WIELOCHS WIRRE WELT (69)
Künzell im März 2015: Zwischen „Wunder von Bern“ und Bachelor-Backpfeife
06.03.2015 / REGION - Meine Güte, was waren das für große Emotionen am vergangenen Wahlsonntag in Künzell. Auf der einen Seite der überglückliche Timo Zentgraf, der Fritz Walter der Neuzeit, der das selbst kaum für möglich gehaltene „Wunder von Bern“ in Osthessen wiederholte. Auf der anderen Seite der niedergeschlagene Christoph Erb, Ferenc Puskás und Caro in einer Person, der unterlegene Kapitän der ungarischen Nationalmannschaft von 1954 und die vom Bachelor auf RTL am Mittwochabend so übel abservierte Blondine aus Münster.
Die im legendären Künzeller Wankdorfstadion versammelten CDU-Größen aus dem Landkreis reagierten gewohnt flexibel auf den unerwarteten Spielausgang. Unmittelbar nach dem Abpfiff wussten die einstigen Erb-Mitspieler, die ihn erst Ende November unter tosendem Beifall zum Kapitän ernannt hatten, dass Fritz Walter doch viel cooler ist als Ferenc Puskás, dass dessen modernere Spielinterpretation eindeutig besser zu Künzell passt als der antiquierte Spielaufbau des unterlegenen Kandidaten. Die für Erb mitgebrachten Rosen erhielt kurzerhand Zentgraf: „Weiße Rosen aus Athen, die haben wir extra ob deiner trendigen Haarfarbe ausgesucht“, ließen sich die gewieften CDU-Granden nicht lumpen. Zentgraf, damit nicht nur Weltmeister von Künzell, sondern emotional auf demselben Level wie der endlich am Ziel angekommene Bachelor.
CDU-Kreisvorsitzender Dr. Walter Arnold erklärte die hohe Niederlage des bis vor sieben Minuten noch geliebten eigenen Kandidaten gewohnt seriös und sachlich: „Also ob diese Wahl wirklich eine Niederlage für die CDU war, das will ich erst noch mal mit den Parteifreunden analysieren.“ Lieblings-Parteifreund Erb wird sicherlich gerne dabei helfen, als Nicht-Bürgermeister die Nicht-Niederlage an der Taktik-Tafel zu beleuchten. Das vorweggenommene Ergebnis: Erb ist Beinahe-Rathauschef der Herzen, und dafür ist ihm die Partei so dankbar wie Ungarn seinen Berner Beinahe-Weltmeistern von 1954: Die wurden aus lauter Dankbarkeit in die ungarische Provinz verbannt.
Bleibt abschließend noch die Frage nach dem Grund für den überraschenden Wahlausgang. Vize-Wahlsieger Christoph Erb hatte am Sonntagabend sofort selbstkritisch eingeräumt: „An mir lag es nicht.“ Woran dann? Wie konnte Timo Zentgraf in die Fußstapfen von Sepp Herberger treten? Die plausible Begründung lieferte gestern der CDU-Kreisvorstand. „Christoph Erb hat nicht verloren. Er konnte aber auch nicht gewinnen“, heißt es in der Pressemitteilung. Weder Inhalte der Wahlprogramme noch das Charisma der Kandidaten seien ausschlaggebend gewesen. „Entscheidend war das Wetter“, so die CDU-Bosse. Der Wahlsonntag war regnerisch und kühl. „Typisches Fritz-Walter-Wetter mit nassem, schweren Geläuf. Genau wie 1954 für das Wunder von Bern war das der Nährboden für unseren geschätzten und von Anfang an favorisierten Parteifreund Timo Zentgraf für das Wunder von Künzell“, heißt es im Abschlussbericht der CDU.
Die Menschen in Künzell hoffen jetzt möglichst oft auf Regen. Denn: „Das ist dem Timo sein Wetter.“ Und die Frauen müssen sich ihrer Tränen nicht schämen, weil ihr Bachelor Timo schon einer anderen eine Rose gegeben hat.