die Politiker, die Virologen, die Epidemiologen und die vielen Experten-Berater, die sich all die Restriktionen ausdenken und einfordern und immer wieder die Apokalypse heraufbeschwören, wenn wir uns nicht an die Maßnahmen halten.Nur leider können sich viele derer, die das fordern, gar nicht vorstellen, dass im Moment kein Mensch dieses Datum absehen und verkünden kann.
Aber wir alle müssen mit dem mehrfachen Dilemma umgehen: Mit der Bedrohung durch die objektiv bedrohliche, stark ansteckende Erkrankung, mit der Ungewissheit in den kommenden Monaten sowie mit den Restriktionen und ihren Folgen.
Große Herausforderg für Familien
Wir verlangen vielen Menschen vieles ab. Vor allem den Familien. Schon früh in der Krise haben wir – debattenfrei - auf die Familie als die Kernzelle der Gesellschaft zurückgegriffen und deren Funktionieren unterstellt, wenn zum Beispiel Schulen und Kitas schließen. Dann wird schon jemand zu Hause sein, der sich um die Kinder kümmert.Die Mutter? Und die Großeltern? Und der Papa? Der oder die muss schließlich im Homeoffice arbeiten und nebenbei die Kinder betreuen. Aber kann das gut gehen? Arbeiten und gleichzeitig auf die Kinder aufpassen und das auf engstem Raum?
Mit den Kindern zusätzlich zum Homeoffice auch Homeschooling machen? Und wenn die Mama auch arbeitet? Und wenn die Großeltern als Helfer ausfallen, weil sie aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe zählen? Und wenn es nur Mama oder nur Papa gibt?
In der Zeitschrift "Der Spiegel" berichteten im Frühjahr mehrere Alleinerziehende aus ihrem Alltag. Ein Vater mehrerer Kinder erzählte, dass er einmal, als es die Kinder nicht sahen, weinend vor einen Einkaufsladen trat, nachdem ihn andere Kunden angeraunzt hatten, warum er die Kinder zum Einkauf mit in den Laden bringe in der Corona-Zeit. Und seine Kinder haben gewiss auch gespürt, wie es Papa zumute war.
Ohnehin die Kinder. Sie sind Leidtragende der Pandemie – ohne sich artikulieren zu können. Sie gehen auf keine Demo, es sei denn, die Eltern nehmen sie mit, sie lösen keinen Shit-Storm aus, bedrängen ihren Abgeordneten nicht und drohen mit dem Entzug ihrer Stimme, die sie nach dem Wahlrecht ohnehin nicht haben.
Nach der COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, in der im Frühjahr 2020 mehr als 1.000 Kinder und Jugendliche sowie mehr als 1.500 Eltern Antworten auf Fragen zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die psychische Gesundheit der Kinder gegeben haben, haben zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen in der Pandemie eine verminderte Lebensqualität und ein geringeres psychisches Wohlbefinden erlebt. In der Zeit vor Corona wurde für ein Drittel der Kinder von einer verminderten Lebensqualität und einem geringeren psychischen Wohlbefinden berichtet. "Das Risiko für psychische Auffälligkeiten sei von 18 Prozent auf 31 Prozent angestiegen. Hyperaktivität (24 Prozent), emotionale Probleme (21 Prozent) und Verhaltensprobleme (19 Prozent) traten vermehrt auf, ebenso psychosomatische Beschwerden wie Gereiztheit (54 Prozent), Einschlafprobleme (44 Prozent) sowie Kopf- und Bauchschmerzen (40 bzw. 31 Prozent).
Kitas, die Schule und die Arbeitswelt werden sich darauf einstellen müssen. Vor allem die Unternehmen werden kein Interesse daran haben können, Arbeit und Verantwortung an die Beschäftigten nach Hause abzugeben, wenn sie damit deren Überlastung und deren geminderte Einsatzfähigkeit im Beruf riskieren.
Es gibt auch kein Patentrezept, wie wir die Überlastung von Familien und Alleinerziehenden sowie die Existenzangst von Selbständigen, Unternehmern und Beschäftigten in Krisenbranchen mit einem mal werden auflösen können.
Aber wir müssen die Belastungen und Ängste in den Blick nehmen und anerkennen, auch um zu verstehen, warum bei vielen Menschen die Stimmung so gereizt ist, dass sie das Unmögliche fordern: Ein schnelles Ende der Pandemie.
Wir müssen uns in Geduld üben
Jetzt, wo der psychische Druck ohnehin hoch ist und weiter zunimmt, wird die Notwendigkeit, sich in Geduld zu üben, abermals steigen. Es gibt keine Aussicht auf ein festes Datum, zu dem der Shutdown aufgehoben und die Erkrankung enden wird. Wir wissen nur, dass wir nach drei Monaten von Kontaktbeschränkungen seit Mitte November 2020 etwa das Niveau an täglichen Neuinfektionen erreicht haben, wie wir es Ende Oktober 2020 hatten.Einen Grund zur Entwarnung – und damit zur Aufhebung all der belastenden Einschränkungen in unser aller Alltag – haben wir genau deshalb nicht. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir im ersten Quartal oder auch bis ins zweite Quartal und dann immer wieder einmal unter Einschränkungen werden leben und arbeiten müssen.
Impfstoff immernoch knapp
Aber irgendwann dürfte sich das Blatt wenden. Wir haben derzeit – überall auf der Welt – zu wenig Impfstoff, und wir können nicht mehr produzieren als wir derzeit leisten. Aber – soweit es derzeit absehbar ist – wird allein Deutschland in diesem Jahr 322 Millionen Impfdosen erhalten.Damit können, weil die Impfstoffe meist zwei Mal verabreicht werden müssen, 161 Millionen Menschen geimpft werden. Da Kinder, Jugendliche und Schwangere bisher nicht geimpft werden, kann sich jeder Einwohner dieses Landes rechnerisch mehrfach impfen lassen.
Und es bleibt dabei: Erst, wenn der Impfstoff hergestellt und geliefert ist, kann er auch verimpft werden. Durch wütendes Aufstampfen, Hysterie und die Leugnung wissenschaftlich-technischer Fakten, durch den Streit unter 80- und 95-Jährigen sowie Nierentransplantierten, wer den Impfstoff nun nötiger habe, wird es nicht schneller gehen. Hier ist ein wenig Gelassenheit angezeigt, auch wenn es schwerfällt.
Aber immer deutlicher verspüren wir eine wachsende Distanz zwischen der vernünftigen Sichtweise, der rationalen Betrachtung und Bewertung der Lage einerseits sowie der gefühlten Realität und der emotionalen Wahrnehmung andererseits.