Schrebergartenverein Bebra wird 90

Kleingärten im Trend - hier wachsen Obst, Gemüse und das Miteinander

Idylle pur, genussreiche Ernte, aber auch viel Arbeit - Gerhard Hose engagiert sich zusätzlich im Schrebergartenverein
Fotos: Gudrun Schmidl

12.07.2018 / BEBRA - Viele Klischees über Kleingärtner halten sich hartnäckig. Als pedantische, kleinbürgerliche und typische Vereinsmenschen werden die „Laubenpieper“ im Volksmund noch immer abgestempelt, obwohl sich die Stimmung längst gedreht hat. Engagierte Kleingärtner, darunter viele junge Familien, haben in den vergangenen Jahren einen echten Boom ausgelöst, ungeachtet dessen, dass das Kleingartenwesen an eine Reihe von Gesetzen und die Satzung gebunden ist. Die Einhaltung dieser Vorschriften garantiert die Anerkennung als „gemeinnütziger“ Kleingartenverein im Sinne des Bundeskleingartengesetzes und daraus resultierend die Bindung des Pachtpreises an die Vorschriften dieses Gesetzes.   

Auch beim Schrebergartenverein Bebra e.V. sind die Satzung und die Gartenordnung für alle Mitglieder bindend. Der Verein erhebt Mitgliedsbeiträge und legt die regelmäßigen, verpflichtenden Arbeitseinsätze fest, in denen die Gemeinschaftsflächen gepflegt werden. Seit 2012 führt Alice Leischner aus Bebra als 1. Vorsitzende den Verein in die Zukunft, der genau vor 90 Jahren von Hermann Schmidt gegründet wurde. Seit 1989 ist sie Vereinsmitglied. Ihr Garten im Amselweg, den sie seinerzeit mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann und zwei Kindern übernommen hat, ist mit der ansprechenden Laube und dem großen Teich ein wahr gewordener Gartentraum, den sie zuletzt gemeinsam mit ihrem Sohn Daniel realisiert hat. Daniel Götz ist auch für den Verein durch seinen unermüdlichen Einsatz ein großer Gewinn.

Gerhard Hose hat seit 2014 als 1. Kassierer die Finanzen des Vereins im Blick. Seit 1976 ist er Vereinsmitglied und bewirtschaftet mit seiner Frau Anneli im Drosselweg seinen Garten, direkt angrenzend an den Garten seiner Eltern, Wolfgang und Gerda Hose. Die wiederum haben ihren Garten im Jahr 1970 von den Eltern/Schwiegereltern, dem Ehepaar Heinrich und Luise Burghardt, übernommen. Heinrich Burghardt gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Vereins. Es ist keine Seltenheit, dass die gepachteten Gärten von Generation zu Generation weiter vererbt werden.  

128 Gärten in der Gartenanlage „Zur grünen Aue“ sind verpachtet. Eine frei zugängliche, öffentliche Naherholungsfläche, die von Menschenhand geschaffen wurde. Wer aufmerksam die individuell gestalteten Gärten betrachtet, wird schnell feststellen, dass es sich hier nicht um reine Freizeitgärten handelt. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen lautet die Devise. Zwischen 350 und 550 qm groß sind die Gärten, deren Nutzung so naturnah wie möglich erfolgen und nicht gegen ökologische Grundsätze verstoßen soll.

Eine reiche Ernte versprechen die zahlreichen Apfel-, Kirsch- und Birnbäume. Stachelbeeren, Brombeeren und Himbeeren locken zum Naschen. Möhren, Sellerie, Blumenkohl, Gurken, Tomaten, Rhabarber, Spargel, Erdbeeren, Kartoffeln, Salat, Zwiebeln, Kräuter und vieles mehr gedeihen auf dem sumpfigen Boden prächtig und dienen der Selbstversorgung. Der Rasen wird kurz gehalten und prächtige Blumenrabatten sind ein Augenschmaus.

Kleingartenanlagen übernehmen aber auch eine soziale Funktion. Familien schätzen das gemeinschaftliche und dennoch persönliche Erlebnis vom Säen, Wachsen, Gedeihen und Ernten im direkten Kontakt mit der Natur. Kindern und Jugendlichen bieten Kleingärten ein vielfältiges Spiel- und Kommunikationsfeld, Berufstätige finden bei der Gartenarbeit Entspannung vom Arbeitsstress. Senioren fühlen sich wohl an diesem Ort der Ruhe, umgeben von Menschen mit gleichen Interessen und über Jahrzehnte gewachsenen Kontakten. Immigranten bieten die Kleingärten von jeher eine Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und sich besser im Aufnahmeland zu integrieren. Zahlreiche Bebraer Mitbürger mit Migrationshintergrund, unter anderem aus Polen, Tschechien, Ungarn, Pakistan, Indien, der Türkei und Syrien bringen sich genau wie viele Russlanddeutsche in dem Kleingartenkosmos ein.  

Wolfgang Hose, gesundheitlich schwer angeschlagen, genießt immer wieder gern erholsame Stunden in seinem Garten. 24 Jahre lang war der jetzt 82-Jährige Schriftführer im Verein, ist ein wandelndes Archiv der Vereinsgeschichte. Er berichtet vom in Eigenleistung der Vereinsmitglieder errichteten Vereinshaus, das bis zu 120 Gäste beherbergen kann und von Ulla Hieronymus bewirtschaftet wird. Außerdem war Wolfgang Hose ein gefragter Mann, wenn es um die Wertermittlung bei verschiedenen Gartenwechseln ging.

Vier Gärten können aktuell gepachtet werden. In einer Gartenanlage, die dank einer aufmerksamen Gartenkommission ein gepflegtes Erscheinungsbild und einen hohen Freizeitwert hat, sehr gut erreichbar ist und sichtlich erfolgreiche Kleingärtner mit dem grünen Daumen glücklich macht. Hier kommt auch die Geselligkeit nicht zu kurz, es raucht der Grill und es wird miteinander und mit Besuchern gefeiert. Die  vorgegebenen Ruhezeiten müssen dennoch eingehalten werden, was gelegentlich zum Problem wird, berichtet Gerhard Hose. Wer sich mal unverbindlich umsehen will oder genussreiche Stunden in der Gartenanlage „Zur grünen Aue“ verbringen möchte, sollte sich Samstag, den 21. Juli und Sonntag, den 22. Juli 2018 vormerken. Dann feiern die Kleingärtner im gemütlichen Rahmen den 90. Geburtstag ihres Vereins und freuen sich auf viele Gäste. (Gudrun Schmidl) +++