Digitalisierung als Chance

Hanfkisten und Land-Amazon: Rhön-Netzwerk setzt Perlen der Region in Szene

Team von "Meine Dorfzeile", "Rhöner Heimat" und Björn Leist, Betreiber der "Rhöner Botschaft" (2.v.l)
Fotos: Marius Auth

16.04.2019 / DERMBACH (Rhön) - Die Rhön ist schön, innovative Dienstleister sind auch im ländlichen Raum bienenfleißig. Um Einheimischen und Ortsfremden einen Überblick über die Angebotsvielfalt zu geben, wurden die Website "RhönTravel" und später die App "Rhöner Heimat" ins Leben gerufen. Zum Netzwerktreffen der Kooperationspartner am Montag im Hotel Saxenhof in Dermbach wurde deutlich, wie Digitalisierung und Heimatverbundenheit zusammengehen können.

250 Partner kommen inzwischen auf dem Portal unter, von der Westernranch über die Brauerei zur Salzmanufaktur bis hin zum freischaffenden Bildhauer. 30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung ist die Selbstbezeichnung "Rhöner" im Kommen. Früher kaum denkbar: "In den letzten 20 Jahren hat sich viel entwickelt. Früher war die Rhön eine Landschaftsbezeichnung, mein Vater hat auf die Frage nach der Herkunft eher gesagt: aus Fulda. Die Rhön kannten Auswärtige kaum. Heute ist man stolz auf die Vielfalt der Natur und Kultur in den drei Bundesländern - aber manche Gewohnheiten sind schwer aufzugeben. Aus Hilders fährt man eher nach Fulda als nach Thüringen zum Einkaufen, als ich mit der 'Rhöner Botschaft' nach Dermbach gezogen bin, war das eine völlig neue Welt für mich, nur 20 Minuten entfernt", erklärt Björn Leist.

Das Portal "RhönTravel" und die App "Rhöner Heimat" sollen Abhilfe schaffen: Freizeitangebote, Übernachtungsmöglichkeiten, kulinarische und handwerkliche Anbieter finden sich nach Kategorien geordnet, grenzübergreifend: "Die Welt ist digitaler geworden. Für die Vernetzung und Zusammenarbeit vor allem kleiner Betriebe bietet das Internet viele Möglichkeiten, vom Portal bis zum Shop. Trotzdem kann jeder weiter in seinen gewohnten Strukturen wirtschaften, am gewohnten Standort. Kleinere Anbieter haben häufig nicht die Ressourcen oder das Knowhow für ein schlagkräftiges Marketing, da kann eine gemeinsame Lösung weiterhelfen", erklärt Steffen Dietrich, Gründer von "RhönTravel" und "Rhöner Heimat". Beim Austausch der Kooperationspartner wurden auch Altlasten offenbar: "40 Jahre lang gab es in Thüringen kein Tourismus-Marketing mit Fokus auf Dienstleistung, das war gar nicht gewünscht. Wer in Dermbach war, wurde nicht darauf hingewiesen, was es alles Schönes in Geisa gibt", meint Lutz Reukauf von der Rhönbrauerei Dittmar.

Inzwischen, da ist sich Mathias Gerhard, Geschäftsführer der Rhön-Adventures GmbH, sicher, "geht in der Rhön eine Menge - vom Geocaching und Klettern bis zu den Schneeschuhtouren. Pensionen und Hotels sind heute nicht mehr isolierte Dienstleister, sondern Vermittler und Servicepartner, auch im Selbstverständnis." Touristische Hotspots im Mittelgebirge sollen neu in Szene gesetzt und erlebt werden, um auch die jüngere Zielgruppe auf den Geschmack zu bringen: "Wir wollen ab Juli auf der Milseburg unterhalb der Hütte eine 'Sleeperoo'-Schlafkapsel aufstellen, in der die faszinierende Natur hautnah erlebt werden kann", erklärt Larissa Kempf von der Tourismus Info der Gemeinde Hofbieber. Außerdem soll der Luftkurort zum Radstützpunkt werden. "Wen man auch fragt: Die Rhön ist wunderschön - aber bundesweit immer noch nicht bekannt genug", gibt Lutz Heidinger von der "Stockborn Ranch" des Landhotels Zur Grünen Kutte in Bernshausen zu bedenken, das inzwischen Westernreiten für die ganze Familie anbietet.

Um diesen Missstand hauptsächlich kulinarisch zu beheben, sind auch die Gründer von "Meine Dorfzeile" angetreten. Regionale Produkte aus allen drei Bundesländern finden sich im Onlineshop unter www.dorfzeile.de, das Besondere: "Wir gehen zum Erzeuger, machen Fotos und Videos von Produkten und Betrieb und setzen alles in Szene. Denn selbst Kartoffeln kommen heute nicht mehr ohne Storytelling aus. Wir betreiben nicht nur den Shop, sondern übernehmen auch das Lager, die Verpackung und den Versand. So kann der Erzeuger auch ohne großes Team seine Waren im Internet anbieten", erklärt Christian Roßmann vom Startup "Meine Dorfzeile" aus Bad Bocklet, der beim Netzwerktreffen das Konzept des vor Kurzem online gegangenen Shops erläutert: Gemüsekisten und regionale Kochboxen mit beiliegendem Rezept zum Nachkochen sollen eine anspruchsvolle Zielgruppe ebenso zufriedenstellen wie umweltschonende Verpackungen mit kompostierbarem Isoliermaterial aus Hanf. "Die Wertschätzung für regionale Ware muss gestärkt werden, das ist das herausragende Leistungsmerkmal. Sonst wird man nicht kommunizieren können, warum der Verbraucher zwei Euro mehr fürs Gemüse ausgeben soll als beim Discounter." Die Vision vom "Rhön-Amazon" müssen die Gründer bisher noch nebenberuflich hegen, Infoveranstaltungen bei der Dachmarke Rhön und dem bayerischen Bauernverband seien vielversprechend verlaufen. (Marius Auth) +++