Weil sie die Scheidung wollte
Zweiter Prozesstag: "Er sagte zu ihr, dass er ihr den Hals aufschneidet"
Fotos: Luisa Diegel
07.11.2020 / ALSFELD / GIESSEN -
Mit einem Gipserbeil soll er seine Ehefrau mit neun Schlägen auf den Kopf Anfang Mai dieses Jahres getötet haben: Seit Dienstag muss sich der 36-jährige Syrer vor dem Gießener Landgericht verantworten. Am Freitagmorgen gingen die Verhandlungen weiter - Zeugenaussagen standen auf dem Programm. Unter anderem von der Nachbarin der Familie, die den Angeklagten als "freundlich" bezeichnete und von einer Polizistin, die den Syrer bei einem Einsatz vor allem als "aggressiv, impulsiv und aufbrausend", in Erinnerung hatte.
Denn bereits am 18. März, etwa zwei Monate vor der Tat, kam es in dem Mehrfamilienhaus in der Alsfelder Obergasse zu einem Polizeieinsatz. "Die Ehefrau hat uns angerufen, nachdem sie aus der Wohnung zur Nachbarin geflohen ist", erinnert sich die Polizistin vor Gericht. Vor Ort traf die Streife auf die Ehefrau und deren Mann, der laut Angaben der Polizistin immer wieder hochgefahren sei. Die Frau teilte der Beamten mit, dass das Paar bereits getrennt wohnt und sie die Scheidung eingereicht habe. Das wollte ihr Mann nicht akzeptieren und drohte ihr mit Konsequenzen. Die Ehefrau zitierte ihren Mann, dass nach syrischem Recht Mann und Frau zusammenleben müssen, und er, falls es zur Scheidung komme, ihre Familie in Syrien töten lasse. "Außerdem hat er gesagt, dass er ihr den Hals durchschneidet."
Der Mann habe sich erst dann beruhigt, als die Beamten ihn mit dem Streifenwagen aufs Revier fuhren. "Dort nahmen wir seine Personalien auf, haben die Strafanzeige geschrieben und ihn dann wieder entlassen", so die Aussage der Beamtin.
"Kinder schrien nach ihre Mama"
Eigentlich kam die Geschädigte nach Alsfeld, um dort mit ihren Kindern ein Leben ohne ihren Ehemann zu beginnen, doch Anfang des Jahres 2020 sei auch der Ehemann in die Vogelsberger Kleinstadt gezogen. "Sie sagte, sie wolle es noch einmal mit ihm probieren, wegen der Kinder." Dennoch ebbten die Probleme nicht ab, die Nachbarin berichtete, dass sich das spätere Opfer immer wieder dazu geäußert habe, dass ihr Mann "mal wieder rummotzt".
"Sie sahen sehr harmonisch zusammen aus"
Die Zeugin S. sprach auch von einem neuen Mann im Leben der Getöteten, den sie bereits in Heide kennengelernt haben soll. "Sie sagte, dass sie verliebt sei und nicht gewusst hätte, dass die Liebe so schön sein könnte." Doch Anfang des Jahres 2020 kam auch ihr Ehemann nach Alsfeld, die Ehefrau war gewillt, es noch einmal mit ihm zu probieren. Diesen lernte auch Zeugin S. kennen, "ich freute mich, dass sie es nochmal probieren wollten, sie sahen als Paar sehr schön und harmonisch zusammen aus".
Liebesnachrichten auf Handy gefunden
Die Frage der Richterin, ob er ein inniges Verhältnis zur Getöteten gehabt habe, verneinte er. Die Auswertung des Handys der Geschädigten verriet aber etwas anderes: Der Facebook und WhatsApp-Chatverlauf enthielt Nachrichten wie: "Mein Herz, meine Seele, mein Leben" - "Ich hoffe, wir bleiben zusammen" - "Ich habe mich in dich verliebt". Auch über ihre sexuelle Beziehung sollen sich die beiden ausgetauscht haben. Das bestreitet der Zeuge I. jedoch auf mehrere Nachfragen der Richterin vehement. "Ich habe ihr das nicht geschrieben und sie auch nie gesehen."
Am 13. November soll der Prozess fortgeführt werden. (Luisa Diegel) +++