HFV-Präsi und Landrat Stefan REUß zu Gast
Ehrenamt ist nicht bekloppt - Karsten VOLLMAR will Vereinen helfen
Fotos: Gerhard Manns
04.08.2016 / BAD HERSFELD -
"Du bist doch bekloppt. Du machst das alles, ohne Geld dafür zu bekommen", schildert eine Frau von Kommentaren, die sie erhält. Sie engagiert sich ehrenamtlich in Vereinen. Was im kleinen Dorf noch funktioniert, ruft in Städten immer mehr Verwunderung hervor. Wie kann man nur etwas tun, ohne Bares dafür zu bekommen? Es scheint als wäre in der Werte-Gesellschaft kein Platz dafür. Wer nichts tut, der hat seine Ruhe. Doch: Wenn dieser "Ehrenamts-Verweigerer" vielleicht mal selbst Hilfe braucht? "Ohne Ehrenamt keine Bundesrepublik", sagt ein anderer Gast. Bad Hersfelds Bürgermeisterkandidat Karsten Vollmar hat am Dienstagabend zu einer Diskussionsrunde die Vereinsvertreter aus der Kreisstadt eingeladen.
Über 100 Vereine gibt es im Stadtgebiet, 45 sind Mitglied beim Landessportbund. Die Herausforderungen sind nahezu identisch - egal, ob Musik-, Sport- oder kulturelle Vereine. Vorstände fehlen, Vereinsheime stehen leer, sogar Auflösungen sind keine Seltenheit mehr. Die Motivation, sich in einem Verein zu engagieren, schwindet. Alles nichts Neues.
Sein Ziel sei es, Menschen für freiwillige Dienste zu begeistern. Dabei gehe es auch darum, diejenigen zu aktivieren, die sich einbringen wollen, aber nicht zwangsläufig in einen Verein wollen. So kümmern sich beispielsweise 15 Fahrer um die Nahversorgung in einer Kommune und organisieren so den Bürgerbus. Die Fahrgäste spenden je nach den persönlichen Möglichkeiten. 75 von 133 Dörfern im Werra-Meißner-Kreis beteiligen sich am jährlichen Freiwilligentag Anfang September. Ob Reperaturen, Rasen mähen oder Pflasterarbeiten - die Menschen kümmern sich gemeinsam um ihre unmittelbare Nachbarschaft in ihren Dörfern. Die Sparkasse unterstützt dies. Jedes Dorf bekommt 200 Euro, um etwa abends nach dem Arbeitseinsatz zusammen zu sitzen und etwas zu trinken oder zu essen.
Die Ehrenamtsarbeit sei in Schieflage geraten. Dabei seien die Vereine so wichtig. Sie seien Heimat für viele Menschen, vor allem auch für Jugendliche. "Was machen Jugendliche, wenn sich keine Vereinsangebote mehr nutzen können? Sie kommen auf dumme Gedanken", sagt Vollmar weiter. Er will zudem den Tag des Ehrenamt einführen und Angebote für Bildungsangebote für Vereinsvertreter zum Bespiel bei Rechtsfragen oder Steuererklärungen schaffen.
In der anschließenden Diskussionsrunde wurde deutlich, wo der Schuh drückt. Die Vereinsvertreter mahnten an, dass sie auf die Zuschüsse der Stadt angewiesen sind. Der Ruderverein wartet seit 2015 auf eine Antwort in Sachen Zuschussantrag. Die Bürokratie sei ein weiteres Hindernis, was auch Reuß zugab.
Der Vertreter vom TV Hersfeld machte den Vorschlag, dass sich die Vereine mehr untereinander helfen könnten. Jeder habe Stärken, die man gegenseitig austauschen könne. Was die finanzielle Situation der Vereine angeht, hatte Lars Stippich vom SVA Bad Hersfeld einen weiterer Vorschlag. In Bad Hesrfeld hätten sich zwar große Unternehmen angesiedelt, die aber die örtlichen Vereine kaum unterstützen würden. Vielleicht könnte ein Sponsorenpool die Motivation verbessern. Die Unternehmen zahlen einen Betrag in den Pool. Nach einem Schlüssel erhalten alle Vereinen einen Anteil. Für Hartmut Kirsch aus Heenes sind die Jugendfördervereine ein Dorn im Auge. Reuß sagte, dass die Problematik bekannt sei, dies aber eine Aufgabe des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sei. Man arbeite an einer Lösung.
Reuß appelierte an die Leistungsbereitschaft der Vereine und Spieler - egal in welcher Liga. Nach dem rund zweistündigen offiziellen Teil vertieften die Vereinsvertreter mit Vollmar und Reuß die Herausforderungen, um das Ehrenamt wieder salonfähig zu machen. Eine schwierige Aufgabe in Zeiten, wo für (zu) viele Menschen der Egoismus über dem Gemeinschaftssinn steht. (Hans-Hubertus Braune) +++