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Die freundschaftlichen Konkurrenten

Aykut BAYAR und Benedikt KAISER wechseln sich im Lehnerzer Tor ab

Kollegen statt Kontrahenten: Aykut Bayar (li.) und Benedikt Kaiser (re.) wechseln sich im Lehnerzer Tor ab
Fotos: Martin Engel/Tobias Herrling

25.09.2015 / FUSSBALL - Sie haben völlig verschiedene Ausbildungen genossen. Der eine durfte im Nachwuchsleistungszentrum eines Profiklubs das moderne Torwartspiel lernen, der andere hat sich mit Leidenschaft und Ehrgeiz nach oben gearbeitet. Dennoch begegnen sich beide auf Augenhöhe. Aykut Bayar und Benedikt Kaiser sind die gleichberechtigte Nummer eins des TSV Lehnerz, einen Reservisten gibt es nicht. Eine Konstellation, die auf diese Art in der Hessenliga einmalig ist.


"Ich glaube, wir sind der einzige Verein, der das in dieser Form praktiziert. Bislang sind wir damit sehr gut gefahren und von daher kann man das sportlich absolut nachvollziehen", sagt Benedikt Kaiser, der sich im Zwei-Spiele-Rhythmus mit Aykut Bayar im Tor des TSV Lehnerz abwechselt. Als Konkurrenten sehe man sich nicht. "Wir verstehen uns gut. Das gibt es ja auch nicht so oft, dass die Torhüter – vor allem, weil es ja um eine Position geht – gut miteinander auskommen", erklärt Bayar und Kaiser ergänzt: "Bei uns ist das Verhältnis weder auf Neid noch auf Missgunst aufgebaut, sondern wir gönnen uns das, weil der andere auch weiß, dass jeder seinen Anteil am Erfolg hat." Man pushe sich im Training und fordere sich zu sportlicher Höchstleistung, das sei ein Grund, warum der TSV jüngst so erfolgreich war.

Aykut Bayar schloss sich 2012 von Borussia Fulda dem TSV an, Benedikt Kaiser folgte ein Jahr später aus Neuhof. Dabei war Lehnerz gar nicht seine erste Wahl, wie der 23-jährige verrät: "Ich wollte eigentlich noch einmal weiter oben angreifen und war kurz davor, in Braunschweig zu unterschreiben." Es war eine weitere Chance für Kaiser, den Sprung in den bezahlten Fußball zu schaffen. Aus der Jugend des VfL Lauterbach stammend, schaffte er über Borussia Fulda den Sprung in den Nachwuchs von Rot-Weiß Erfurt. "Als ich hierher zurück nach Neuhof bin, wollte ich erst einmal Spielpraxis sammeln und hatte dann nach einer guten Saison die Möglichkeit, ein Probetraining bei Werder Bremen zu machen", erzählt Kaiser seine fußballerische Laufbahn. Eine schwere Schulterverletzung hinderte ihn an einem Wechsel an die Weser und Kaiser hängte ein Jahr in Neuhof dran. "Dann habe ich die zweite Chance mit Eintracht Braunschweig bekommen, wo ich wirklich nahe dran war. Es hat sich aber so lange hinaus gezögert, dass ich mir gesagt habe, ich schmeiße mein Studium nicht weg, nur um auf eine wage Chance zu hoffen."

Sein Kollege hingegen kam nicht in den Genuss einer solchen Ausbildung. Mit Leidenschaft und Ehrgeiz musste Aykut Bayar sich das Standing, das er heute hat, hart erarbeiten, auch wenn es der 23-jährige mit der Pünktlichkeit öfter mal nicht so genau nimmt, wie sein Trainer Henry Lesser schmunzelnd erzählt. Was beide aber gemeinsam haben, ist die Art und Weise, wie sie den Weg zwischen die Pfosten gefunden haben: aus Zufall. "Unser damaliger Jugendtorwart war nicht gerade der zuverlässigste – und wahrscheinlich auch nicht der Beste. Dann habe ich mir gedacht 'Mh, der fehlt so oft, das kann ich doch besser' – und so bin ich ins Tor gekommen", erzählt Kaiser. Bayar probierte sich in Bronnzell bis zur D-Jugend im Feld, ehe er seine fußballerische Bestimmung fand. "Im Training bin ich einfach mal ins Tor gegangen, weil unser Torwart gefehlt hatte. Das hat meinem Trainer Detlef Heil offenbar so gut gefallen, dass ich ab dem Zeitpunkt im Torwart war", sagt Bayar und ergänzt lachend: "Das spielerische wurde mir aber auch zu anstrengend."

Wie würde jetzt der eine den jeweils anderen beschreiben? "Aykut ist eine verrückte Nudel im Tor, der sich eigentlich in alles rein wirft, was vor seine Kiste kommt", so Kaiser und ergänzt: "Für flache Bälle aus kurzer Distanz gibt es in der Liga wohl keinen besseren. Ich finde, er hat sich einige Sache zu Herzen genommen und sich deutlich verbessert, zum Beispiel was das Dirigieren der Vorderleute oder sein Stellungsspiel angeht." An Kaiser schätzt Aykut Bayar "die Präsenz und die Qualitäten auf der Linie sowie im Strafraum" und gibt zu: "Er hatte eine ganz andere Ausstrahlung und es war für mich schwer, an ihn heran zu kommen. Ich hab mir dann mit der Zeit einiges abgeschaut und von ihm gelernt." Privat sei Bayar "ein positiv Verrückter" wie Kaiser sagt und immer freundlich, während er selbst als "ruhiger Vertreter" beschrieben wird.

Während Bayar als Maschinenbauer beruflich eingespannt ist, spult Benedikt Kaiser ein ordentliches Pensum ab: er wohnt in Lauterbach, spielt in Lehnerz und studiert in Frankfurt. "Wenn man Neuhof, wo meine Freundin wohnt, noch dazu nimmt, sind es vier Orte, zwischen denen ich pendle" schmunzelt Kaiser. Das sei ein "wahnsinniges Pensum", zumal im nächsten Jahr noch das Examen ansteht, dann hat er sein Gymnasial-Lehramt mit den Fächern Deutsch und Sport abgeschlossen.

Sportlich möchten beide gerne noch eine Liga nach oben klettern. "Wenn es mit der Regionalliga in Lehnerz klappt, wäre das super. Aber ich denke, das ist für mich auch das Maximum der Gefühle", so Kaiser, der den Profi-Fußball abgehakt hat und sich voll auf seinen Beruf konzentriert. "Mein persönliches Ziel ist es, so lange und so hoch wie möglich zu spielen und das ist hier in Lehnerz am ehesten umsetzbar", sagt Bayar, der für keinen speziellen Klub die Daumen drückt, während sich Kaiser als Bayern-Fan outet. "Ich habe aber auch Sympathien für Darmstadt und hoffe, das sie die Liga halten."

Was beide Torhüter auf die Palme bringt? Da sind sich die zwei einig und müssen lachen: "Wenn wir im Training beim Abschlussturnier Tore kassieren, weil die Jungs nicht zurück laufen." Und Benedikt Kaiser ergänzt. "Und wenn Patrick Schaaf ständig jeden Ball fordert, das nervt", hat Kaiser einen Seitenhieb auf seinen Kapitän parat und muss lachen. Am kommenden Samstag sitzt Benedikt Kaiser auf der Bank, das Heimspiel gegen die Spvgg. Oberrad (15 Uhr) bestreitet Aykut Bayar, der die kleine Serie des TSV fortsetzen und den Kontakt zur Spitzengruppe halten möchte. (Tobias Herrling)+++


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