Voneinander lernen - Perspektiven schaffen

"Wer diese Jugendlichen nicht kennenlernt, hat wirklich was verpasst"

Abschiedsfoto der Gruppe nach einer erfolgreichen Betriebsbesichtigung bei Wirthwein
Fotos: Fenja Sürken

12.10.2017 / FULDA - Liban kam 2014 nach Deutschland. Damals war er 17 Jahre alt. Zuvor lebte er in Somalia, genauer gesagt in Kismaayo, einer Hafenstadt im Süden des Landes. Wie man weiß, herrscht in Somalia Bürgerkrieg. Seit 1991 der Zentralstaat kollabierte, kämpfen unterschiedliche Klans um wirtschaftliche und politische Macht. Liban war in seinem Heimatland nicht mehr sicher und begab sich daher auf die Flucht. Der 19-Jährige lebt nun seit zwei Jahren in Deutschland.

In diesem neuen Land war es nicht immer einfach für ihn, sich zurechtzufinden. Doch er bekam Unterstützung bei “Perspektiva“ – einer gemeinnützigen Initiative, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, förderbedürftigen Jugendlichen bei der Integration in die Ausbildung zu helfen. Heute ist Liban als Azubi dabei, einen Grundstein für seine Zukunft in Deutschland zu legen. Doch bis dahin war es ein langer Weg, auf dem ihn Perspektiva begleitet hat.

Bevor Liban nach Deutschland kam, besuchte er in Somalia die Hauptschule. Seinen Bildungsweg setzte er in Deutschland an der Richard-Müller-Schule fort. Zum Programm seiner Integrationsklasse gehörte auch der wöchentliche Unterricht bei Perspektiva, da eine Kooperation mit der Richard-Müller-Schule besteht. In dem so genannten „welcome-work-projekt“ bekam er unter anderem wertvolles Wissen für die Jobsuche und Förderung zum Verständnis der deutschen Bürokratie.



Tatiana Blömer ist Projektleiterin von „welcome work“. Sie und ihre Kollegen haben Liban während des Prozesses der Berufsfindung begleitet. Er und die anderen Teilnehmenden sollen verstehen, was ihre Wünsche bedeuten und wie ihre Fähigkeiten und Interessen in der Berufswelt eingesetzt werden können. „Das ist eine große Herausforderung,“ äußert sich Blömer. Sie hat manchmal das Gefühl, den jungen Menschen ihre Träume zu nehmen. Doch auch diese Ernüchterung ist Teil der Berufsfindung. In Deutschland stehen die jungen Ausländer dem Problem der Anerkennung der in ihrer Heimat erbrachten Leistungen und zunächst unzureichenden Sprachkenntnissen gegenüber. Der 20-jährige Saleh hat diese Erfahrung gemacht. Er begann ein Jahr nach Liban bei Perspektiva Fuß zu fassen. Der junge Syrer würde heute in seinem Heimatland das zweite Jahr seines Jura Studiums absolvieren. Anwalt zu werden, war immer sein Traum. Stattdessen überlegt er nun in Deutschland, zunächst als Elektriker seine Chance zu ergreifen. Dass die meisten Geflüchteten hier keine weiterführenden Schulen besuchen, liegt vor allem daran, dass ihnen erst der feste Ausbildungsvertrag Sicherheit vor Abschiebung bietet. Das ist gerade für junge Frauen, die häufig in den medizinischen Bereich wollen, ein Problem. Denn die Anforderungen der Arbeitgeber können sie ohne Realschulabschluss meist nicht erfüllen. „Deshalb freuen wir uns besonders, wenn uns zahnmedizinische oder allgemeinmedizinische Praxen kontaktieren und Interesse an Azubis bekunden,“ so Blömer.



Darüber hinaus ist nicht selten der Asylstatus ein Hindernis auf dem Weg zum Ziel. Während Libans somalische Herkunft eine relativ gute “Bleibeperspektive“ bedeutet, ist zum Beispiel bei Menschen aus Afghanistan die Gefahr einer Abschiebung größer. Die Zukunft ist ungewiss: Die Jugendlichen haben Angst, sich zu sehr auf ihre Ziele in Deutschland zu fokussieren. Diese Sorge kennt Nadeem allzu gut. Der 19-jährige Afghane lebt seit zwei Jahren in Deutschland und strebt an, eine Ausbildung als Verkäufer oder Busfahrer zu absolvieren. „Ich möchte das Recht haben, in Deutschland zu leben, hier eine Zukunft haben und arbeiten,“ betont er immer wieder. Um diese Chance zu bekommen, war er drei Monate auf der Flucht. Als er in Griechenland mit dem Boot ankam, wurde er aufgefordert, nach Bulgarien weiterzuziehen. Die Behörden schoben ihn von Land zu Land: Über Bulgarien nach Serbien passierte er Ungarn und Österreich, bevor er letztendlich in Deutschland ankam. „Auf dem Weg hatten wir oft nicht genug Essen und Trinken,“ erinnert er sich. Seine Eltern musste der damals 16-Jährige in Afghanistan zurücklassen. Die Ungewissheit im Hinterkopf, nach dieser langen Reise Deutschland womöglich wieder verlassen zu müssen, zerrt an seiner Motivation.



Nadeem schöpfte jedoch neue Hoffnung, als er Libans Ausbildungsstelle bei der Firma Wirthwein besuchte. Die Schüler des diesjährigen „welcome work“ Jahrgangs sollen von Libans Erfahrungen profitieren. Interessiert lauschen die Geflüchteten dem jungen Somalier, der von seinem Arbeitsalltag als Werkzeugbauer berichtet. „Wirthwein ist Hersteller von Kunststoffkomponenten aller Art, die zum Beispiel in Automobilen zum Einsatz kommen,“ erzählt er seinen Zuhörern. Liban durchläuft hier das so genannte EQ-Programm, welches die betriebliche Einstiegsqualifizierung fördern soll. Ein Jahr lang können seine Leistungen unbewertet bleiben. Dadurch bleibt Zeit, sich in die Firma einzufinden und die Sprache zu lernen: „Das ist ein großer Vorteil für mich." Wenn er eine Frage hat oder Unterstützung braucht, steht ihm als EQ-Auszubildenden ein Pate zur Verfügung. „Oft wissen die Jugendlichen nicht, was in der Berufsschule oder im Betrieb auf sie zukommt. Die Firma Wirthwein geht hier mit besonders engagiertem Beispiel voran,“ so Blömer. Sie ist überzeugt: „Integration durch Arbeit ist ein sehr guter Weg.“ Liban mache jetzt immer mit den anderen Jungs zusammen Mittagspause, damit sie die Fußballergebnisse besprechen können, erzählt Manuela Nehring, die Personalreferentin von Wirthwein, lachend. „Gerade über solche einfachen Alltagsthemen funktioniert doch Integration.“

Liban nimmt bei der Betriebsbesichtigung eine Vorbildfunktion ein. Er konnte den anderen zeigen, wohin er es geschafft hat. Wer weiß, vielleicht tritt jemand des diesjährigen welcome-work Jahrganges in seine Fußstapfen. Perspektiva gibt dafür den Anstoß in die richtige Richtung und will gleichzeitig den Unternehmen zeigen, wovon Tatiana Blömer schon lange fest überzeugt ist: „Wer diese Jugendlichen nicht kennenlernt, der hat wirklich was verpasst.“ (Fenja Sürken) +++