Toleranz, Offenheit, Menschlichkeit

Neues Bündnis „Bunt statt braun“ offiziell gegründet


Fotos: Gudrun Schmidl

13.05.2015 / BAD HERSFELD - Die Idee für das Bündnis „Bunt statt braun“ im Landkreis Hersfeld-Rotenburg entstand am Runden Tisch für Demokratie und gegen Rechtsextremismus. Die Gründungsväter, zu denen Timo Schadt, Klaus Schüller und Hans-Jörg Hirschfelder gehören, wollen damit nicht nur den sperrigen Namen vereinfachen, sondern ihren Zusammenschluss auch ganz bewusst öffnen für alle Menschen, die sich für ein multikulturelles Leben, für Toleranz und Offenheit in der Region einsetzen wollen. „Bunt statt braun“ soll kein Kreis elitären intellektuellen Austausches sein. Inhaltliche Auseinandersetzung soll weiterhin in einem breiten Bündnis gesellschaftlicher Gruppen stattfinden.

Es ist gewünscht, dass ungebundene Menschen dazu stoßen und sich einbringen. „Bunt statt braun“ ist kein neuer Verein, nicht links, nicht gewerkschaftsnah, nicht parteipolitisch, sondern laut Timo Schadt ein Motto, dem sich alle anschließen können und welches sie mitgestalten können. Das neue Bündnis soll auch eine Plattform für bereits bestehende Initiativen und Vereine bieten, den Informationsaustausch und gegenseitige Unterstützung ermöglichen.

Ein breites Spektrum verschiedener Menschen, die bereit sind, sich weiterhin mit der Erinnerungskultur auseinanderzusetzen und gleichzeitig eine Willkommenskultur in der Region zu entwickeln, versammelte sich am Dienstag im Buchcafé. Timo Schadt von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten VVN-BdA, Regionalgruppe Osthessen, zitierte aus seinem vorab veröffentlichten Text, den er als gemeinsamen Gründungsaufruf verfasst hat: „Willkommenskultur ist das Stichwort. Um diese entstehen zu lassen, muss den Menschen hier in Bad Hersfeld Angst genommen werden, Vorurteile müssen verschwinden und vor allem gilt es, Offenheit zu entwickeln für Menschen in Not.

Eine wichtige Grundlage ist: Ob Verfolgung, Folter, Krieg oder Armut Ursache für die Menschen war, sich auf den Weg hier her zu machen, ist völlig egal. Menschen, die nun die Ankunft von Flüchtlingen mit Begriffen wie „Heimatschutz“ miesreden, sind aufzuklären“. Klaus Schüller, Vorsitzender des DGB Nordhessen, sieht im Sozialneid eine Gefahr, die zu rechten Umtrieben führt: „Der sozial Schwächere tritt auf den noch Schwächeren drauf“. Pegida hält er für brandgefährlich und ist damit einer Meinung mit Carsten Burckhardt aus Dortmund - Regionalleiter der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt - der als Gastredner in seine Heimatstadt gekommen ist, um das neue Bündnis zu unterstützen.


Erst kürzlich wurde er vom Bündnis „Fulda stellt sich quer“ eingeladen, bei dem es zu einem für ihn unvergesslichen Treffen mit der Ausschwitz-Überlebenden Esther Bejarano (90) gekommen ist, über das vorab auch der Fuldaer Andreas Goerke berichtete. Burckhardt betont, dass er persönlich weit entfernt ist, alles zu wissen, aber er will sich nicht schuldig machen durch Verdrängen und Vergessen. Er vertritt die Meinung, dass Verbrecher und Verbrechen beim Namen genannt werden müssen, denn Faschismus ist ein Verbrechen, keine Meinung. Burckhardt unterstreicht seine Worte mit dem Zitat von Esther Bejarano: „Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit, aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt. Ihr müsst alles wissen, was damals geschah. Und warum es geschah.“

Werner Schnitzlein, seit 30 Jahren Koordinator des Internationalen Freundschaftsfestes in Bad Hersfeld, verspricht sich durch dieses Bündnis ein sehr viel größeres Interesse seitens der Bevölkerung an diesem Fest mit Menschen aus unterschiedlichsten Nationen, Religionen und Kulturkreisen. Antonia Rösner vom Fachdienst Migration im Landkreis Hersfeld-Rotenburg informierte über ihre Tätigkeit. Sie übernimmt unter anderem die Koordination der Ehrenamtlichen, die selbstlos und von Anfang an den Flüchtlingen in ihren Unterkünften Beistand leisten. Hier ergeben sich oftmals enge Beziehungen.

Michael Krämer vom Aktionsbündnis gegen Rechtsextremismus „Bunt statt braun“ im Werra-Meißner-Kreis weist als Jurist und Richter darauf hin, dass nicht alle, die herzlich begrüßt und betreut werden, auch hier bleiben. Viele müssen wieder gehen, wenn das Asylverfahren abgelehnt wird. Monika Schmidt erklärte, dass sich das Buchcafé seit seiner Gründung mit Asylbewerbern befasst, sie betreut und begleitet hat. Dem immer wieder genannten Argument, dass die Flüchtlinge dem demografischen Wandel entgegenwirken und bestenfalls als Fachkräfte die Wirtschaft stärken, setzt Schmidt entgegen: „Was wäre, wenn die Flüchtlinge uns nicht nützten?“ Sie betont: „Flüchtlinge sind Flüchtlinge, denen musst du helfen“.

In dem geschlossenen Raum des Buchcafés waren sich alle einig, dass den Flüchtlingen mit Würde und Gastfreundschaft begegnet werden soll. Aber auch hier in der Region gibt es zahllose Menschen, die sich dieser Meinung nicht anschließen. Auch der Gefahr, dass Rassismus salonfähig wird, will dieses neue Bündnis mit Argumenten entgegenwirken. Konkrete Pläne, wie dies alles zusammengeführt werden soll, gibt es laut Timo Schadt noch nicht. Ein nächstes Treffen ist am Dienstag, den 9. Juni 2015, um 18.00 Uhr im Buchcafé geplant. Neue Mitstreiter sind herzlich willkommen und können sich vorab unter klaus.schueller@dgb.de melden. Im September soll eine Ausstellung zum Rechtsextremismus an den Schulen im Landkreis Hersfeld-Rotenburg gezeigt werden. (Gudrun Schmidl) +++

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