Sehenswert und berührend

Gespräche zur Ausstellung über das Sterben - "Noch mal leben"

Die Bilder berühren, aber erschrecken nicht
Fotos: Carina Jirsch

22.10.2020 / FULDA - Eigentlich ist der Tod immer noch ein Tabu. Freiwillig beschäftigt sich kaum jemand mit der Tatsache der eigenen Sterblichkeit - nur wenn Angehörige und Freunde für immer gehen, können wir uns dieser Erkenntnis kaum entziehen: auch wir werden früher oder später diesen Weg ohne Rückkehr antreten müssen. Umso erstaunlicher ist das große Interesse an der aktuellen Sonderausstellung des Hospiz-Fördervereins im Vonderau Museum. Schon über tausend Besucher wollten seit der Eröffnung im September die eindrucksvollen Fotografien von Walter Schels sehen - trotz oder gerade wegen der ungewöhnlichen Porträts Toter.



Museumsleiter Dr. Frank Verse hatte diese große Resonanz nicht erwartet. Er lobt vor allem die Konzeption des Hospiz-Fördervereins, der die berührende Ausstellung mit Gesprächsangeboten für die Besucher unter der Überschrift "Zeit zum Reden" aufwertet. Die großformatigen Bilder machten nachdenklich und erzeugten vielfach Gesprächsbedarf, hat Dr. Verse erfahren. Der Fotograf Walter Schels und die Journalistin Beate Lakotta haben unheilbar kranke Menschen in ihren letzten Lebenswochen – zumeist im Hospiz – begleitet. Sie haben deren Biografien dokumentiert (eine Kurzfassung ist jeweils neben den Bildern zu lesen) und sie vor und nach ihrem Tod fotografiert. Was diese Menschen in ihrer letzten Lebensphase erlebt und empfunden haben, ist subjektiv und von unterschiedlichen Wahrnehmungen geprägt. Manche hatten mehr, manche weniger Zeit, ihr Leben noch einmal zu überdenken, Frieden zu schließen und zu hinterfragen: Was habe ich erlebt? Wie habe ich geliebt? Was bereue ich und worauf bin ich stolz? Was geschieht jetzt mit mir? Sie haben vor ihrem Tod nochmal gelebt, sind aufgelebt statt abzuwarten.

Jeden Mittwoch stehen Interessierten im Rahmen der Ausstellung kompetente Gesprächpartner in einem abgetrennten Bereich zur Verfügung. Am Mittwoch sprachen der Ehrenpräsident des Malteser Hilfsdienstes Constantin von Brandenstein-Zeppelin und CDU-MdB Michael Brand, Vorsitzender des Hospiz-Fördervereins mit Gästen über die eigenen Erfahrungen mit Sterben und Tod. "Es gibt offenbar einen großen Bedarf, über Leben und Tod in respektvoller und sensibler Weise zu sprechen", sagte Brand. "Die Bilder lösen Gefühle aus. Es ist beruhigend zu sehen, dass die Gesichter nicht etwa gequält oder schmerzverzerrt wirken, sondern friedvoll und entspannt" sagte von Brandenstein. Er selbst habe zwar nur eine rudimentäre Ausbildung als Hospizhelfer, es aber immer als bereichernd empfunden, Menschen beim Sterben begleiten zu dürfen, sagte er. "Man darf aber nicht missionieren, selbst nicht reden, sondern einfach dasein und zuhören." So legten die Hospizhelfer dem Sterbenden nicht ihre Hand auf dessen Hand, sondern schöben sie darunter - dann könne dieser selbst entscheiden, ob und wie er berührt werden wolle. "Diese Ausstellung nimmt die Angst vor dem Sterben", hatte ein Besucher seinen Eindruck geschildert.

"Noch mal leben. Eine Ausstellung über das Sterben" ist im Vonderau Museum noch bis zum 22. November 2020 zu sehen. www.museum-fulda.de (Carla Ihle-Becker)+++

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