Generalsekretär im Exklusiv-Gespäch

Rotkreuz-Chef As Sy: "Es gibt keine humanitäre Lösung für politische Probleme."

"Es gibt keine humanitäre Lösung für politische Probleme. Wir können nur Not lindern", sagt Elhadj As Sy, Generalsekretär der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC).
Fotos: Hendrik Urbin

13.06.2017 / GENF - "In einer globalisierten Welt kann man keine Grenzen schließen", sagt Elhadj As Sy, Generalsekretär der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC). Im Gespräch mit den OSTHESSEN|NEWS-Reportern in der Genfer Rotkreuz-Zentrale hat der ranghöchste Repräsentant der weltweit tätigen Hilfsorganisation über die Flüchtlingskrise und ihre Folgen für Europa gesprochen.



"Die Flüchtlingsströme sind Konsequenzen von Problemen, die wir nicht gelöst haben", so As Sy, der vom inakzeptablen und fürchertlichen Bürgerkrieg in Syrien spricht. Schon drei Mal hat er sich in den Krisengebieten vor Ort ein Bild gemacht, zuletzt vor gut acht Wochen. "Frauen, Kinder und alte Menschen leben dort in Ruinen, alles ist verbombt. Sie haben keine Perspektive. Wenn man die Kinder fragt, was sie in Zukunft machen möchten, dann bekommt man eine schockierende Antwort: Wenn ich groß bin, werde ich Kämpfer."

Bei seinem letzten Deutschlandbesuch vor 14 Tagen hatte der Generalsekretär ein Treffen mit Bundesaußenminister Sigmar Gabriel in Berlin. Es ging darum, die Zusammenarbeit der Bundesregierung mit Vertretenen internationalen Organisationen weiter zu vertiefen. Das Fazit des Roundtable zu Flucht und Migration: "Europa muss wieder eine wichtigere Rolle spielen, denn Europa hat sie verloren. Verhandler Russland, die Türkei, der Iran und die USA - und nicht Europa."

Auch knapp zwei Jahre nach dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise im Sommer 2015 habe das Thema keinesfalls an Brisanz verloren. "Es kann jederzeit wieder passieren. Umso wichtiger, dass die internationale Gemeinschaft nun die Lehren aus den vergangenen Jahren zieht und gemeinsam Grundsätze zu Flucht und Migration etabliert werden." Europa müsse sich stärker engagieren und mit einer gemeinsamen Stimme sprechen, um Fluchtursachen nachhaltig zu bekämpfen. "Flüchtlingsströme vom afrikanischen Kontinent und aus dem Nahen Osten können wir nur verhindern, wenn wir gegen den Klimawandel, gegen die Aufrüstung und gegen religiösen Fanatismus kämpfen", so der Außenminister beim Roundtable im Beisein von As Sy.

Der Generalsekretär macht mehr als deutlich: "Es gibt keine humanitäre Lösung für politische Probleme. Wir können nur Not lindern. Wir erfüllen als Rotes Kreuz nur einen Auftrag: Wir sind in schwierigen Zeiten an der Seite der Menschen in Not." (Christian P. Stadtfeld) +++

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