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"Die Menschen streifen ihre Probleme nicht mit ihrer Ankunft ab"

Die Flüchtlingsunterkunft in der Frankfurter Straße
Fotos: Miriam Rommel

22.05.2015 / FULDA - Abiels Familie flüchtete vor über fünfzehn Jahren vor der Militärdiktatur Eritreas. Einst italienische Kolonie, annektierten die Äthiopier 1961 ihr nördliches Anhängsel. Eritrea befreite sich in einem jahrzehntelangen Unabhängigkeitskampf und ist seit 1993 einer der jüngsten Staaten weltweit. Doch die nachfolgende Regierung unter Präsident Isaias Afewerki, der ehemalige Rebellenchef, ist gekennzeichnet von Diktatur und Menschenrechtsverletzungen. Willkürliche Tötungen und Verhaftungen, Verschwindenlassen, Folter, sowie fehlende Meinungs-, Religions- und Versammlungsfreiheit stehen auf der Tagesordnung.

Die Familie von Abiel fürchtet um ihr Leben



Als Abiels Bruder zum Militärdienst eingezogen werden soll, entscheidet sich die Familie zu fliehen. Der Armeedienst ist gefürchtet. Er hat kein definitives Ende und betrifft vom Teenager bis zum 60-jährigen Senioren die gesamte Gesellschaft. Die Rekruten leisten neben dem Militärdienst auch Zwangsarbeit. Ihr monatlicher Sold von etwa 25 Euro reicht nicht zum Leben. Einige der Soldaten sterben bei Einsätzen, an Hunger oder Misshandlungen. Bei einer Nacht- und Nebelaktion packen die Eltern notdürftig ein paar Habseligkeiten zusammen, viel können sie nicht mitnehmen. 21 Tage lang dauert ihre Flucht, bis sie völlig entkräftet in ein Boot in Libyen steigen. Immer wieder müssen sie auf ihrer Reise bezahlen - in äthiopischen Birr, sudanesischen Dinar, libyschen Dinar und Dollars. Mit kaum Trinkwasser ausgestattet und noch weniger zu essen, überstehen sie jedoch auch die Überfahrt nach Italien.

Angekommen

Irgendwann landen Mutter, Vater und beide Söhne in Deutschland. Sie werden in einer Flüchtlingsunterkunft in der Frankfurter Straße in Fulda untergebracht. „Zum ersten Mal seit Jahren fühlten wir uns sicher. Wir hatten eine Unterkunft und erhielten Hilfe“. Fast zwei Jahre lebte die Familie dort, bis ihr Antrag auf Asyl genehmigt wurde. Die Söhne gingen zur Schule, schlossen eine Berufsausbildung ab

Die Menschen streifen ihre Vergangenheit nicht mit ihrer Ankunft in Deutschland ab

Heute arbeitet Abiel in einem Fuldaer Handwerksbetrieb. „Mein Freundeskreis ist multikulturell“ sagt der junge Mann, als er mit OSTHESSEN|NEWS spricht. „Meiner Familie und mir geht es heute gut. Ich kenne aber auch ehemalige Flüchtlinge, die nicht solches Glück haben. Die psychischen oder physischen Probleme streifen die Menschen nicht mit ihrer Ankunft hier ab. Viele haben Schreckliches erlebt“. Man dürfe nicht den Fehler begehen zu erwarten, dass sich alle diese Menschen nach deren Ankunft in Deutschland sofort in das hiesige System einfügen würden, so Abiel. „Einige fühlen sich einsam und verloren, leiden unter Depressionen, Angstzuständen, oder haben eine erhöhte Aggressivität.

Die Leute wollen bestimmt nicht undankbar sein, aber sie tragen Dinge mit sich herum, die unglaublich belastend sein können“. Auch habe er Menschen in der Flüchtlingsunterkunft erlebt, die sich zum Beispiel in mutwilligen Zerstörungen ein Ventil schaffen: Durch Einschlagen von Türen, Abriss von Klinken, Verunreinigungen, Zertrümmern von Spiegeln oder dem Abriss von Heizkörpern. „Deshalb ist die Betreuung durch die Mitarbeiter, wie Hausmeister und Sozialpädagogen vor Ort, die sich dieser Probleme annehmen, Hilfestellung leisten und durch den Behördenalltag leiten so unglaublich wichtig“.

Kein "Schöner Wohnen" Wettbewerb"

Abiel ärgert sich darüber, wenn Asylbewerberheime wie die Frankfurter Straße in falsches Licht gerückt werden. „ Man kann die Wohnanlage und deren Betrieb als gelungenes Beispiel für die Unterbringung, Integration und Versorgung notleidender Hilfesuchender bezeichnen. Alles Menschenmögliche ist getan, um die Situation der Flüchtlinge zu verbessern“. Natürlich habe er schon schönere Gebäude gesehen, sagt er. Man dürfe aber nicht vergessen, dass Asylbewerberheime im Allgemeinen Notunterkünfte seien, die Heimatlosen eine kostenlose Bleibe bieten und nicht Wettbewerbskandidaten bei „Schöner Wohnen“. Für Ordnung und Sauberkeit seien die Nutzer der Gemeinschaftseinrichtungen selbst verantwortlich, während die Flure, Toiletten, Duschen, etc von Reinigungspersonal und zwei Hausmeistern betreut werden.

„Sprache, Schule, Ausbildung, Beruf – Das ist der einzige Weg zu einer gelungenen Integration“ meint Abiel. „Andernfalls werden die Sozialsysteme strapaziert und es kommt zur Ghettoisierung. Das bedeutet, dass die Zuwanderer in ihren eigenen Kreisen isoliert sitzen bleiben und den Kontakt nach außen nicht mehr suchen und suchen müssen, denn für die Dinge des täglichen Bedarfes ist ja gesorgt“. Dass damit niemandem geholfen sei, verstehe sich von selbst, so Abiel. Er zumindest sei froh, in Fulda erst Hilfe und später eine neue Heimat gefunden zu haben. (Miriam Rommel) +++

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