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Ukraine? Singapur? Osthessen!

Borussias Verteidiger Vedran JERKOVIC: zurück in neuer, alter Heimat

Schwärmt von der Johannisau: Vedran Jerkovic, der seit Januar 2015 für Borussia Fulda spielt ...
Fotos (6): Tobias Herrling

14.04.2016 / FUSSBALL - Als Vedran Jerkovic das erste Mal seine Heimat verließ, war er gerade ein paar Monate alt. In seinem Geburtsort Bugojno, eine Stadt im ehemaligen Jugoslawien und heutigem Bosnien-Herzegowina, herrschte Krieg. Mit seiner Familie flüchtete er nach Deutschland, nach Altenkirchen in der Nähe von Köln. Sechs Jahre blieb er im Rheinland, ehe der Kroate zurück in die Heimat, nach Zagreb, kehrte und später als Fußballer gegen jetzige Größen wie Luka Modric, Mario Mandzukic oder Mateo Kovacic spielte. Seit gut einem Jahr ist Vedran Jerkovic nun wieder in Deutschland, es zog ihn nach Fulda. Der sportlichen, aber vor allem der beruflichen Zukunft wegen.



Denn der groß gewachsene Jerkovic schaffte es in seiner Heimat bis in die erste Liga, debütierte einst als 17-Jähriger für Croatia Sesvete und machte später über 50 Spiele für NK Istra im kroatischen Oberhaus. Im Trikot von Istra entstand auch das Video mit seinen besten Szenen, das im Internet zu begutachten ist. Darauf angesprochen, muss Vedran Jerkovic lachen. „Damals wurden alle Spiele gefilmt und einer hat das dann zusammen geschnitten“, so der Verteidiger, der das Video auch als Lernmaterial verwendete. „Es war ein gutes Feedback. Man konnte sehen, wie man sich in welchen Situationen wie verhält und sich dann verbessern.“

Nach Stationen bei NK Zagreb und HNK Gorica, stand er vor einer schweren Entscheidung. Es lagen Angebote aus Kroatien, der Ukraine und gar aus Singapur auf dem Tisch. Letztlich wurde es Borussia Fulda, das sich gerade anschickte, aus der Verbandsliga in die höchste Liga Hessens aufzusteigen. „Ich hätte als Profi weiterspielen können. Aber was hätte ich davon gehabt? In Kroatien verdient man nicht so gut und nach Singapur wollte ich nicht. Ich bin dankbar, dass ich diese Chance hier bekommen habe“, sagt der 24-Jährige, der in Fulda eine Stelle als Logistiker bekam – die sportliche sowie die berufliche Zukunft passte.

Das war im Januar 2015 und seitdem hat der Defensivspieler, der aufgrund seiner frühen Kindheit in Deutschland die Sprache sehr gut beherrscht, die Höhen des Aufstiegs und die Tiefen des Abstiegskampfes mitgemacht. Und auch persönlich lief es nicht immer rund: im Ausklang der Verbandsliga-Saison zog sich Jerkovic einen Haarriss im Sprunggelenk zu, stieg anschließend zu früh ein, musste längere Zeit zuschauen und kam so im ersten Hessenliga-Halbjahr nur auf wenige Kurzeinsätze. „Ich wollte unbedingt wieder spielen, es macht keinen Spaß, nur zuzuschauen“, so Jerkovic über den falschen Ehrgeiz, der ihn eher zurückwarf anstatt nach vorne zu bringen. Doch das ist seit Beginn des neuen Jahres anders: Gemeinsam mit dem erfahrenen Nikola Milankovic bildet Jerkovic die Innenverteidigung und hat sich zur Stammkraft gemausert. „Ich bin wieder fit und habe fast alle Spiele zuletzt durchgespielt“, freut sich der 24-Jährige, der nach einem starkem Lauf den Klassenerhalt mit den Borussen vor Augen hat, zuletzt aber zwei Niederlagen in Serie einstecken musste.

„Jetzt kommt das einfachste Spiel des Jahres“, sagt Borussias Nummer 14 vor dem Heimspiel am Samstag (15 Uhr) gegen Tabellenführer Watzenborn/Steinberg. „Jeder erwartet eine Niederlage, aber das ist unsere Chance. Wir haben nichts zu verlieren und zuhause geht immer was“, so der 24-Jährige, der zur Johannisau eine ganz besondere Beziehung hat: „Ich fühle mich so wohl, wenn ich aus dem Tunnel komme und die Zuschauer sehe. Es ist faszinierend, dass die Tribüne immer voll ist. Man merkt, dass das hier ein Traditionsverein ist“, gerät Jerkovic, der in seiner Heimat auch schon vor 35.000 Zuschauern gespielt hat, ins Schwärmen.

Doch dort ist Jerkovic nur noch selten, Zeit für Besuche bleibt ihm nur in der fußballfreien Zeit. Während sein Vater, seine Mutter und sein kleiner Bruder ebenfalls nach Deutschland gezogen sind und in Hanau wohnen, ist der Rest seiner Familie – Oma, Opa und seine zwei Schwestern – noch in Kroatien. Einem Land, dem auch Jahrzehnte nach Kriegsende noch die Spuren – vor allem im Hinterland – anzusehen sind. „Es ist, als wäre die Zeit stehen geblieben. Die zerstörten Häuser stehen in der Landschaft, teilweise sind Einschusslöcher zu sehen“, erzählt Vedran Jerkovic über seine Heimat – auch sein einstiges Elternhaus wurde zerstört. „Mein Vater hat damals im Krieg gekämpft, er hat uns viel erzählt. Wie viel Leid damals geherrscht hat“, erinnert sich Jerkovic an die dunklen Zeiten seines Heimatlandes.

Seine Freundin Anna lebt derzeit noch immer in Kroatien, steckt in den letzten Zügen ihres Studiums und kommt ihn ein paar Mal im Jahr besuchen. Doch das ändert sich bald: Denn im nächsten Jahr steht die Hochzeit an, dann wird auch Anna – genauso wie eine von Vedrans Schwestern - nach Osthessen kommen. Dann ist die Familie Jerkovic, die so viel erlebt hat, beinahe komplett vereint. In einem Land, das für sie zur zweiten Heimat wurde. (Tobias Herrling) +++

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