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WIELOCHS WIRRE WELT (74)

Nach „Carfreitag“-Ärger: 10.000 Christen stören Tuning-Messe auf der Ochsenwiese



10.04.2015 / REGION - Es war der Aufreger am vergangenen Karfreitag: Zahlreiche Autofreaks hatten sich mit rund 500 aufgemotzten Boliden zu einem illegalen Treffen am Fuldaer Emaillierwerk eingefunden und damit gegen das Feiertagsgesetz verstoßen. Unter dem Motto „Mehr PS als IQ“ kamen gestern erneut hunderte Automobilisten zu einer offiziell angemeldeten Tuning-Messe auf die Ochsenwiese in der Barockstadt. An dieser Freiluft-Messfeier nahmen jedoch unerwartet auch diejenigen teil, die eine Woche zuvor am Todestag Jesu Christi von den PS-Jüngern gestört worden waren.



Stolz streicheln die Tuner über den glänzenden Lack und geben im Stand Vollgas, dass die Motoren dröhnen und vibrieren. Heute dürfen sie bedenkenlos Krach machen. Doch schlagartig haben die hochgezüchteten Triebwerke gegen eine andere Soundkulisse keine Chance mehr. „Großer Gott, wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke“, singen 10.000 Christen aus dem Landkreis und ziehen mit Bischof, dutzenden Gemeindepfarrern, hunderten Messdienern und Fahnen auf die Ochsenwiese. Die mobile Orgel aus dem Dom untermalt alle elf Strophen lautstark. Die Tuning-Apostel sind irritiert. Illegal stören, das ist doch ihr Job. Außerdem: „Die haben größere Auspuffrohre als wir“, bemerken sie kleinlaut beim Anblick der Orgelpfeifen.

„Ich begrüße Sie herzlich zu unserer ökumenischen Tuning-Messe auf der Ochsenwiese“, richtet sich der Bischof strahlend an die Jünger aller Konfessionen und Automarken und zitiert aus der Bibel: „Ja, Gott wird den Kopf seiner Feinde zerschmettern, den Haarschädel derer, die da Ford fahren in ihrer Sünde.“ Nicht nur die Ford-, auch die Opel-, BMW- und Porschefahrer sind von den gläubigen Eindringlingen genervt. Wild geben sie Gas, drehen ihre Musikanlagen auf und wollen ihre neuen überdimensionalen Boxen im Kofferraum präsentieren. Aber es dauert keine Sekunde, da schmettern die Schola und die Christenschar so lautstark „O heil’ger Bonifatius“, dass die teuren Soundsysteme zu mickrigen Reiseweckern mutieren. Fassungslos müssen die Auto-Anhänger auch noch mit ansehen, wie die Orgelpfeifen-Auspuffrohre zu qualmen beginnen. „Krasses Tuning“, räumen sie mit knirschenden Zähnen ein. Dabei stehen die Messdiener nur verdeckt mit dem Weihrauchfass hinter der Orgel. „Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen“, gibt der Lektor eine Matthäus-Stelle zum Besten. Damit das gelesene Wort möglichst schnell wahr wird, ziehen die Geistlichen prompt los und verteilen per Wasserwerfer reichlich Weihwasser auf die hochglanzpolierten Autokarossen und blinkenden Chromteile.

„Wer von euch ohne Punkte in Flensburg ist, der werfe den Motor an und fahre nach Hause über Stock und Stein“, beginnt der Bischof seine Predigt. Die PKW-Gemeinde mosert. Jetzt muss sie bleiben und wird sogar ungewollt in die Messfeier mit eingebunden. Die baumelnden Fuchsschwänze an den Antennen signalisieren den Christen die Stellen, an denen der Leib Christi ausgeteilt wird.

Auf dem Heimweg reihen sich die übermotorisierten Boliden ganz brav hinter dem 27 Jahre alten VW-Bus der katholischen Landfrauengruppe Simmershausen ein. Kein Auto-Tuner drängelt, niemand wagt zu überholen. Alle halten ehrfürchtig Abstand, applaudieren, zeigen den ausgestreckten Daumen und machen Fotos vom Bus, obwohl das rostige Gefährt mit gerade mal knapp 60 über die Landstraße juckelt. „Der Tages-Psalm auf der Heckscheibe schränkt die Sicht gewaltig ein“, stellt die Vorsitzende der Landfrauen fest. Hier prangt mit großen Lettern „Ps 370“.
(Jochen Wieloch)


HINTERGRUND: „Wielochs wirre Welt" erscheint bei OSTHESSEN|NEWS heute am 74. Freitag in Folge. Jochen Wieloch (38) blickt dabei pointiert, humorvoll und teilweise mit einer gehörigen Portion Ironie auf die Ereignisse, die die Menschen in der Region und im Land bewegen. Der Petersberger kennt sich als selbstständiger Redakteur in den Medien Print, TV und Internet bestens aus, ist Buchautor und als Spezialist für Unterhaltungselektronik gefragter Autor für zahlreiche Verlage, Magazine und Fachzeitschriften. Außerdem berät und betreut der 38-Jährige Unternehmen in allen Fragen der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Neben dem ZDF, 3sat und dem Bayerischen Rundfunk arbeitete Jochen Wieloch unter anderem auch für die Motor Presse in Stuttgart und auto-tv in München. Für osthessen-tv.de stellt der Germanist neuerdings regelmäßig automobile Neuheiten in Filmbeiträgen vor.+++


Fotos/Design: Nicole Wagner


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