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Es war einmal ... (3)

Theo DIEGELMANN ... ein Künzeller als Kultfigur in Bochum

Theo Diegelmann (links) in Aktion: hier bei einem Spiel in Wuppertal
Fotos (12): privat

24.12.2015 / FUSSBALL - Wer erinnert sich nicht an Gerd Müllers goldenes Tor 1974? Oder an Boris Beckers historischen Sieg in Wimbledon? Sportliche Höhepunkte, die in die Geschichte eingingen. Doch nicht nur auf der großen Bühne des Sports, sondern auch im Kleinen gibt es Momente, die mehr oder weniger präsent im Bewusstsein sind. "Es war einmal ..." ist eine Rubrik, die verblasste Erinnerungen an besondere Ereignisse oder Veranstaltungen wecken soll. Im dritten Teil unserer Serie geht es um den Künzeller Theo Diegelmann, der in den 1960er und 1970er Jahren einer der besten deutschen Torhüter war.



Früher trugen sie eine Schiebermütze. Und keine Handschuhe. Die Position des Torhüters beim Fußball war früher eine genauso exponierte wie heutzutage. Teufelskerle, die sich ohne Rücksicht auf Verluste in das Getümmel stürzten. Theo Diegelmann kann davon ein Lied singen. Der Künzeller, Jahrgang 1939, stand in einer Zeit zwischen den Pfosten, als der Fußball noch ehrlicher Sport war, Show und Event Fremdwörter waren und Kameradschaft mehr als ein gern gebrauchter Begriff war. Theo Diegelmann spielte in den 60er und 70er Jahren in der zweithöchsten deutschen Liga, klopfte an das Tor zur Bundesliga und wurde gar von Bundestrainer Helmut Schön zu einem Lehrgang eingeladen.

„Das war im März 1965. Das war ein Lehrgang für den A-Kader für die Weltmeisterschaft 1966 in England“, erzählt der heute 76-Jährige. Unter anderem bei diesem Lehrgang dabei: Franz Beckenbauer und Sepp Maier, die beide ein Jahr später im DFB-Kader standen. Für einen Platz hat es bei Theo Diegelmann nicht ganz gereicht. Seine Karriere kann sich dennoch sehen lassen. Aus der Jugend des TSV Künzell stammend begann er seine Laufbahn, in der er an der Schwelle zur Bundesliga und Nationalmannschaft stand. Die Leidenschaft für den Fußball bekam er durch seinen Vater Franz. Ins Tor kam er dennoch eher aus Zufall. „Eigentlich wollte ich immer im Feld spielen, aber mein damaliger Lehrer, Franz Köhler, stellte mich ins Tor“, erzählt Diegelmann aus seiner Anfangszeit.

Wechsel zur Borussia: Stammtorwart über Umwege

1958, als 19-Jähriger, folgte der Schritt zu Borussia Fulda, bei der jedoch zunächst ein Jahr in der dritten Mannschaft spielen musste. „Ich durfte kein Vertragsamateur sein, weil ich zu jung war und noch nicht ein Jahr im Verein war“, sagt Diegelmann. Ein Jahr später war es soweit: Diegelmann wurde Stammtorwart beim Klub aus der Johannisau und stieg mit der Borussia direkt wieder in die damalige 2. Liga Süd auf. „Ich war fünf Jahre im Tor und wir hatten immer Erfolg“, sagt Diegelmann, der mit der Borussia auch Hessenmeister und Süddeutscher Amateurmeister wurde, stolz. Besonders in Erinnerung blieb ihm ein Heimspiel gegen Hessen Kassel im alten Stadion vor 18.000 Zuschauern: „Das war verrückt.“

Die guten Leistungen von Theo Diegelmann blieben auch größeren Klubs nicht verborgen. 1964 zog es ihn nach Baden-Württemberg, in die Regionalliga – nach der Gründung der Bundesliga 1963 die zweithöchste Liga – zum SSV Reutlingen. Beim SSV war Diegelmann sofort Stammtorhüter und tauchte erstmals in der kicker-Rangliste auf. „Ich hatte immer eine ‚Eins‘ bekommen“, lacht Diegelmann. Am Ende seiner ersten Saison in Reutlingen spielte Diegelmann mit dem SSV um den Aufstieg in die 1. Bundesliga – und scheiterte an Borussia Mönchengladbach. Ein 1:1 zu Hause war zu wenig, ein Sieg hätte es zum Aufstieg gebraucht. Torschütze für die Fohlen: ein gewisser Günter Netzer. „Das war ein blödes Ding. Ich habe seinen Freistoß an die Latte gelenkt, von dort prallte der Ball an meinen Rücken und ging ins Tor“, beschreibt Diegelmann die Szene, die den Aufstieg kostete.

Kultfigur in Bochum

Nach vier Jahren zog es Diegelmann weiter ins Ruhrgebiet. Beim VfL Bochum - in der Regionalliga West beheimatet -  wurde der Schlussmann in seinen drei Jahren zur Kultfigur. „Die Fans haben eine Fahne für mich gemacht, die so groß war, dass man sie zu dritt tragen musste“, lacht Diegelmann. Woher der Kult um seine Person kam? „Weil ich immer meine Leistung gebracht habe“, antwortet Diegelmann, der es mit Einsatz, Wille und Leidenschaft zu einem der besten deutschen Torhüter brachte. „Wir hatten ja damals keine Ausbildung, kein Torwarttraining. Wir mussten gesund bleiben und Leistung bringen“, beschreibt Diegelmann seinen Weg nach oben. In Bochum verdrängte er den langjährigen Torwart Horst Christopeit, was ihm anfangs nicht zugetraut wurde. „Ich wurde gefragt, ob ich ihn ablösen wolle. ‚Was meinen Sie denn, warum ich hier bin?‘ habe ich ihnen gesagt“, erzählt der Künzeller, der in Petersberg-Steinau wohnt.

Obwohl in Reutlingen und Bochum alles eine Nummer professioneller war, nur vom Fußball konnte man damals aber nicht leben. „Ich habe immer gearbeitet. Bei der Stadt als Angestellter“, so Diegelmann. Als Fußballer bekam er 160 DM Grundgehalt, 10 DM Startgeld pro Partie plus Prämien, die Verhandlungssache waren. „Bei einem guten Monat kamen etwa 400 DM zusammen“, erzählt Diegelmann, der in Bochum auch einmal Model stand und Werbung für ein Sportgeschäft machte. Mit dem VfL wurde Theo Diegelmann 1970 und 1971 Westmeister. Der Aufstieg in die Bundesliga gelang 1971, da hatte Diegelmann seinen Platz aber an den jungen Hans-Jürgen Bradler verloren. Er zog weiter nach Nürnberg in die Regionalliga Süd. Beim fränkischen Traditionsverein blieb Diegelmann allerdings nur ein Jahr und beendete 1972 seine Karriere als Vertragsspieler.

Lieber Feldspieler in der Gruppenliga 

Eine Rückkehr zum Hessenligisten Borussia Fulda stand im Raum. „Aber ich wollte keinem jungen Spieler den Platz wegnehmen“, begründet Diegelmann seine Absage. Er kehrte als Trainer – für eine Saison gar als Spielertrainer im Feld – zurück zum Gruppenligisten Künzell. 24 Jahre war er fortan an der Seitenlinie tätig, ehe er 1996 nach Stationen unter anderem in Neuhof, Schrecksbach und Flieden seine Laufbahn in Bad Salzschlirf beendete. Wo es ihm während seiner aktiven Karriere am besten gefallen hat? „Bochum hat mir gut gefallen, aber in Reutlingen war alles sehr familiär, das war sehr schön“, antwortet Diegelmann, der erzählt, dass alte Verbindungen auch nach Jahren noch bestehen. „Zu Dieter Nüssing (Nachwuchstrainer beim 1.FC Nürnberg, Anm. d. Red.) habe ich noch Kontakt und als Reutlingen unter Armin Veh vor Jahren wieder in die 2. Bundesliga aufgestiegen ist, hat man die damalige Mannschaft eingeladen.“

Im Laufe seiner Karriere setzte sich der Trend der Handschuhe für Torhüter durch. Einem Trend, dem Diegelmann durchaus skeptisch gegenüber stand. „Mir war das egal. Ich war immer gut. Mit Handschuhen flutschte eher mal einer durch als ohne, weil das Gefühl fehlte“, beschreibt Diegelmann seine Erfahrungen. Der Künzeller kann auf eine beeindruckende Karriere zurückblicken. Vor allem die Zeit in der Regionalliga West mit Spielen gegen Fortuna Düsseldorf, Rot-Weiß Essen, Schwarz-Weiß Essen oder Rot-Weiß Oberhausen ist ihm in guter Erinnerung geblieben. „Das waren Bomben-Spiele, da ging’s richtig rund“, erzählt Diegelmann über die Attraktivität der damaligen Liga, in der er unter anderem gegen den legendären Willi „Ente“ Lippens spielte. Warum es nicht für die Bundesliga gereicht hat? „Ich war zu alt, die haben alle auf junge Burschen gesetzt“, sagt Diegelmann. Das dürfte dann auch die einzige Gemeinsamkeit der damaligen mit der heutigen Zeit im Fußball sein. (Tobias Herrling) +++

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