WIELOCHS WIRRE WELT (70)
Hanuta-Heiko, Duplo-Birgit und Ü-Ei-Ralf: So liegt die Wahlbeteiligung bei 100%
13.03.2015 / REGION -
„Schon wieder der Wingenfeld!“ – „Tausche Cuno Raabe und Alfred Dregger gegen Ralf Zwengel.“ – „Meine Kömpel ist verknittert!“ Ob auf Schulhöfen, im Foyer des Schlosstheaters oder im Rathaus: Die Fuldaer Bürgerinnen und Bürger sind seit Tagen im Sammelfieber. Um die magere Wahlbeteiligung von schlappen 25,6 Prozent aus dem Jahr 2009 deutlich zu toppen, hat sich die Barockstadt für die Oberbürgermeister-Wahl am kommenden Sonntag etwas einfallen lassen, damit der Urnengang an Popularität gewinnt: Seit vier Wochen liegen die Portraitfotos der amtierenden Kandidaten und die früherer Fuldaer Oberbürgermeister Duplos und Hanutas als Sammelbildchen bei – so wie in der Vergangenheit bei Fußball-Weltmeisterschaften Matthäus und Co. Unter dem bekannten Slogan „In jedem 7. Ei ist einer von uns dabei“ schlummern die OB-Kandidaten zudem als Plastikfiguren in den beliebten Überraschungseiern an den Supermarktkassen.
„Die Kömpel klappert anders. Das ist entweder der Dapsy Dino Bronto oder Teeny Tapsi Törtel“, versuchen zwei Jungwähler bereits vor dem Kauf durch Schütteln der Ü-Eier deren Inhalt zu erraten. Mitglieder des Magistrats wiegen die Eier lieber in der Obst- und Gemüseabteilung ab. „28 Gramm, das könnten der Schlumpf Edd der Träumer oder der Zwengel sein“, grübeln die CDU-Sympathisanten, denen die Wingenfeld-Figur noch fehlt. „Bei den Duplos kann man durchs Papier erkennen, ob hier der Heiko drin ist. Aber im Gegensatz zu den Hanuta-Bildchen ist der dann immer so wellig“, geben die Politiker ihre Erfahrungen preis.
Draußen auf dem Parkplatz wuchtet Gerhard Möller mit schwarzer Sonnenbrille und Strickmütze getarnt sieben Paletten Ü-Eier und sämtliche Hanuta- und Duplo-Vorräte in seine Dienstlimousine. Täglich klappert er alle Lebensmittelgeschäfte in der Barockstadt ab. Jede Nacht ist der OB dann damit beschäftigt, die Sammelbilder und Figuren von Birgit Kömpel und Ralf Zwengel penibel aus dem Verkehr zu ziehen. „Ich habe deshalb schon neun Kilo zugenommen, und das in der Fastenzeit“, ärgert sich Möller und bricht die nächste Schoko-Hülle in zwei Hälften. Die Ü-Eier und Schokoriegel mit Wingenfeld-Inhalt schmuggelt er jeweils frühmorgens direkt nach Ladenöffnung wieder in die Geschäfte. In Möllers Arbeitszimmer stehen bereits tausende Mini-Kömpels und Miniatur-Zwengels wie an einer Perlenkette nebeneinander aufgereiht, dazu stapeln sich kleine Flugzeuge, Autos, Motorräder, Schiffe, Kreisel, Dinosaurier und andere Figuren bis zur Decke, die Möller in Sitzungen heimlich unter dem Tisch zusammenbastelt. Nach der Wahl will er den ganzen Kleinkram bei Ebay verhökern.
Erste Reaktionen zeigen, dass speziell Jungwähler von der Aktion begeistert sind. „So kapier ich Politik endlich mal“, lautet deren einhelliger Tenor. Die repräsentative Sonntagsfrage unter 18- bis 25-jährigen Fuldaern kommt allerdings zu einem überraschenden Ergebnis. 93,7 Prozent wollen am Sonntag nicht Kömpel, Wingenfeld oder Zwengel ihre Stimme geben, sondern Happy Hippo. (JOCHEN WIELOCH)