"Kein Erholungsurlaub"

Drei Freunde auf Pilgerschaft - Unterwegs zu sich selbst?

Der Weg fordert seine Opfer ...
Fotos: Richard Klinkert

26.07.2016 / SANTIAGO DE COMPOSTELA - "Das Blasenpflaster war aufgebraucht - befreundet sind wir immer noch!" So könnte in Kürze das Fazit von drei jungen Männern aus Fulda lauten, die sich in diesem Frühsommer auf den Pilgerweg mit der Jakobsmuschel gemacht haben. Allerdings nicht die berühmte 800-Kilometerroute des Jakobswegs, der der bekannteste Pilgerweg der Welt ist. Schon seit über tausend Jahren wandern hier Gläubige zum Grab des Apostels Jakobus in der spanischen Stadt Santiago de Compostela. Doch unsere drei Freunde hatten nur knapp eine Woche Zeit und wollten trotzdem lieber ein gemeinsames Abenteuer erleben, als einen Partyurlaub zu buchen. Die Idee zu dieser ungewöhnlichen Herausforderung hatte Samuel, auch inspiriert von Hape Kerkelings "Ich bin dann mal weg". Ziemlich zielstrebig hat der 22-Jährige aus Fulda Schule, Lehre und Meisterbrief in Rekordzeit absolviert und schon im väterlichen Unternehmen Verantwortung übernommen. Als Ideengeber, Planer und Organisator der Reise hatte er das erklärte Ziel, einmal mit Abstand vom Alltag seinen bisherigen Werdegang zu reflektieren, Kraft für die Zukunft zu sammeln und sich intensiv damit zu beschäftigen, wie es weitergehen soll. Während Tizian (20) gerade ein freiwilliges soziales Jahr absolviert hatte und jetzt vor der Entscheidung Ausbildung oder Studium steht, hat Richard (23) seine Lehre zum Fotografen beendet und sucht aktuell nach einer neuen Herausforderung: Hamburg oder Berlin? Freelancer oder Anstellung? Ohne von tiefer Gläubigkeit motiviert zu sein, haben sie sich auf das Experiment eingelassen und waren sich durchaus bewusst, dass es kein Erholungstrip werden würde. "Wir haben vorher einen sehr detaillierten Vortrag von einem Pilger gehört, jede Menge Berichte im Netz gelesen und fleißig Listen geschrieben, was wir alles mitnehmen müssen. Gute Vorbereitung ist wichtig, sonst fällt man auf die Schnauze", kommentiert Richard aus der Rückschau. Zuvor war keiner von ihnen je mit Rucksack und Wanderschuhen losgezogen. Für die 120 km des englischen Jakobsweges "Camino Inglés" von Ferrol nach Santiago de Compostela wird „Anfängern“ eine Pilgerzeit von acht bis zehn Tagen empfohlen. Doch schonen wollten sich unsere drei Freunde aus Fulda nicht: ganze fünf Tage gaben sie sich für die Strecke und kamen durchaus an ihre Grenzen. Selbst der sportlichste Kämpfertyp kam bei diesem Pensum in den Genuss totaler Erschöpfung. Vielleicht die zwingende Voraussetzung, um in den oft großen Schlafsälen der spartanischen Pilgerherbergen tief schlafen zu können."Der dritte Tag war der schlimmste, da ging es 10 Kilometer permanent bergauf", erinnern sie sich an die Strapazen, die dann aber mit einem wunderbaren Blick belohnt wurden. Alle drei berichten von den vielen spannenden Begegnungen mit anderen Pilgern, darunter auffällig viele 20 bis 30-Jährige. "Man hilft sich gegenseitig: Pilger sind solidarisch und teilen gern." Trotz der Anstrengung und der sehr spartanischen Unterbringung in den Herbergen kamen intensive Gespräche zustande. "Wir haben über unser Leben gesprochen, wie es weitergehen soll und wird, was uns verbindet und in großer Offenheit auch über unsere Gefühle geredet." Beim Wandern kamen aber auch ganz absurde Fragen auf: Warum ist die Banane denn wirklich krumm, wieso heißt denn rechts rechts und links links? Auch gezofft haben sich die drei. "Warum soll ich noch mal aufstehen und das Licht ausmachen, wenn ich im Doppelstockbett oben liege?", war einer der nichtigen Anlässe, die aber nie lange für schlechte Stimmung sorgte.In Santiago sind alle drei platt und beeindruckt von der berühmten Kathedrale, dem Ziel aller Pilger. Stolz präsentieren sie ihre Pilgerurkunde, den sichtbaren Beweis ihrer Ausdauer. Drei junge Männer haben die selbstgewählte Prüfung bestanden und sind sich selbst und den Weggefährten ein ganzes Stück näher gekommen.+++Carla Ihle-Becker












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