Es war einmal ... (6)
Ochsenwiese, Rabanusturnhalle und Co. ... Fuldas (fast) vergessene Sportstätten
Die Rabanusturnhalle (links) im Jahre 1967 ...
Foto: Stadtarchiv Fulda
24.03.2016 / SPORT -
Wer erinnert sich nicht an Gerd Müllers goldenes Tor von 1974? Oder an Boris Beckers historischen Sieg in Wimbledon? Sportliche Höhepunkte, die in die Geschichte eingingen. Doch nicht nur auf der großen Bühne des Sports, sondern auch im Kleinen gibt es Momente, die mehr oder weniger präsent im Bewusstsein sind. "Es war einmal ..." ist eine Rubrik, die verblasste Erinnerungen an besondere Ereignisse oder Veranstaltungen wecken soll. Im sechsten Teil unserer Serie geht es um Sportstätten der Barockstadt, die im Laufe der Zeit beinahe in Vergessenheit geraten sind.
Wo sich einmal sportlich betätigt wurde, wird im Jahr 2016 geparkt, Geld abgehoben oder es gastiert regelmäßig ein Volksfest. Früher, als die Bebauung der Stadt Fulda noch nicht so dicht wie heutzutage war, gab es zahlreiche Sportstätten, die für ihre Sportler – oder mitunter auch ihren Eigenheiten - berühmt und berüchtigt waren. Im Laufe der Zeit wurden sie Opfer einer neuen städtebaulichen Entwicklung oder wurden durch neue, moderne Anlagen ersetzt. Die drei größten Sportstätten im früheren Fulda waren die Ochsenwiese in der Magdeburger Straße, die Städtische Bleiche in den Fuldaauen und die Halle in der Bleidornkaserne auf dem Gelände des Bundesgrenzschutzes (BGS).
Die Ochsenwiese, die heute ein riesiger Parkplatz ist, wurde einst militärisch genutzt und auf Initiative des damaligen Bürgermeisters Heinz Gellings zu einem Sportfeld umfunktioniert. Es gab einen Hauptplatz im vorderen Bereich und einen Sandplatz im hinteren Teil. Dieser sandige Platz war der erste Spielort der DJK Buchonia Fulda. Die restliche Wiese bestand aus hartem Lehmboden, der sich bei starkem Niederschlag in einen matschigen Untergrund verwandelte. Blessuren waren auf diesem Untergrund vorprogrammiert und die vorbeifließende Waides erschwerte zudem die sportliche Ertüchtigung, musste doch so mancher Ball gerettet werden. Neben den Fußballern von Grün-Weiß Fulda übten auch zahlreiche Vereine ihren Breitensport oder Schulklassen ihre Klassenkämpfe auf der Ochsenwiese aus.
Die BGS-Halle: berühmt und berüchtigt
Holzpflasterboden und ein stechender, intensiver Geruch: die Bedingungen in der Bleidornkaserne waren – gelinde gesagt – erschwert. Die Halle des damaligen Bundesgrenzschutzes in Fulda war vor allem für die Austragung des aufstrebenden Hallen-Handballs bekannt, war sie doch in dieser Zeit die Einzige mit passenden Maßen gewesen. Die Handballer von Grün-Weiß, Borussia und später auch der FT Fulda hatten dort ihre Heimat. „Diese Halle hat großen Sport erlebt“, sagt Reinhold Schäfer, einer der Autoren des Buches „Sportstadt Fulda – Geschichte und Geschichten“. Da die Halle dem BGS gehörte, waren die Sicherheitsvorkehrungen, um in die Halle zu kommen, enorm. „Das hatte schon immer einige Zeit beansprucht“, so Schäfer, der sich noch gut an die Besonderheit der Halle erinnern kann. „Es gab kaum Abstände zum Zuschauer, es war alles sehr beengt.“ Und nach jedem Sturz auf den Holzpflasterboden spürte man die betroffene Stelle doppelt. Längst ist die Halle abgerissen, an ihrer Stelle steht heute eine Parkanlage der Hochschule.
Hört man den Namen Karl Storch, der Sildermedaillengewinner der Olympischen Spiele 1952 in Helsinki, denkt man zwangsläufig an die Städtische Bleiche in den heutigen Fuldaauen. Der legendäre Hammerwerfer, nach dem schon zu Lebzeiten eine Straße in der Barockstadt benannt wurde, ist untrennbar mit der damaligen Sportstätte verbunden. Sie verfügte über einen Hauptplatz mit Rasen, eine Aschenbahn sowie eine Sprunganlage. Auf dem Nebenplatz trieben die Hammerwerfer um Storch, Willi Glotzbach und Hermann Seifert ihr „Unwesen“. Dieser wurde aber auch als Bolzplatz benutzt – und barg somit manche Gefahren. „Wenn wir dort Fußball gespielt haben, mussten wir immer aufpassen, nicht umzuknicken, weil riesige Löcher im Boden waren“, erinnert sich Schäfer.
Die beiden Sportplätze der Städtischen Bleiche wurden hauptsächlich von der FT und Germania Fulda, aber auch von Schul- und Freizeitsportlern, genutzt. Als Umkleidekabinen dienten die Bleichehäuschen, die immer noch stehen, restauriert wurden und nun vom Angel- und Schiffsmodellsport genutzt werden. Heute dienen die Fuldaauen als Naherholungsgebiet der Barockstadt, in dem aber immer noch Sport getrieben wird. Neben dem Angel- und Schiffsmodellsport wird dort Tennis gespielt, geritten oder auch – sofern die Weiher gefroren sind – Eisstockschießen betrieben.
In der Domstadt gab es aber neben diesen großen ehemaligen Anlagen zahlreiche weitere, auch kleinere Sportstätten. In unmittelbarer Nähe zur Städtischen Bleiche hatte die Borussia ihre Heimat in der Johannisau. Auf dem A-Feld stand eine eindrucksvolle Tribüne aus Holz, die große Spiele erlebt hat. Gegen den KSV Hessen Kassel säumten in der Saison 1963/1964 20.000 Zuschauer das Stadion, das gefährlich überfüllt war. In der Innenstadt, in der Nähe des heutigen Café Ideal turnte in der Rabanusturnhalle die Turnerriege der FT Fulda um Hans Schlott, Hans Schwarz, Josef Deuter und Peter Jost. „Diese kleine Halle hatte einen legendären Ruf“, erzählt Reinhold Schäfer. Was zum einen an den Erfolgen der Turner, zum anderen am strengen Geruch des Fußbodens lag. Dieser bestand aus Holz, wurde mit einem speziellen Öl eingelassen und erschwerte mit dem stechenden Geruch den Turnern ihren Sport. Heute sollte es dort besser riechen, denn die Sparkasse betreibt dort eine Filiale. Geld stinkt eben nicht.
Das Stadtschloss ist heute als Rathaus der Ort der Stadtpolitik Fuldas. Früher wurde dort aber in der ehemaligen Reithalle, die dann zur Schlossturnhalle umgebaut wurde, Sport getrieben. Heute ist dort das Schlosstheater untergebracht. Der Irrgarten, der oberhalb des Schlossgartens gelegen war, wurde überwiegend schulisch genutzt und verfügte über eine Sprunganlage, ein Spielfeld sowie eine Aschenbahn. Hier trug der Turn- und Fechtclub sowie mehrere Schulen ihre Wettkämpfe aus. Im ganzen Stadtgebiet gab es weitere, kleinere Anlagen, die im Laufe der Zeit weichen mussten. Die Vereine haben dagegen in der Sportstadt Fulda neue, moderne Anlagen erhalten – an die teils kultigen Sportstätten, die beinahe in Vergessenheit geraten sind, erinnert man sich aber dennoch gerne zurück. Dazu gehört auch die berühmte „Fleckviehhalle“ in der Ruhrstraße, in der die Boxer von Borussia Fulda vor bis zu 1.000 Zuschauern mit den legendären Harry Ting, Hubert Hohmann, Conny Zenker, „Bobby“ Vogel und Clemens Schick bis in den 60er Jahren ihre Kämpfe austrugen. Die Verbandshalle, wie sie offiziell hieß, steht immer noch. Heute werden dort Verpackungen für Süßigkeiten produziert. (Tobias Herrling) +++