TSV LEHNERZ im Höhenflug
Martin GEISENDÖRFER Realist: "Wir machen keine finanziellen Kopfstände"
Foto: Julius Böhm
28.04.2015 / FUSSBALL -
"Drüben passt doch eine schöne Gegentribüne hin?" Martin Geisendörfer schmunzelt. Vielleicht stellt er sich in dieser Sekunde auch vor, wie das "Stadion an der Richard-Müller-Straße" sagen wir in fünf Jahren aussehen könnte. Ein kleines, schmuckes Fußballstadion ohne Laufbahn, die 5.000 Fans sitzen oder stehen nah dran am Spielfeld. Die erste Mannschaft des 1965 gegründeten Klubs im Norden Fuldas spielt in der Regionalliga gegen Waldhof Mannheim. Der Blick aus dem Fenster des Sportlerheims des TSV Lehnerz lässt aber auch wirklich Träume zu. Doch Martin Geisendörfer ist kein Träumer sondern ein Realist. Er ist einer der Macher im heimischen Fußball, der sich mit viel Herzblut und Liebe für seinen Verein einsetzt. Der TSV Lehnerz ist für den Finanz-Vorstand eine Herzensangelegenheit. Beruflich arbeitet Geisendörfer bei der Kirchheimer Bickhardt-Bau AG und ist dort ebenfalls Vorstandsmitglied.
Doch: Zunächst müsste der TSV Lehnerz den Aufstieg sportlich packen. Martin Geisendörfer sieht diesem Unterfangen allerdings gelassen entgegen, zumal der Relegationsplatz ein paar Pünktchen entfernt ist. "Die Regionalliga ist nicht alles. Wir werden keine Kopfstände machen, um dieses Ziel zu erreichen - auch finanziell nicht", macht der Finanz-Vorstand des Vereins klar. Geld lässt sich in der höhere Klasse auch nicht auf Anhieb verdienen. Allein 2.500 Euro Antrittsgeld verlangt der Verband. Fünf Prozent der Tageseinnahmen müssen abgeführt werden. Für einige Auswärtsspiele müsste der Verein Hotelübernachtungen einkalkulieren, die Spieler müssten Urlaub nehmen. Gibt es zumindest Fernsehgeld? Nein. Attraktive Gegner sind in der Liga dünn gesät. Kickers Offenbach steigt wohl auf. Der KSV Hessen Kassel, Waldhof Mannheim oder der 1. FC Saarbrücken sind klangvolle Namen. Walldorf, Neckarelz oder Nöttingen werden wohl nicht wesentlich mehr Zuschauer auf den Sportplatz locken.
Sollte es aber sportlich klappen, nimmt der Verein sein Aufstiegsrecht wahr - ohne seinen Etat drastisch zu erhöhen. "Dann müssten wir uns noch mit ein, zwei regionalligaerfahrenen Spielern verstärken". Im Moment hinkt die Mannschaft in der Hessenliga allerdings etwas dem Spitzenduo FSV Steinbach und Bayern Alzenau hinterher. Bis zum Relegationsplatz zwei sind es fünf Punkte Rückstand. Am Samstag (15 Uhr) kommt Alzenau zum Top-Spiel nach Lehnerz - eine gute Chance, mit einem Sieg ganz nah heranzurücken. "Man sieht jetzt, wie schwierig es ist. Wir haben eine junge Mannschaft, die noch lernen muss, mit dem Druck umgehen zu können", sagt Geisendörfer. Die Spieler wollen und brauchen sportliche Ziele. "Hätten wir gesagt, die Hessenliga reicht, wäre womöglich jetzt schon die Motivation weg. Wir haben den Klassenerhalt sicher. Die Spieler könnten sich ausruhen." Auf den bisherigen Erfolgen ausruhen ist aber nicht das Ding beim TSV Lehnerz.
Gemeinsam mit den Spezialisten Breidbach und einem Ärzteteam am Herz Jesu-Krankenhaus bietet der JFV Viktoria Fulda (also Lehnerz und Bronnzell) seit kurzer Zeit zudem eine sportmedizinische Betreuung für den Nachwuchs an. "Die Jungs und ihre Eltern sind begeistert", sagt Geisendörfer. Die Untersuchungen ermöglichen eine frühzeitige Erkennung von möglichen Problemen etwa im kardiologischen oder im orthopädischen Bereich. Zudem sind die Wege zum Nachwuchszentrum von Eintracht Frankfurt kurz. Auch hier besteht eine Zusammenarbeit. Aus der starken Jugend heraus möchte der TSV Lehnerz in den nächsten Jahren seine Seniorenmannschaften bewusst mit eigenen Spielern besetzen.
Klar, die Talente kommen nicht nur aus dem Fuldaer Stadtgebiet sondern aus ganz Osthessen und darüber hinaus. Der Jugendförderverein Viktoria Fulda zählt neben dem Nachwuchs der Eintracht, dem FSV Frankfurt und Wehen Wiesbaden zum Besten, was der hessische Fußball zu bieten hat.
Trotz oder gerade wegen dieser sportlich rosigen Zukunftsperspektiven ist Geisendörfer eines wichtig: "Wir sind ein Verein und wollen ein Verein bleiben. Wir leben vom Ehrenamt. Bei uns stehen ehrenamtlich aktive Leute hinter dem Tresen oder dem Grill", sagt Geisendörfer. Das soll auch in Zukunft so bleiben.
Gucken wir bei dieser Gelegenheit über den Lehnerzer Tellerrand. Ja, das Thema Borussia. Nach Jahren der Tristesse erlebt auch der Traditionsklub Frühlingsgefühle. Die Erste steht kurz vor der Rückkehr in die Hessenliga. Wird im Hessenland nach Fußball in Fulda gefragt, fällt immer der Name Borussia. "Das stimmt, das erleben wir auch öfters bei unseren Auswärtsspielen", erzählt Geisendörfer.
"Elefantenhochzeit in weiter Ferne"
Immer wieder kommt das Gerücht einer möglichen Fusion auf. Kräfte bündeln und gemeinsam vielleicht das Unternehmen Profifußball in der dritten Liga angehen? "Für die Region wäre das schon gut. Aber das ist ein langer Weg, zu unterschiedlich sind die Vereinsstrukturen", glaubt Geisendörfer in absehbarer Zukunft nicht an eine "Elefantenhochzeit" mit Borussia Fulda. Obwohl der Inbegriff des Fußballs in Lehnerz früher selbst mit schwarz-rotem Schal ins Borussenstadion gepilgert ist und in den glanzvollen Zeiten etwa gegen die Offenbacher Kickers oder dem 1. FC Nürnberg mit der Borussia mitgefiebert hat. Das aber ist Geschichte.
Drüben hinter dem A-Platz wuseln die Bagger mit dem "Doppelten B", der neue Kunstrasenplatz nimmt klare Konturen an. Hinter dem Tor wird überschüssige Erde von der Baustelle nebenan aufgeschüttet. Eine Stehplatztribüne wird hier entstehen. Das Stadion an der Richard-Müller-Straße wächst. Und im Sommer wird beim TSV Lehnerz das 50-jährige Jubiläum gefeiert. Gemeinsam mit dem Hauptsponsor, dem benachbarten Autohaus atzert:weber, will der TSV die Sport1-Kultsendung "Doppelpass" nach Lehnerz holen - mit der Starbesetzung aus dem Fernsehen. Ob zusätzlich auch ein Bundesligist zu einem Testspiel kommt? Auch bei diesem Thema gilt beim TSV: "Wenn wir eine namhafte Mannschaft ohne finanzielles Risiko bekommen, dann machen wir das. Das müsste ins Vorbereitungs-Konzept des Bundesligisten passen und damit bezahlbar sein", sagt Geisendörfer.
Schritt für Schritt gehen sie in Lehnerz ihren Weg. Und ein bisschen träumen darf ja schließlich auch erlaubt sein. Beim Blick aus dem Fenster des Sportlerheims strahlt schließlich die Sonne vom weiß-blauen Himmel. (Hans-Hubertus Braune) +++