Zeitzeugen berichten

Reichspogromnacht vor 80 Jahren: Große Gedenkveranstaltung


Fotos: Carina Jirsch

09.11.2018 / FULDA - Fast auf den Tag genau ist es 80 Jahre her, als in ganz Deutschland die Synagogen brannten. Aber nicht nur die jüdischen Gotteshäuser wurden am 9. November zerstört – auch Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden in dieser schwarzen Nacht dem Erdboden gleichgemacht. Damit diese Taten – und auch nicht die rund sechs Millionen Menschen, die dem Holocaust zum Opfer fielen - in Vergessenheit geraten, fanden am Donnerstagabend zwei Gedenkveranstaltungen in der Fuldaer Innenstadt statt.  

Dalia Wertheim, deren Großvater in Fulda geboren und durch einen jüdischen Kindertransport gerettet wurde, erzählte am Jerusalemsplatz die Geschichte ihrer Familie. „Unzählige Menschen hatten nicht das Glück, welches mir widerfahren ist. Ich konnte zusammen mit meinen Großeltern aufwachsen, habe Liebe und Rückhalt erfahren.“ Millionen von Menschen jüdischen Glaubens, so sagte sie, wären dieser Erfahrungen beraubt worden. „Plötzlich gab es da eine Generation, die sich selbst neu erfinden musste.“ Ihr Großvater sei in den Wirren des Krieges über die Niederlande per Zug nach England gebracht worden. „Heute kann ich ein neues Kapitel zu meiner Geschichte hinzufügen, sogar ein sehr schönes“, meinte sie. „Ich bin, zusammen mit meiner ganzen Familie, in diese wundervolle Gemeinschaft nach Fulda eingeladen worden, hierher, wo meine Wurzeln sind.“

Auch der heute 95-jährige Zeitzeuge Heinz Hesdörffer, der das Kaddisch für das Seelenheil der Verstorbenen sprach, erinnerte sich: „Ich war der einzige Überlebende des Todesmarsches in meiner Gruppe, habe Auschwitz überlebt. Es herrschte so großer Hunger, einige von uns sind, nachdem wir uns einmal ausruhen durften, nie wieder aufgestanden. Sie waren in der Nacht einfach gestorben.“

Am Gedenkplatz „Am Stockhaus“, an dem bis vor 80 Jahren die Fuldaer Synagoge stand, erzählte Michael Braunold von seinem Vater, einem im Jahr 1924 geborenen Juden. „Es gibt viele Bilder aus der Kindheit meines Vaters, auf den Fotos abgebildet ist ein netter und glücklicher Junge, der im Garten spielt oder vor dem Geschäft seiner Eltern steht.“ Bereits zehn Jahre später, so sagte er, hätte sich das Leben der Familie grundlegend verändert. „Durch Indoktrination veränderten sich die Menschen in unserer Umgebung, selbst solche, die wir als Freunde betrachteten.“  Braunolds Großvater entschied sich, seinen Sohn nach England zu schicken. „Das hat ihm das Leben gerettet“, sagte der Enkel. „Mein Vater hat nie wieder etwas von seinen Eltern gehört, erst viel später erfuhr er, dass beide im Konzentrationslager ums Leben kamen.“

Heinz Josef Algermissen, emeritierter Bischof von Fulda, sprach ein Gebet für die Opfer der NS-Zeit. „Von Jahr zu Jahr fällt es mir schwerer, die passenden Worte zu finden. Nur weil ich weiß, dass an den grässlichsten Orten, nämlich denen, wo Menschen ihren Tod fanden, noch nach Gott gerufen wurde, kann ich jetzt selbst ein Gebet sprechen.“ (mr) +++