Kreishandwerkerschaft antwortet:

"Wollen niemanden zum Schulabruch bewegen - vielleicht etwas provokant"

Bei der Hessenmeisterschaft der Bauhandwerker am 16.09.2017 in Fulda konnte sich Fridolin Käsmann aus Eiterfeld-Arzell als Hessens bester Fliesenleger qualifizieren.
Foto: Hendrik Urbin

13.10.2017 / FULDA - Wie angekündigt veröffentlichen wir die Stellungnahme der Kreishandwerkerschaft Fulda zu unserem gestrigen Kommentar "Kein Bock mehr auf Schule? Dann schmeiß hin!" im Folgenen im Wortlaut. Die Anzeige, die bei (potentiellen) Schulabbrechern für das Handwerk  warb, hat für reichlich Diskussionen gesorgt. Und das war offenbar ganz im Sinne der Handwerker:

"Lieber Herr Kister,

keineswegs haben wir die Absicht, mit unserer Anzeigenkampagne junge Leute zum Schulabbruch zu bewegen solange sie noch über keinen Schulabschluss verfügen. Sollte dieser Eindruck in unserer – vielleicht etwas plakativ formulierten – Anzeigenkampagne entstanden sein, dann möchten wir uns dafür ausdrücklich entschuldigen. Unsere Wirtschaft und das Handwerk benötigen gut ausgebildete junge Menschen. Wir selber bieten sogar jungen Menschen die Möglichkeit, über uns einen fehlenden Schulabschluss nachzuholen. Denn wir setzen uns nachdrücklich für Bildungsdemokratie ein. Jeder in unserer Gesellschaft muss das Recht und die Möglichkeit haben, jeden Schulabschluss zu erreichen und jeden Beruf auszuüben, der seinen persönlichen Neigungen und Fähigkeiten entspricht.

Wir halten es aber für falsch, dass per se möglichst viele Jugendliche unabhängig von ihren persönlichen Fähigkeiten und ihrer Leistungsbereitschaft das Abitur machen sollten. Haupt- und Realschulabschluss mit einer sich anschließenden Berufsausbildung sind ebenbürtige Alternativen und müssen wieder eine höhere politische und gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung in unserer Gesellschaft erfahren.

Was wir von Jahr zu Jahr mehr feststellen ist, dass junge Leute nach dem Hauptschul- oder Realschulabschluss zum Besuch einer weiterführenden Schule regelrecht überredet werden, obwohl sie eigentlich schulmüde sind und für sie eine Ausbildung sicherlich der bessere Weg wäre. Bevor diese jungen Menschen sich dann ohne Erfolg und frustriert durch ein ganzes Schuljahr schleppen, möchten wir ihnen die Chance geben, auch jetzt noch, einige Wochen nach dem offiziellen Ausbildungsstart, von der Schulbank in eine Ausbildung zu wechseln. Einzig und allein dieser „Zielgruppe“ gilt unser Appell, die Schule zu „schmeißen“.

Ob jemand Karriere macht oder nicht hängt im Übrigen nicht von seinem Schulabschluss ab. Es gibt genügend Beispiele für Karrieren von der Hauptschule, ja sogar von der Förderschule, bis ganz nach oben. Diese Durchlässigkeit unseres Bildungssystems kann man gar nicht hoch genug schätzen. So berechtigt der Meistertitel auch ohne Abitur zum Studium, und den Fachoberschulabschluss kann man auch berufsbegleitend während einer dualen Ausbildung machen, um nur mal zwei Beispiele zu nennen.

Wenn inzwischen jeder dritte Studienanfänger sein Studium ohne Abschluss vorzeitig abbricht, in den technischen Berufen liegt diese Quote teilweise sogar deutlich über 40 Prozent, dann ist das für uns ein sicheres Zeichen, dass wir mit unserer Argumentation nicht ganz so falsch liegen können.

Lieber Herr Kister, danke, dass Sie diese Diskussion angestoßen haben. Schade nur, dass Sie sich in Ihrem Beitrag etwas despektierlich über den Beruf des Fliesenlegers geäußert haben. Wenn mein Sohn sein Herz an diesen Ausbildungsberuf gehängt hätte, hätte ich ihm diese Ausbildung mit Sicherheit nicht verwehrt. Denn nur das, was ich mit Leidenschaft und Herzblut ausübe, kann ich auf Dauer erfolgreich machen, egal ob das die Ausbildung zum Fliesenleger ist oder das Studium.

Mit freundlichen Grüßen
Ihre Kreishandwerkerschaft Fulda
Herbert Büttner" +++