Heute Abend TV-Bericht in der ARD

SZ: Überdurchschnittlich viele Rücken-OPs in Osthessen - Erste Stellungnahme


Symbolbild: Pixabay

19.06.2017 / FULDA - Alarmierende Zahlen: Einem Bericht der Süddeutschen Zeitung (SZ) zufolge, der heute auf deren Hompage veröffentlicht wurde, werden in den Kreisen Fulda, Hersfeld-Rotenburg sowie dem Vogelsbergkreis überdurchschnittlich viele Rücken-OPs durchgeführt. Allein im Landkreis Fulda wurde demnach die Wirbelsäule von Patienten im Jahr 2015 etwa 2,7-mal so häufig versteift wie im bundesweiten Mittelwert.

Die SZ beruft sich auf einen Untersuchungsbericht, der von einem Team von Journalisten gemeinsam mit Computerexperten des Heidelberger Instituts für Theoretische Studien im Auftrag des WDR Daten erstellt wurde und in dem 130 Millionen Krankenhausaufenthalten analysiert und auf regionale Auffälligkeiten untersucht wurden. OSTHESSEN|NEWS hat in dieser Angelegenheit um Stellungnahmen von Dr. Sami Al-Hami vom Neuro Spine Center im Münsterfeld, Dr. Michael Karl Eichler vom Wirbelsäulenzentrum Fulda/Main-Kinzig sowie von Professor Dr. Robert Behr vom Klinikum Fulda gebeten. 

Behr ist Chefarzt der Klinik für Neurochirurgie und arbeitet seit 16 Jahren im Klinikum Fulda. Zudem ist er Zweitmeinungsgutachter der AOK Hessen. In den letzten anderthalb Jahren hat er rund zwei Dutzend Gutachten zu Operationsempfehlung von Kollegen aus der Region angefertigt: "Bei keinem dieser Gutachten habe ich die Indikation zur Operation sofort nachvollziehen können", sagt Behr. Seinen Zahlen zufolge hat sich die Zahl der Neurochirurgen in der Region Osthessen erheblich vermehrt. "Neurochirurgische Fachärzte werden ja nicht nur konservative Behandlungen durchführen. Das sind schließlich Chirurgen", erklärt Professor Behr. Am Klinikum Fulda habe es keinen signifikanten Anstieg an OP-Zahlen gegeben. Im Übrigen würden diese Zahlen auch im Qualitätsbericht der Krankenhäuser im Internet veröffentlicht.

"Karin V. leidet an Rückenschmerzen, ein Allerweltsproblem, wie es unzählige Menschen jeden Tag in Deutschland plagt", schreibt die SZ. "Siebenmal haben Ärzte ihren Rücken operiert, doch es wird nicht besser. Im Gegenteil: Heute ist sie zu 60 Prozent schwerbehindert, sie verbringt viele Stunden täglich im Bett. Ein Gutachter hat ihren Fall untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass die vielen Operationen nicht zwingend notwendig waren. Die Eingriffe haben mehr geschadet als genutzt. Sie haben das Leid der Patientin nicht gelindert, sondern verschlimmert."

Den Fall von Karin V. zeigt der Film "Operieren und kassieren", der heute Abend um 22.45 Uhr in der ARD zu sehen ist. Es geht darin um regionale Auffälligkeiten von Operationen in Deutschland. Die Auswertung der oben genannten Studie, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt, zeige: "Wer in Deutschland operiert wird und wer nicht, hängt auch vom Wohnort ab. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch der ,Faktencheck Rücken' der Bertelsmann-Stiftung, für den in einer parallelen Auswertung Auffälligkeiten in Klinikdaten aufgespürt wurden."

In Bayern habe sich die Zahl der Patienten mit Rückenschmerzen seit 2007 mehr als verdoppelt.
Aber auch erstaunlich viele Patienten, die in Osthessen leben, hätten eine Spondylodese, also eine Versteifung von zwei oder mehr Wirbelkörpern, erhalten. Diese Operation gehöre, so die SZ, generell zu den häufigsten Eingriffen in Deutschland. Doch in Osthessen werde es bemerkenswert: Drei der fünf Landkreise mit der größten Zahl an Spondylodese-Patienten lägen in dieser Region. Zwei weitere Schwerpunkte in Oberfranken: im Landkreis Kulmbach sowie in der kreisfreien Stadt Hof in Bayern.

"Die Auswertung der Daten zeigt: Die Wirbelsäule von Patienten aus dem Landkreis Fulda wurde im Jahr 2015 etwa 2,7-mal so häufig versteift wie im bundesweiten Mittelwert", schreibt die Süddeutsche Zeitung. "Während in Deutschland durchschnittlich 89 solcher Operationen auf 100.000 Einwohner kommen, sind es in Fulda 239. Im benachbarten Landkreis Hersfeld-Rotenburg sind es 227, im Vogelsbergkreis 197. Seit 2009 haben diese Eingriffe an der Wirbelsäule deutschlandweit um 19 Prozent zugenommen. In Fulda hat sich die Zahl im gleichen Zeitraum sogar mehr als verdoppelt."

Auch weitere Eingriffe an der Wirbelsäule, etwa Bandscheiben-Operationen, gebe es in Osthessen weit häufiger als im Bundesdurchschnitt. Dies könne nicht damit erklärt werden, dass Patienten aus anderen Regionen nach Osthessen reisen, um sich dort von Spezialisten behandeln zu lassen, denn in der Statistik erfolgt die Zuordnung nach dem Wohnort des Patienten, nicht nach dem Standort der Klinik. Auch ließe sich die Abweichung nicht damit erklären, dass dort womöglich ältere Menschen leben als anderswo - die Statistiker hätten solche demografischen Effekte bereits herausgerechnet. (SZ/O|N) +++