"Es schmerzt uns sehr"

Zusammenrücken ist keine Option: Dramatischer Corona-Winter für Obdachlose

Hilfsbedürftige, mittel- und wohnungslose Menschen durchleben aktuell ganz bittere Wintermonate.
Symbolbild: Pixabay

13.01.2021 / BAD HERSFELD - Sie durchleben aktuell ganz bittere Wintermonate: Ihr Alltag ist durch die zweite Corona-Welle und den Lockdown noch härter geworden. Hilfsbedürftige, mittel- und wohnungslose Menschen sind verzweifelt. Aufbauende Gespräche? Ein beheizter, witterungsgeschützter Rückzugsort? Eine warme Mahlzeit? Es gleicht einer Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen. Speziell für Obdachlose ist es ein Überlebenskampf in Eiseskälte. Lichtblicke gibt es nur wenige.

Gundula Pohl, Abteilungsleiterin des Diakonischen Werks Hersfeld-Rotenburg, blickt den kommenden Wochen mit großer Sorge entgegen. "Jahr für Jahr stellt die kalte Jahreszeit Menschen in schwierigen Lebenslagen und Obdachlose vor riesige Herausforderungen", sagt die Diplom-Sozialarbeiterin und -Sozialpädagogin. "Dieses Jahr haben Risiken und Einschränkungen der Corona-Pandemie die Situation für jene, die auf Unterstützung angewiesen sind, noch einmal deutlich verschärft." Die Lage sei dramatisch.

Naher Kontakt zu Helfenden fehlt


Die Tafeln in Bad Hersfeld und Bebra sind gegenwärtig geschlossen – nur in dringenden Notfällen können dort Lebensmittel abgeholt werden. Auch die Bahnhofsmission und die angegliederte Kleiderkammer in der Festspielstadt können derzeit nicht aufgesucht werden. In Kooperation mit der Bahnhofsmission hält die in der Bad Hersfelder Dudenstraße ansässige Fachberatungsstelle und Tagesaufenthalt für Wohnungslose und Obdachlose eine Art "Notfallversorgung" bereit – hier werden Lunchpakete und beispielsweise die so wichtigen Handschuhe ausgegeben. Beratungsgespräche sind auf ein Minimum reduziert.

"Es schmerzt uns sehr, dass wir momentan nicht mehr Leistungen anbieten können", berichtet Gundula Pohl. "Da die Räumlichkeiten der Einrichtungen beengt sind, ist es nicht möglich, die geltenden AHA+AL-Regeln gänzlich einzuhalten. Vor allem der Mindestabstand von 1,5 Meter kann nicht gewährleistet werden." Die Diakonie, die die Anlaufstellen trägt, schaue aktuell von Woche zu Woche und behalte dabei den Inzidenzwert des Landkreises fest im Blick.

Angst vor Einsamkeit


"Das Ansteckungsrisiko ist dieser Tage noch viel zu hoch", sagt die Sozialarbeiterin. Auch die Verunsicherung bei denjenigen, die nicht das stabilste Umfeld hätten, sei immens. "Die Menschen haben Angst vor einer Ansteckung und vor Einsamkeit. Corona entpuppe sich als "eine Art Katalysator für schwierige Probleme".

Sowohl Tafeln, Bahnhofsmission als auch Obdachlosenhilfe stecken laut Gundula Pohl in einem Dilemma: "Es gibt keine befriedigende Lösung. Wir sehen die Not und möchten helfen, aber müssen gleichzeitig unsere Angebote aufgrund der vorherrschenden Corona-Situation zurückfahren." Nicht zu vergessen: Jede einzelne Einrichtung trage die Verantwortung gegenüber den ehrenamtlichen Helfern. (Stefanie Harth) +++