Der unbekannte "Kanzler der Einheit"

CDU-Politiker über Helmut Kohl auf Point Alpha: "von Standfestigkeit lernen"

Hatte viel über den "Kanzler der Einheit" zu erzählen: Ex-Ministerpräsident Bernhard Vogel
Fotos: Carina Jirsch

19.07.2017 / RASDORF - Hildigund Neubert vom Vorstand der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) begrüßte am Dienstag-Abend die rund 200 Gäste zu einer ganz speziellen Gedenkveranstaltung für den kürzlich verstorbenen "Kanzler der Einheit" Helmut Kohl im Haus auf der Grenze bei Rasdorf. Gemeinsam mit der Point Alpha Stiftung hatte man zu der hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion über die politischen Weichenstellungen Helmut Kohls eingeladen. Der ehemalige Ministerpräsident von Thüringen und Rheinland-Pfalz, Prof. Dr. Bernhard Vogel und der frühere Sprecher der Bundesregierung, Friedhelm Ost sowie der Thüringer CDU-Bundestagsabgeordnete Christian Hirte debattierten zum Thema „Deutschland - das nächste Kapitel. Helmut Kohl – Patriot, Brückenbauer und Zukunftsvisionär".



"Es mag Ihnen vielleicht befremdlich vorgekommen sein, dass unser Motto so kurz nach dem Tod Helmut Kohls schon vom nächsten Kapitel spricht", begann Hildigund Neubert, um dann mit einem Zitat von Erich Fried fortzufahren: "Wer will, dass die Welt so bleibt wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt". Dass Helmut Kohl so häufig mit dem Begriff des "Aussitzens"  in Verbindung gebracht werde, sei keine zutreffende Charaktersierung, wohl aber die Gelassenheit des gelernten Historikers, der sich nicht von den Ereignissen der Zeit treiben lasse.

Unter den großen Staatsmännern der Bundesrepublik Deutschland nehme der kürzlich verstorbene Bundeskanzler einen besonderen Platz ein. Er sei sowohl Patriot als auch Europäer gewesen. Die Liebe zu Deutschland und der Wunsch nach Wiedervereinigung der geteilten Nation in Frieden und Freiheit seien für ihn untrennbar verbunden mit dem Vorantreiben der Einigung Europas gewesen. Aufgabe der nachfolgenden Generationen in Deutschland sei es, diese Ziele weiter zu verfolgen und zu befördern, um der Zukunft neue erfolgreiche Kapitel hinzuzufügen.

Der ehemalige Ministerpräsident Benhard Vogel begann seinen Vortrag mit dem Satz "Wann käme man nicht gerne nach Point Alpha, auch wenn der Anlass wie heute ein trauriger ist." Er habe Helmut Kohl am längsten von allen Anwesenden gekannt, konstatierte er unwidersprochen. Schon 1954 habe er gemeinsam mit Helmut Kohl Geschichte und Politikwissenschaften bei Dolf Sternberger in Heidelberg studiert. Einer seiner Kommilitonen habe schon damals auf den schlanken hochgewachsenen Kohl auf seiner Lambretta gezeigt und hellseherisch gesagt: 'Der wird mal Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz'. Als Vogel schließlich in Kohls Kabinett Kultus- und Heiner Geißler Sozialminister wurde, habe der Baden-Würtembergische Ministerpräsident Hans Filbinger gefrotzelt: 'Jetzt werden in Mainz schon Lausbuben Minister'.

Man sei durchaus nicht immer einer Meinung gewesen, erinnerte sich Bernhard Vogel und verteidigte Kohl gegen das Fehlurteil, er habe nur Claqueure um sich geschart. Es habe ihn, Vogel, deshalb sehr bewegt, dass sich beim Requiem für Helmut Kohl auch dessen Kritiker und Widersacher Heiner Geißler, Kurt Biedenkopf und Norbert Blüm vor dessen Sarg verneigt hätten. "Ich hätte mir gewünscht, dass das auch seiner Familie gelungen wäre", fügte Bernhard Vogel nachdenklich hinzu.

Der ehemalige Regierungssprecher Friedhelm Ost hatte in seinen zum Teil sehr persönlichen Erinnerungen ebenfalls ein differenziertes und oft humoriges Bild des großen Pfälzers gezeichnet und vielerlei Anekdoten zum Besten gegeben. Als jüngster in der Runde bekannte Christian Hirte, er habe sich in seiner Kindheit und Jugend keinen anderen Kanzler als Helmut Kohl vorstellen können. Er beleuchtete vor allem Kohls Verdienst, das bis dahin negativ geprägte Bild Deutschlands in der Welt massiv zum besseren verändert zu haben. Immer habe er als fairer Mittler agiert und sei vor allem im Ausland auch so wahrgenommen worden. "Kohl wusste, dass es in gutem nationalen Interesse ist, die europäische Einigung voranzutreiben. Wir haben heute die Chance, unseren Einfluss geltend zu machen und am Erfolgsmodell Europa weiterzuarbeiten", sagte Hirte, der Deutschland als Stabilitätsanker in Europa bezeichnete.

Moderator Bernd Hilder ermunterte die Podiumsteilnehmer, über die Bedeutung und das Vermächtnis Helmut Kohls ins Gespräch zu kommen. Mit dem schönen Statement "Von Helmut Kohl kann man zwar nicht das Twittern, aber die Standfestigkeit lernen", schloss der mittlerweile 84-jährige Benhard Vogel seine Betrachtungen.+++

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