Der Verfall einer Kleinstadt

Eines der letzten Geschäfte: Schreib- und Spielwarenhandel Krenzer schließt

Viele Tanner Schaufenster haben definitiv auch schon bessere Tage gesehen
Fotos: Miriam Rommel

13.01.2018 / TANN (RHÖN) - Zahlreich säumten einst Geschäfte die Hauptstraße von Tann. Hier gab es alles, was das kaufwillige Herz begehrte: einen Drogeriemarkt, der neben Haushalts- auch Beautyprodukte anbot, gleich mehrere Bekleidungsgeschäfte, Souvenir- und Geschenkeshops, einen Elektrofachhändler, Uhren und Schmuck, einen Eisenwarenhandel, und sogar einen bezaubernden kleinen Laden, der nichts außer Schokolade feilbot.

Die älteren Tanner dürften sich noch an die nette Dame aus dem alten Ochsenbäckerhaus erinnern, die trotz weit fortgeschrittenem Alter und massiven Rückenleiden Tag für Tag in hochhackigen Schuhen im Laden stand und Lindt-Pralinen verkaufte. Es war eine Zeit, in der die Stadt florierte, Häuser waren hübsch geschmückt, die Schaufenster luden zum Stöbern ein.

Läuft man heute durch das einst so eindrucksvolle Städtchen, sieht das Bild ganz anders aus. Der Glanz vergangener Tage ist längst verblichen.

Putz bröckelt von den Häuserfassaden, Schaufenster sind leer, die Scheiben schon lange nicht mehr gepflegt. Von den vielen Geschäften, die sich früher aneinanderreihten, ist kaum noch eines übrig. Es ist ein Los, das Tann mit vielen weiteren Kleinstädten teilt.

Eines der letzten Geschäfte geht

Am 3. Februar schließt nun auch der Schreib- und Spielwarenfachhandel Krenzer für immer seine Türen. Auf über 300 Quadratmetern Verkaufsfläche boten hier in der Vergangenheit Monika und Reinhard Krenzer ein großes Warensortiment an. Markenspielsachen, naturbelassenes Holzspielzeug, Schreibwaren, Zeitschriften, Bücher, Reiseandenken und Souvenirs, Tabakwaren und eine Lottoannahmestelle gehörten zum breitgefächerten Angebot des Ehepaars.

„Wir sind jetzt beide über 65, es ist an der Zeit, Abschied zu nehmen“, erklärt Reinhard Krenzer, dessen Mutter Emmi das Geschäft im Jahr 1958 gründete. „Wir konnten in Tann gut von unserem Laden leben und hatten wirklich tolle Momente.“ Gerade in der Zeit nach der Grenzöffnung, so sagt der Pensionär, der bis vor kurzem noch drei Mitarbeiter beschäftigte, sei der Warenabsatz besonders hoch gewesen. „Die Leute die plötzlich kamen, haben unser Angebot wirklich geschätzt.“ Durch den neuen Kundenstrom angespornt, entschieden sich die Unternehmer, umfangreich um- und anzubauen. Zu dem rund 100 Quadratmeter großen alten Geschäft kamen weitere 215 Quadratmeter Verkaufsfläche hinzu.

„Trauerspiel für Tanner Bürger“

Die Innenstadt ist an diesem Donnerstagvormittag fast menschenleer. Die wenigen, die unterwegs sind, eint eine Meinung zur Krenzer-Schließung und zur allgemeinen Situation in Tann. Es sei ein Trauerspiel für die Bevölkerung, erklärt ein Mann im Vorbeigehen. „Viele von uns sind nicht mobil“, ärgert sich eine Frau, die an den trostlosen Schaufenstern vorbeiläuft. „Die Stadt kümmert sich nicht um uns.“ Eine funktionierende Infrastruktur, so meint sie, müsse einfach gegeben sein. In ihrem Bekanntenkreis befänden sich bereits mehrere, die mit dem Gedanken eines Wegzuges spielten. „Hier kann man es bald nicht mehr aushalten.“

„Krenzers“, ist in Tann nicht einfach nur ein Spiel- und Schreibwarengeschäft - vielmehr treffen sich hier seit Generationen Menschen, um bekannte Gesichter zu sehen und um sich auszutauschen. „Alle gönnen uns natürlich den Ruhestand“, sagt die Geschäftsführerin Monika Krenzer. „Aber traurig sind schon sehr viele darüber, dass wir aufhören.“ Einen Nachfolger für das Unternehmen konnte, trotz intensiver Suche, nicht gefunden werden. „Ganz haben wir die Hoffnung noch nicht aufgegeben“, sagt Reinhard Krenzer. „Das Haus steht zum Verkauf, vielleicht findet sich ja doch noch jemand, der hier etwas Neues aufziehen möchte.“ Es wäre der kleinen Rhönstadt, die einst so glänzte, wirklich zu wünschen. (Miriam Rommel) +++