Internationales Lernen in Osthessen

Ausgewählte OP-Teams aus vier Kontinenten trainieren im Klinikum Fulda

Operation per Livestream in den Hörsaal übertragen: Ärzte aus fünf Kontinenten reisten wegen der neuen Operationsmethodik nach Fulda.
Fotos: Kevin Kunze

11.10.2019 / FULDA - Ausgewählte OP-Teams aus Deutschland, Saudi-Arabien, Südafrika, Taiwan und den USA kommen im Oktober 2019 ans Klinikum Fulda, um unter der Anleitung von Professor Dr. Robert Behr, Direktor der Neurochirurgie am Klinikum Fulda, die Implantation eines ABI zu erlernen. Das Auditory Brainstem (Hirnstamm) Implantat ersetzt die Funktion des geschädigten Hörnervs und stellt das Hörvermögen wieder her. Professor Dr. Behr ist einer der Pioniere dieses zuverlässigen, erprobten, aber international noch selten angewandten Verfahrens. Er implantiert ABI nicht nur in Fulda, sondern mehrfach im Jahr in Kliniken rund um den Globus.

Dabei ist Prof. Dr. med. Robert Behr einer der wenigen Neurochirugen die dieses Verfahren anwenden: "Prof. Dr. Behr führt diese Operation weltweit als einer der wenigen Neurochirugen durch. Deshalb operieren wir hier in Fulda Patienten aus der gesamten Welt", erklärte Karen Alexa Ruiz-Mora, Neurochirugin im Klinikum Fulda, im Gespräch mit OSTHESSEN|NEWS. Zudem habe Dr. Behr dieses Verfahren mitentwickelt und könne bisher auf einige erfolgreiche Operationen zurückblicken. "Durch den operativen Eingriff kann der Patient schrittweise das Hören wiedererlangen und wieder an der gesellschaftlichen Kommunikation teilnehmen", sagte Ruiz-Mora weiter. Während der Operation erklärte der Fuldaer Klinikdirektor zudem den OP-Teams aus aller Welt auf Englisch seine Vorgehensweise.

Von Donnerstag bis Samstag kommen fünf nach ihrer Qualifikation ausgewählte Teams nach Fulda. Zum Team gehören jeweils ein HNO-Arzt, ein Neurochirurg und ein weiterer Arzt. Die Teams verfolgen nach der gegenwärtigen Planung zunächst am Donnerstag (10. Oktober, ab 08.15 Uhr) zwei Live-Operationen. Prof. Dr. Robert Behr wird einem Kind aus Estland ein ABI implantieren. Einem Tumorpatienten wird er zunächst einen – der Hörnerv schädigenden - Tumor entfernen und dann ein ABI implantieren. Am Freitag und am Samstagvormittag werden die Teams unter Anleitung von Prof. Dr. Behr die Implantation an Präparaten trainieren und die Ergebnisse anschließend diskutieren. Nach dem Training in Fulda, sagt Prof. Dr. Robert Behr, sollten die Teams in der Lage sein, das ABI selbst zu implantieren: "Es kommt immer darauf an, wie sicher sich die Teams fühlen."

Internationale Trainingsreihe wird dank großer Nachfrage fortgesetzt

Nachdem ein solcher Kurs unter Anleitung von Prof. Dr. Robert Behr im Universitätsklinikum Tübingen im vorigen Herbst stattgefunden hatte, wird das erfolgreiche Training wegen der qualifizierten Nachfrage in diesem Jahr fortgesetzt. Fulda hat sich in der Auswahl als bevorzugter Veranstaltungsort gegenüber Wien und Straßburg durchgesetzt. "Die Teilnehmer wollten unbedingt, dass wir weitermachen", berichtet Prof. Behr, und setzt darauf, dass frühere Operationssäle, die mit der Eröffnung des neuen Intensiv-, Notfall- und Operationszentrums (INO-Zentrum) am Klinikum Fulda nicht mehr genutzt werden, nun zu Schulungssälen umgebaut werden.

"Die Methode des ABI wird noch zu selten genutzt"

"Die Implantation eines ABI ist als Methode bewährt und sie hilft den Menschen, wieder zu hören. Aber sie wird immer noch zu selten genutzt. Ich helfe anderen Ärzten, diese Methode anzuwenden, um damit Menschen einen Weg aus der Isolation heraus zu bahnen, in die sie die Hörschädigung oder die Taubheit geführt haben", begründet Prof. Behr sein internationales Engagement. Manche Ärzte, vermutet Prof. Behr, denken "das können wir nicht, das brauchen wir nicht". Es gebe Ärzte, die kannten die Methode nicht, obwohl sie schon seit 20 Jahren mit Erfolg angewandt werde.
Implantation in einer neurochirurgischen Nischenregion, wo sonst keiner operiert.

"Aber man kann es auch nicht schnell mal lernen, ein ABI ein zusetzen", nennt Prof. Dr. Robert Behr eine weitere Hürde. Der Platz, wo die Elektroden des ABI am Hörnervkern im Stammhirn eingesetzt werden, sei eine "neurochirurgische Nische, die normalerweise keine häufige OP-Region ist". Dort befinden sich nach Prof. Dr. Robert Behrs Worten kaudale Hirnnerven, die zum Beispiel Signale für die Herzfrequenz, das Schlucken, den Verdauungstrakt und die Stimmbänder übermitteln.

"Es braucht Fachleute, die sich in dieser Hirnregion anatomisch auskennen, und die wissen, wie mit dem Gewebe in dieser Region umzugehen ist, zumal es nicht genau zu definieren ist, wo der Kern des Hörnerven liegt", sagt Prof. Dr. Robert Behr. Entscheidend sei ferner, dass die Implantation des ABI ein Team erfordere: "Der HNO-Arzt braucht den Neurochirurgen und der Neurochirurg braucht den HNO-Arzt. Es bedarf eines Genius loci, eines bestimmten Ortes, wo sich diese Teams zusammenfinden." Meist entstehen sie nach Beobachtung von Prof. Dr. Behr aus einer "guten CI-Gruppe", die Cochlea-Implantate (CI) setzt.

Während das Cochlea-Implantat den Schalldruck aufnimmt, ihn in elektrische Signale übersetzt und diese in den Hörnerv an der Hörschnecke (Cochlea) einspeist, überbrückt das ABI einen Defekt am Hörnerv zwischen Cochlea und Stammhirn. (pm/kku)+++