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Jeden Samstag Bundesjugendspiele

Winfried GAUL hat für alle Altersklassen die richtigen Disziplinen

Winfried Gaul mit den Kindern an der Tartanbahn.
Fotos: Thomas Witzel

23.04.2015 / PETERSBERG - Nicht nur Ballweitwurf, Weitsprung und Sprint: Bei Winfried Gaul kann jeder in jedem Alter noch einmal sein sportliches Können testen. Der 75-Jährige vom TV Petersberg nimmt in der warmen Jahreszeit das Sportabzeichen ab. Er selbst erneuert seinen Nachweis jedes Jahr und denkt noch lange nicht ans Aufhören. Bambergs Erzbischof, der frühere Fuldaer Weihbischof Ludwig Schick tut es jedes Jahr einmal, Fuldas künftiger Oberbürgermeister Heiko Wingenfeld war schon ein paar Mal bei ihm. Und der neunzigjährige Walter Lerch kann es im Frühjahr kaum erwarten, auf die Piste zu gehen. Was die drei so unterschiedlichen Zeitgenossen eint: Sie alle sind Wiederholungstäter aus Leidenschaft und Überzeugung. Und erfüllen einmal im Jahr die Bedingungen für das deutsche Sportabzeichen.



Winfried Gaul kennt seine Pappenheimer. Den Bamberger Erzbischof nur aus dem Dom und aus der Zeitung. Die anderen beiden aus eigenem Anschauen – sie knien sogar manchmal vor ihm nieder – aber nur beim Start. Und nur solange, bis Winfried Gaul mit seiner Holz-Klatsche die Bahn frei gibt.

Eigentlich sind Winfried Gaul und ich heute mittag auch noch mit Walter Lerch verabredet – einem ehemaligen Gymnasiallehrer für Latein und Griechisch. Der ist neunzig und macht noch jedes Jahr sein Sportabzeichen bei Winfried Gaul. Aber er hat sein Kommen heute von seiner gesundheitlichen Verfassung abhängig gemacht. Mit 90 kann man das verstehen. Nach einigem Warten steht fest: Er kommt nicht. Gaul disponiert um, routiniert und mit der Erfahrung eines langjährigen Übungsleiters:

Die Vorschulkinder des Bewegungskindergartens Kolibri in der Petersberger Ortsmitte, die gerade mit ihren Erzieherinnen Conny Stupp und Katrin Heinemann auf der 50-Meter-Bahn im Waidesgrund-Stadion für das Sportabzeichen üben, sind fit und sie kennen Papa Win, wie der ehemalige Kunstturner seit Jahrzehnten genannt wird, bestens. Und auch Betreuerin Conny Stupp begrüßt Winfried Gaul wie einen alten Bekannten: „ich habe bei ihm meine ersten Gehversuche im Turnen gemacht“, sagt sie inmitten der lärmenden Kinderschar. Und Gaul erinnert sich gut: „Zwölf Jahre warst Du damals alt und dein Mädchenname war Stock, stimmt's?“

Papa Win fühlt sich wohl im Kreise der kleinen Sportler. Zum Gruppenbild auf den Stufen vor dem Sportlerhaus legt er sich quer vor die feixenden Kinder. Mit jungen Leuten kann er. Eine Fähigkeit, die ihn sein ganzes sportliches Leben begleitet hat und die ihm allem Anschein nach noch heute Spaß macht. „Lassen wir also die Kinder laufen“, sagt Gaul und stellt sich mit der Stoppuhr in der Hand neben der Ziellinie auf. Das Foto wird gut. Jeder will der erste sein. „Ihr wart alle Sieger“, stellt Winfried Gaul diplomatisch fest. Und da schwingt auch schon das Pädagogische mit, dass sich der 75-Jährige in Jahrzehnten der Arbeit mit jungen Menschen angeeignet hat.

70 bis 80 mal nimmt Winfried Gaul in einer Saison das Sportabzeichen ab. Und er führt seine Pappenheimer langsam und behutsam dorthin. Dazu gehört auch die persönliche Betreuung. „Ich rufe die dann schon mal an und frage: Hast Du schon trainiert? Wenn nicht, kommst Du zum Sportplatz. Wir üben nochmal den Weitsprung“

Geplant war das alles nicht so: Nach der Lehre als Weber hatte es den jungen Winfried zur See gezogen. Er heuerte bei der Handelsmarine an. Doch aus familiären Gründen – sein Vater war gestorben – musste er zurück nach Petersberg. Und er begann seine Tätigkeit bei der Post. Ende der Fünfziger im südhessischen Viernheim. Ein Glücksumstand, wie sich später herausstellte. Lernte er doch hier seine Ehefrau Mechthild kennen und hatte später, nach der Rückkehr nach Petersberg als Briefzusteller gewisse Freiheiten, konnte sich die Arbeitszeiten so legen, dass er nachmittags sportlich aktiv sein konnte. Grundstein für jahrzehntelanges ehrenamtliches Engagement.


Später am Mittag, bei der Nachbereitung in Gauls Garten auf dem Gartentisch bekommt das Ganze noch eine im Wortsinne greifbare Dimension: Die in die Jahre gekommene Kunstleder-Mappe quillt förmlich über von Ausweisen, Lehrgangsbescheinigungen, Übungsleiterlizenzen, Urkunden und Turnpässen. Der Ehrenbrief des Landes Hessen, DTB-Ehrenurkunden und Ehrennadeln zuhauf, Bilderrahmen sind gespickt damit. Alben und Zeitungsausschnitte zeigen den jungen Winfried Gaul, immer drahtig, meist den Rucksack auf dem Buckel – und immer in Bewegung – eine Art früher Backpacker. Dass er quasi nebenbei auch noch ein erfolgreicher Turner war – Lieblingsgerät Boden – erwähnt der bescheidene Petersberger eher am Rande. „In meiner Viernheimer Zeit hat es zu zweiten und dritten Plätzen bei südhessischen Meisterschaften gereicht“, sagt er zwischendrin, um dann aber wieder auf sein Lieblingsthema zu kommen. „Das war eine Jugendfreizeit des Landkreises in Noer an der Ostsee“, deutet er auf ein vergilbtes Farbfoto. Ein paar junge Leute am Lagerfeuer. Winfried Gauls Augen leuchten trotz der Mittagssonne.

Wenngleich der Ausflug zur Handelsmarine auch nur von vergleichsweise kurzer Dauer war, ist seine Liebe zum Sport, zum Reisen und zu fremden Ländern geblieben. Nordkap, Survivaltraining mit jungen PFI-Studenten um den Petersberger Freizeitwissenschaftler Peter Axt in den schottischen Highlands, Betreuung von Schülern aus dem Landkreis an Nord- und Ostsee und immer wieder mehrtägige Führungen von Reisegruppen durch die Natur und unzählige Turnstunden mit Kindern und jungen Leuten stehen als Resümee eines langen ehrenamtlich geprägten Lebens. Und dieses Fazit zieht Winfried Gaul auch an diesem sonnigen Frühlingstag auf seiner Gartenbank: „Unser Leben war geprägt von den Begriffen Sport und Freizeit, und es hat uns nie gereut“.(Thomas Witzel)+++

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