„Der Trainer ist der Schlüssel“
Stefan DRESEL über die Ausbildung beim Deutschen-Fußball-Bund
Fotos: Tobias Herrling
21.10.2015 / FUSSBALL -
Vier DFB-Stützpunkte gibt es in Osthessen. In Fulda, Hünfeld, Hersfeld und Marborn werden die talentiertesten Nachwuchskicker der Region speziell gefördert. Stefan Dresel leitet zusammen mit den Trainerkollegen Frank Uffelmann, Mike Gaul und Betreuer Helmut Wenger den DFB-Stützpunkt Marborn, der früher Breitenbach hieß. Demnächst erweitert Jörg Salomon das Trainerteam. ON|Sport hat sich mit Stefan Dresel, der auch den Gruppenligisten Viktoria Bronnzell trainiert, über die Ausbildung beim Deutschen-Fußball-Bund unterhalten.
ON|Sport: Herr Dresel, wie lange sind Sie schon im DFB-Stützpunkt Marborn tätig und wie kam es zu diesem Engagement?
Stefan Dresel: Ich bin seit Beginn des Talentförderprojektes in 2002 am Stützpunkt in Schlüchtern. Wir waren dreizehn Jahre in Breitenbach und sind seit diesem Sommer in Marborn und fühlen uns dort auch sehr wohl. Ich war vor Beginn des Projektes bereits beim Hessischen-Fußball-Verband in der Talentförderung tätig und bin praktisch übernommen worden. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass wir als Trainerteam in unveränderter Konstellation seit Beginn des Projektes in diesem Stützpunkt zusammenarbeiten – das ist wohl einzigartig in Hessen und spricht für eine gewisse Kontinuität.
Stefan Dresel: Es gibt für jede Altersstufe einen eigenen Ausbildungsplan. Die Trainingsinhalte werden auf die zur Verfügung stehenden 40 Wochen verteilt. Wir arbeiten nach dem Prinzip des Blocktrainings, bei dem die Spieler sich mehrere Wochen einem bestimmten Thema widmen. In den beiden D-Junioren-Jahrgängen geht es vorwiegend um Basistechniken. Das heißt: wir trainieren das Dribbling, das Passspiel, die Ballan- und mitnahme oder auch das Kopfballspiel. Im Bereich der C-Junioren arbeiten wir weiterhin an den Grundtechniken, aber auch an individualtaktischen oder gruppentaktischen Elementen, sowohl in der Offensive als auch in der Defensive.
Stefan Dresel: Ich glaube, der DFB und auch die Arbeit der Stützpunkttrainer haben sich in den letzten Jahren optimiert. Die Inhalte sind die gleichen, aber es wird mehr im Detail gearbeitet.
ON|Sport: Können Sie das bitte an einem Beispiel verdeutlichen?
Stefan Dresel: Nehmen wir das Beispiel Passspiel. Es reicht nicht mehr zu sagen: „Der Pass war schlecht“. Sondern ich muss mit dem Spieler erarbeiten, warum der Pass schlecht war. War die Fußstellung schlecht? War das Fußgelenk fixiert? Wie war das Timing? Wie war die Passschärfe? Auf welchen Fuß wurde der Pass gespielt? Es sind viele kleine Details, die man bei der technischen Ausbildung beachten muss. Da würde ich eine Veränderung gegenüber dem Beginn des Projektes sehen.
ON|Sport: An der Nachwuchsarbeit des DFB wird häufig kritisiert, dass die Spielertypen sich zu sehr ähneln und gewisse Positionen vernachlässigt werden würden. Ist das ein Problem der Ausbildung oder liegt das an den Spielern selbst?
Stefan Dresel: Wir arbeiten mit den Talenten im Grundlagenbereich und wollen uns noch nicht spezialisieren. Wir versuchen sowohl das Defensivverhalten als auch das Offensivverhalten gleich verteilt zu trainieren. Das ist mir persönlich jedenfalls wichtig. Von daher glaube ich, dass es eher am Spielertyp liegt. Vielleicht müssen wir aber in Zukunft doch positionsspezifischer trainieren. Zumindest ein interessanter Ansatz.
ON|Sport: DFB-Sportdirektor Hansi Flick sagte kürzlich, die Talente dürften gerne „auch ein bisschen mehr Egoismus“ zeigen. Wie groß ist denn das Thema „Individualität“ im Stützpunkt?
Stefan Dresel: Das ist ein großes Thema. Wir versuchen, individuell auf die Spieler einzugehen, da wir auch drei Trainer sind und demnächst noch einen vierten bekommen. Uns ist es wichtig, dass die Spieler auch einmal mutig eine „Eins-gegen-Eins“ Situation suchen und egoistisch sind. Wir verbieten ihnen das nicht, wir fördern das eher. Wir trainieren das sowohl defensiv als auch offensiv – und da ist durchaus Mut und Risiko gefragt.
Stefan Dresel: Auch der kognitive Bereich gehört zu unseren Trainingsinhalten und muss entsprechend angesteuert werden. Wir lassen Koordinationsübungen und Life Kinetik ins Training einfließen. Schnell denken, schnell handeln und schnell laufen sind wichtige Anforderungen im Fußball.
ON|Sport: Eine große Rolle in der Talentförderung hat Gerhard Mayer-Vorfelder gespielt, der die Reformen einleitete. Was wurde denn strukturell geändert?
Stefan Dresel: Ausgangspunkt war ja das schlechte Abschneiden bei der WM 1998 und EM 2000. Bis dahin war das Fördertraining den Landesverbänden überlassen und Gerhard Mayer-Vorfelder hat dann durchgesetzt, dass das der DFB in die Hand nehmen muss. Das heißt: wenn ich mit dem DFB ein Projekt aufbaue, hat das eine andere Wertigkeit, als wenn das jeder Landesverband für sich macht. Es gab ein einheitliches Konzept, was dann flächendeckend umgesetzt wurde.
ON|Sport: Was heißt das in Zahlen ausgedrückt?
Stefan Dresel: Es gibt 366 Stützpunkte und über 1.000 Honorar-Trainer, die extra engagiert wurden, um rechtzeitig die Talente zu sichten und über vier Perioden zusätzlich zum Vereinstraining individuell zu fördern.
ON|Sport: Welche zusätzlichen Aufgaben kommen denn auf einen DFB-Stützpunkttrainer zu?
Stefan Dresel: Neben der Ausbildung und Sichtung der Talente gibt es noch Informationsabende für Vereinstrainer, um Wissen an die Basis zu vermitteln und die Kommunikation zu verbessern. Es gibt eine sportwissenschaftliche Begleitung von der Deutschen Sporthochschule und der Universität in Tübingen. Und es gibt Vergleichsspiele mit anderen DFB-Stützpunkten, um in Form eines Wettkampfes die Fortschritte zu sehen.
ON|Sport: Um was genau geht es bei diesen Informationsabenden?
Stefan Dresel: Wir wollen das Trainingsniveau an der Basis anheben. Wenn ich dort besser ausgebildete Trainer habe und diese inhaltlich und qualitativ besser arbeiten, dann bilde ich die Spieler entsprechend auch besser aus. Was uns dann wieder zu Gute kommt. Für mich ist der Trainer der Schlüssel.
ON|Sport: Sie haben den Kontakt zur Basis angesprochen. Oft heißt es, der DFB entfremde sich immer mehr von ihr.
Stefan Dresel: Natürlich machen wir in den Stützpunkten eine Elite-Förderung und keine Breitensportveranstaltung. Trotzdem versuchen wir, möglichst viel Wissen an die Basis weiter zu geben. Deshalb sind mir persönlich diese Abende mit den Vereinen wichtig. Die Kritik besteht ja oftmals deswegen, weil Vereine andere Probleme haben. Aber alle sehen ein, dass Talente gefördert werden müssen. Deshalb begrüßen die Trainer eine Institution wie den DFB-Stützpunkt.
Herr Dresel, vielen Dank für das Gespräch! (Tobias Herrling) +++