"Stellen Sie sich Ihrer Verantwortung!"

Widerstand wächst! Immer mehr Unterstützer für "Heilbad statt Windrad"

Bürgerprotest am Freitagabend in Bad Salzschlirf ...
Fotos:Martin Angelstein

12.09.2016 / BAD SALZSCHLIRF - In der Region Bad Salzschlirf / Großenlüder / Schlitz wächst der Widerstand gegen zwei überdimensio-nale Windkraft-Industriegebiete: am "Strangelsberg" und auf dem Bad Salzschlirfer Hausberg "Steinberg" sollen bis zu 200 Meter hohe Windräder entstehen. Das Regierungspräsidium Kassel beabsichtigt, die zwei für Bad Salzschlirf geplanten Windkraft-Industriegebiete in der entscheidenden Sitzung der Regional-Versammlung am 7. Oktober endgültig auszuweisen. Zuvor wird allerdings am 16. September ein letztes Mal im "Arbeitskreis Energie" am RP Kassel über Vorentscheidungen verhandelt. Nicht nur die Bürgerinitiative "Heilbad statt Windrad" hofft, dass am kommenden Freitag das Windkraftvorhaben abgelehnt wird. 

Die Salzschlirfer Windkraftfläche am Strangelsberg ist groß: Sie umfasst rund 200 Hektar  und reicht bis Großenlüder-Eichenau. Die kleinere WKA-Fläche am Steinberg liegt dicht 
am Melmberg, der vom Kurort aus sehr sichtbar ist.



Gegen die vorgesehene Ausweisung richtet sich seit dem 05. September eine Unterschriftenaktion der BI Heilbad statt Windrad ( Bad Salzschlirf) und der Umweltverein „Landschaftsschützer zwischen Rhön und Vogelsberg“ e. V. Die Adressaten sind Landrat Bernd Woide, MdL Dr. Walter Arnold und Dr. Norbert Herr (alle drei LK Fulda) als Mitglieder der Regionalversammlung Nordhessen. Und auch der persönliche Widerstand vieler Bürger der Region gegen die Windkraftanlagen wächst: über 70 Bürger kamen am Freitagabend zu einer Protestveranstaltung vor den "Badehof" in Bad Salzschlirf. 

Der Bad Salzschlirfer Bürgermeister Matthias Kübel verwies in seiner Begrüßung auf die großen Bemühung des einzigen Badeort im Landkreis Fulda, der nach schwierigen Zeiten in der Vergangenheit dieses Jahr wahrscheinlich ein Plus von zehn Prozent bei den Gästen verzeichnen könne. Kübel wehrte sich dagegen, einerseits das Biosphäörenreservat Rhön "Windkraftfrei" zu halten, um anderer-seits anderen Erholungsregionen damit zu belasten. Angesichts solcher Pläne müsse ein "Aufschrei der Empörung" durch die Bevölkerung gehen und bei jedem Kommunalpolitiker, der Verantwortung für den Kurort trage.

Für den Vorstand der BI „Heilbad statt Windrad“ und den  Umweltver-ein  „Landschaftsschützer zwischen Rhön und Vogelsberg“ e. V. trug die Vorsitzende Dr. Ute Schmidt-Berger ganz neue Argumente vor. Ihrer Meinung nach könnten die beiden Windkraftstandorte durch die Tatsache verhindert werden, dass es für das bei Großenlüder-Lütterz bestehende Navigationsfunkfeuer "DVOR Fulda" der Deutschen Flugsicherung einen Schutzradius von 15 Kilometer gebe. Diesen habe das RP Kassel ohne Begründung auf 3 km reduziert - doch es gebe Widerstand und die Hoffnung, dass die Flugsicherung bzw. das "Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung" (BAF) diese Eigenmächtig-keit nicht akzeptiere. Damit müßte zumindest das Planungsvorhaben "FD 32" (Strangelsberg) gestrichen werden.

Bei der Verhinderung des zweiten Standortes "FD23" (Steinberg) setzen die Umweltschützer auf ein noch nicht berücksichtigtes Vorkommen des geschützten und seltenen Rotmilans. Karin Bettinger, die 2. Vorsitzende des NABU- Großenlüder/Bad Salzschlirf und Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt und Landwirtschaft in der Gemeindevertretung Großenlüder, schlug unter Hinweis auf neue Entdeckungen vor, dass die Gemeinde Bad Salzschlirf gemeinsam mit der Gemeinde Großenlüder im Frühjahr 2017 Untersuchungen und ein Gutachten über Rotmilanreviere in diesem Waldbereich in Auftrag geben sollte. Auch Fledermausvorkommen sowie Eulenarten sollten auf ihr Vorkommen innerhalb der Wind-Vorrangfläche FD 32 untersucht werden. Bei dem Gebiet um den Steinberg handele es sich um ein "Dichtezentrum für Rotmilane".

Weiterhin habe es im Waldgebiet des Atzmannstein in diesem Jahr nachweislich eine Schwarzstorchenbrut mit 5 Jungvögeln gegeben. Diese Jungvögel würden – so liegt es in der Natur der Schwarzstörche - versuchen sich heimatnah anzusiedeln, erklärte Bettinger. Daher könne davon ausgegangen werden, dass in Waldbereichen des Steinberges und des Strangelsberges – besonders da wo Altholz-bestände vorhanden sind – eine Ansiedelung über kurz oder lang stattfinden werde oder vielleicht sogar schon stattgefunden habe.

Weiterhin wies sie darauf hin, dass im BImschVerfahren „Steinberg“ nicht die gesetzlich geschützten Biotope – hier besonders die Quellgebiete – beachtet wurden. Am Erörterungstermin in Angersbach im Frühjahr dieses Jahres habe sie einen Antrag auf Untersuchung der Auswirkungen der Gründung auf diese Quellbereiche gestellt. Auf Nachfrage beim RP Gießen lägen noch keine Informationen über durchgeführte Untersuchungen der Quellbereiche vor. 

Abschließend meinte Frau Bettinger: "Wir dürfen nicht Waldgebiet nach Waldgebiet industriell nutzen, verlärmen und zerstören um eine Energieerzeugung aufzubauen, welche als nicht zuverlässig (grundlastfähig) betrachtet werden muss. Solange dieser Windstrom nicht speicherbar ist, ist es ein Unding hierfür unsere Wälder – die größten CO2 Speicher – mitsamt ihrer Natur und Artenvielfalt sowie ihrer Bodendenkmäler – zu zerstören. Nicht vergessen darf man auch, dass Wälder die größten Wasserspeicher und Wasserfilter sind".

Unterstützung finden die Bad Salzschlirfer auch auch politisch beim Bürgermeister der Nachbargemeinde Großenlüder, Werner Dietrich, der sich für den Schutz des Kurortes Bad Saalzschlirf vor Windkraftanlagen stark macht. Die Demokratiemüsse nicht die Mehrheitsinteressen eines Bundes-Windkraftkonzeptes, sondern sie Minderheitsinteressen des Kurortes in Bezug auf angemessene Abstände von Windkraftanlagen anwenden und praktizieren.

"Es geht aber auch und besonders um die Kernaufgabe des Kurortes, nämlich kranken Menschen bestmögliche Erholung und Genesungsbedingungen zu bieten" schrieb Dietrich in einem vorgelesenen Grußwort. Wenn einerseits seltene Vögel und Tiere zu Recht geschützt würden, dann dürften Kursorte nichtd nachrangig, sondern gleichberechtig behandelt werden. Dietrich forderte alle Verantwortlichen auf, "sich ihrer Veranwortung für den Kurort zu stellen und sich solidarisch mit Bad Salzschlirf zu erklären". (Martin Angelstein)  +++


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