Drei Künstler, viele Bewunderer

Gomringer, Sayler und Linschinger bei der Vernissage im Museum Modern Art

Volles Haus bei der Vernissage im Museum Modern Art
Fotos: Stadt Hünfeld

12.06.2019 / HÜNFELD - Volles Haus bei der Vernissage im Museum Modern Art: Gleich drei große Vertreter der Konkreten Kunst präsentieren ihre Arbeiten derzeit in Hünfeld und stellten sich Pfingstmontag den Fragen von Anke Zimmer, Leiterin der Kulturredaktion der Fuldaer Zeitung. Eugen Gomringer, Diet Sayler und Josef Linschinger sprachen dabei über ihre Verbindung zu Museumsgründer Jürgen Blum, Hünfeld als Kunststadt und erklärten ihre Kunstwerke.

„Wir sind stolz, diese drei großen Vertreter der Konkreten Kunst und Konkreten Poesie zum ersten Mal in drei Sonderausstellungen präsentieren zu können“, sagte Kurator Günter Liebau. Sie alle seien im Offenen Buch der Stadt Hünfeld vertreten, von Gomringer steht sogar eine Skulptur am Kreisel vor der Hünfelder JVA. Und sie alle verbindet die Freundschaft zum Hünfelder Künstler Jürgen Blum, der 2015 verstarb.

Vor rund 30 Jahren kreuzten sich die Wege von Blum und den drei ausstellenden Künstlern. Gomringer erinnert sich, dass die Verbindung zwischen Blum und ihm gleich gepasst hat. „Ich war der Konkrete Poet, er hat mich sehr hofiert und fand es wunderbar, dass ich existiere“, sagte der 94-Jährige lachend. Er schätze auch den Kontakt über Blum mit der Stadt Hünfeld. Das Bindeglied zwischen Sayler und Blum ist die Vergangenheit, erklärte der 79-Jährige. Beide hätten 30 Jahre eine parallele Entwicklung genommen – Blum in Polen, er in Rumänien.

Dass die Kleinstadt Hünfeld ein Begriff ist, wenn es um Konkrete Kunst geht, machten auch die drei Künstler deutlich. „Blum hat hier einen Ort der Wirkung gefunden. Hier hatte er eine große Anhängerschaft und er hatte das Charisma, Leute zusammenzuführen“, erklärte Sayler. Für eine spezielle Kunstform wie die Konkrete Kunst sei eine kleine Stadt wie Hünfeld ein Vorteil, hob auch Linschinger hervor. In Frankfurt oder Berlin ist die Konkrete Kunst eine unter vielen.

In Schlagworte verpackt ordnete Anke Zimmer Sayler den „öffentlichen Raum“ zu, Gomringer die „Worte“ und Linschinger „Zahlen/Mathematik“. Doch wie sind sie zur Kunst gekommen? „In der Midlife-Crisis“, erklärte Linschinger. Die Konkrete Kunst sei ein Weg für ihn in dieser Zeit gewesen. Auch wenn er mit Zahlen in seinen Kunstwerken arbeitet, sei er selbst ein schlechter Mathematikschüler gewesen. Gomringer berichtete, dass er als junger Mann im Schaufenster einer Galerie in Zürich Bilder mit fünf gleichlangen Linien gesehen habe – Konkrete Kunst. Wenn das in der Kunst möglich sei, müsste das auch mit Sprache gehen. „Der Poet hat sich zur Kunst bekannt und die Kunst zum Poeten“, erklärte der Begründer der Konkreten Poesie. Sayler fand aus Opposition zur politischen Realität und zur Doktrin des sozialistischen Realismus den Weg zur Konkreten Kunst. „Wir sind alle kulturell bedingt, wachsen auf und reagieren darauf“, hob Sayler hervor.

Den Besuchern gaben die drei Künstler einen Einblick in die Entstehung eines ihrer Kunstwerke. Gomringer wählte sein Kunstwerk „Wind“. Wind sei erstmal ein Wort, Wind blase in verschiedene Richtungen, so auch die Buchstaben auf seinem Kunstwerk. „Es ist der Versuch, eine Windrose zu zeigen“, unterstrich Gomringer. Man könne es von links nach rechts und umgekehrt lesen. „Kunst müsste fähig sein, ihre Gedanken übertragen zu können“, betonte der 94-Jährige.

Sayler verdeutlichte, dass Bilder auf weißen Wänden fast immer schön seien. Ein gutes Bild müsse sich aber auch in der realen Umwelt behaupten – beispielsweise auf Ruinen wie dem Nürnberger Colosseum. „Ich möchte meine Kunst herausnehmen aus dem Akademischen“, sagte er. Das macht er mittels digitaler Installationen. Linschinger übersetzte die drei Zeilen eines seiner Barcode-Werke. Sie bedeuten: „Gemeinsam mit Gomringer.“

Thematisiert wurde auch Gomringers Gedicht „Avenidas“ aus dem Jahr 1951. Vor einem Jahr entbrannte eine Sexismus-Debatte aufgrund des Gedichtes, das in Berlin auf der Fassade eines Hochschulgebäudes angebracht war. Aufgrund einer fragwürdigen Initiative des AStA der Salomon-Hochschule wurde der spanische Text von der Hauswand entfernt, bei dem es übersetzt um Straßen, Blumen, Frauen – und einen Bewunderer geht. Das Gedicht sei ein schönes Bild, das man bei einem Spaziergang sehe, sagte Gomringer. Das habe er auch in Hünfeld gesehen, als er das Hotel verlassen habe: Frauen, Straßen, Blumen – und er selbst als Bewunderer.

Zu Beginn betonte Stiftungsvorsitzender Bürgermeister Stefan Schwenk, Gomringer, Sayler und Linschinger seien dem Hünfelder Museum seit Jahrzehnten in besonderer Weise verbunden und er bezeichnete die Ausstellung als eine der ganz besonderen Art. Musikalisch untermalt wurde die Vernissage vom Duo „Sunny vibes“ mit Pia-Maria Sauer und Wolfgang Harling. „Gomringer, Linschinger, Sayler“ ist eine Ausstellung der Stiftung Museum Modern Art Hünfeld – Sammlung Jürgen Blum und noch bis Sonntag, 29. September, zu sehen. Sie findet innerhalb des Kultursommers Main-Kinzig-Fulda statt und wird gefördert vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, unterstützt von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen. (pm) +++