75 Absolventen beim Pre-Study-Programm

"Deutschland etwas zurückgeben": Flüchtlinge lernen Deutsch im Turbomodus

Geschafft: Khujistah Sirat (links) aus Afghanistan und Zidane Al-Ali aus Syrien mit ihren Zertifikaten
Fotos: Marius Auth

13.10.2017 / FULDA - Sie sind aus ihrer Heimat geflohen und haben in Fulda 14 Monate lang Sprache, Kultur und wissenschaftliches Arbeiten gebüffelt: 75 Flüchtlinge haben am Donnerstag ihr studienvorbereitendes Programm an der Hochschule Fulda abgeschlossen und erhielten ihre Zeugnisse im Rahmen einer Feierstunde. 18 von ihnen werden an der Hochschule Fulda bleiben und in der kommenden Woche ein Bachelor- oder Masterstudium aufnehmen.

Im Student Service Center bei der Mensa kamen die Absolventen zusammen, hinter ihnen liegt ein anspruchsvolles und anstrengendes Programm: Neben Deutschkursen wurden Kenntnisse in Geschichte, Politik und Gesellschaft Deutschlands vermittelt. Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens standen ebenso auf dem Stundenplan wie Fachkurse, Fachpraktika und Bewerbungskurse, die fit machen fürs Arbeitsleben. Im Gegensatz zu ihren deutschen Altersgenossen mussten die Flüchtlinge das Lern-Pensum in Gemeinschaftsunterkünften bewältigen. Zur Feierstunde jedoch strahlende Gesichter und Dankbarkeit: Vor den Absolventinnen, Absolventen und Gästen berichtete Khujistah Sirat, eine zierliche junge Frau aus Afghanistan, über ihr Ankommen in Deutschland. Damit meint sie den langen Weg vom schmerzlichen Abschied von Familie und Freunden, die gefährliche Flucht, das Ankommen in einem fremden Land, von dessen Sprache sie kein Wort verstand, das Bangen um die Aufenthaltserlaubnis, das anfängliche Verdammtsein zum Nichtstun.

Dann die intensive Zeit des Deutschlernens in dem Hochschulprogramm und endlich das Gefühl, sich Perspektiven für die Zukunft erarbeiten zu können. Über all das berichtete Khujistah Sirat in fließendem Deutsch, erlernt im Crashkurs an der Hochschule Fulda in nur 14 Monaten. Heute schreibt die Afghanin Gedichte in deutscher Sprache. Am 16. Oktober beginnt sie ihr Master-Studium Interkulturelle Kommunikation und Europastudien, ein deutsch-englisches Programm an der Hochschule Fulda, das ihr wiederum neue Perspektiven eröffnen wird. Mit ihr zusammen starten 17 weitere Absolventinnen und Absolventen von Pre-Study for Refugees in ein Bachelor- oder Masterstudium an der Hochschule Fulda, neun gehen an andere deutsche Hochschulen, fünf sind in ein Ärzteprogramm des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gegangen, fünf weitere haben sich für eine Berufsausbildung entschieden, während elf noch weiter Deutsch büffeln müssen, um die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang (DSH), die Eintrittskarte in das Studium an einer deutschen Hochschule, zu bestehen.

Zehn Teilnehmer hatten ein Jahr zuvor einen anderen Weg in das Studium gewählt und sich in den Bachelor Internationale Ingenieurwissenschaften an der Hochschule Fulda eingeschrieben, der keine deutschen Sprachkenntnisse voraussetzt und ein englischsprachiges Einstiegsjahr bietet, während dessen sie studienbegleitend Deutsch lernen. Die Bilanz nach 18 Monaten Büffeln bei Pre-Study for Refugees kann sich sehen lassen: Die große Mehrheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer hat den Weg an die Hochschule gefunden, einige haben eine Berufsausbildung begonnen. So zeigte sich der Präsident der Hochschule Fulda, Prof. Dr. Karim Khakzar, bei der Abschlussfeier hochzufrieden mit den Ergebnissen dieses Pilotprojekts, das er im Mai 2016 eröffnet hatte. Denn ohne den eigenen Beitrag der Teilnehmer könne das Projekt sein Ziel, Perspektiven zu eröffnen, nicht erreichen.

Die Freude über das Erreichte überwog bei der Feierstunde, vom Schicksal mancher Teilnehmer erfuhr man beim anschließenden Sekt: Der 28-jährige Zidane Al-Ali kam vor 20 Monaten über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich nach Deutschland. Anfänglich sprach er kein Wort Deutsch, inzwischen unterhält er sich auf Muttersprachler-Niveau: "Deutsch ist eine anspruchsvolle Sprache, aber sehr logisch. Daher hat das Lernen Spaß gemacht. Wir haben 20 Stunden pro Woche Deutsch studiert", so Al-Ali. Bereits in Syrien hat Al-Ali Lebensmitteltechnologie studiert, den Master aufgrund des Kriegs aber nicht abschließen können. Die junge Afghanin Sirat lobte vor allem die Bemühungen der Hochschule um die Integration der Neuankömmlinge: "Fulda ist eine kleine Stadt, bietet aber Flüchtlingen gute Möglichkeiten der Kontaktaufnahme. Ich konnte hier in den zwei Jahren schnell Beziehungen knüpfen. Unser größter Traum ist, der Gesellschaft, die uns aufgenommen und geholfen hat, etwas zurückzugeben, indem wir in unserem Fachgebiet arbeiten."

IHK-Präsident Bernhard Juchheim, der für den Förderverein der Hochschule Fulda anwesend war, freute sich über den Nachwuchs: "Wir sind froh um die jungen Menschen, die so hochmotiviert zu uns kommen und nicht nur unseren Arbeitsmarkt, sondern auch unsere Kultur bereichern. Viele von den hier Anwesenden hatten bereits in ihren Heimatländern ein Studium begonnen und bekommen so die Möglichkeit, ihren Traum zu verwirklichen und sich in unsere Gesellschaft einzubringen." (mau/pm) +++