NACHGEDACHT 92

"Gott ist barmherzig" - von Christina LEINWEBER



12.10.2014 / REGION - Bei einem wirklich guten Abendkrimi sagte ein Mann, der in seiner Rolle in vielfacher Weise Böses getan hatte, dass Gott barmherzig sei. Mir lief es kalt den Rücken runter, da der Mann immer fröhlich so weitermachen würde, da ihm ja Gott sowieso in seiner unendlichen Liebe all seine Taten verzeihen würde. Ist das christlich gesehen so gedacht? Wir können die Barmherzigkeit Gottes immer vorschieben, wenn wir Böses tun? Dürfen wir Gottes unendliche Liebe als Generalentschuldigung für alles benutzen – nimmt Gott dieses Ausnutzen so einfach hin?



Ich kann es Ihnen nicht sagen, denn im Studium lernte ich einmal mehr, dass Gott ein großes Geheimnis ist, das wir als Menschen womöglich nie begreifen. Wir können uns Gott nur annähern, über ihn nachdenken und nachsinnen, was denn hier eigentlich los ist mit dieser grausamen Welt, die in meinem Glauben von einem unendlich liebenden Schöpfer geschaffen wurde.

Und ich kann ihnen sagen: Dass Gott alle Menschen gleichsam liebt, ist zwar ein schöner Gedanke, allerdings auch ein unglaublich unverständlicher: Liebte Gott auch Hitler, liebt er auch Amokläufer, Kinderschänder und sonstige Verbrecher, die Leben auslöschen und Liebe unmöglich machen? In diesem Kontext fällt mir ein Begriff ein, den ja viele gern abschaffen würden, weil sie ihn zu stark wörtlich nehmen: das Fegefeuer.

Fegefeuer bedeutet nicht ein brodelnder Kessel, in dem unsere Haut verkohlt. Nein, systematisch-theologisch ausgelegt bedeutet Fegefeuer „verwandelt werden“. In dem Moment, in dem eine Seele dort hinein gerät, entscheidet sich alles: Will ich zu Gott oder will ich es nicht. Will ich also in den Himmel oder will ich in die Hölle. Sie denken jetzt, keiner kann so blöd sein und in die Hölle wollen? Ja, aber ganz so einfach ist es dann doch im christlichen Glauben nicht.

Das Fegefeuer ist dahingehend eine wirkliche Qual, da man in diesem Moment Gottes Liebe in ihrer reinsten Form begegnet. Und man selbst wird sich seiner Unvollkommenheit bewusst, die Lebenslügen kommen hervor. Das stelle ich mir wirklich qualvoll vor. Man wird geläutert – entschuldigen Sie die Bildhaftigkeit – bis auf die Knochen. Und dann erst müssten wir Ja sagen – Ja zu der Liebe, die uns dort anblickt, die wird selbst niemals im Leben umsetzen konnten.

Ich weiß nicht, wie schwer oder leicht es dann ist, Ja oder Nein zu sagen. Und wenn unser Ja nicht ernst wäre, dann würde Gott das bestimmt merken. Jedenfalls würde bei einem Ja ein Umwandlungsprozess einsetzen. Wir würden in die Liebe Gottes aufgenommen werden, hineingenommen in die „visio beatifica“ – in den Anblick der Glückseligkeit - in den Himmel.

All diese Erläuterungen meinerseits fußen auf dem christlichen Glauben, den ich hier wiedergegeben habe. Alle diese Erläuterungen sind Denkmodelle, um sich Unerklärliches zu erklären, um Fragen beantworten zu können. Der Mann aus dem Krimi würde im Denken des christlichen Glaubens also spätestens nach seinem Tod mit seinen Taten konfrontiert werden. (Christina Leinweber)

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ZUR PERSON: Christina Leinweber, 1988 geboren in der osthessischen Bischofsstadt Fulda, neun Jahre katholisch-private Schulausbildung – so war der Weg zum Theologiestudium für sie vorbestimmt und beschlossen. Es ging dann für vier Jahre Studium in die nächste Bischofsstadt Paderborn - hat inzwischen ihr 1. Staatsexamen in der Tasche und ist seit Anfang November 2013 im Schuldienst des Landes Hessen. Ihre Tätigkeit als Kolumnistin bei osthessen-news.de möchte sie auch in Zukunft fortsetzen. Sie selbst bezeichnet sich als liberal-theologisch und kommentiert (seit 92 Wochen) in der Serie "NACHGEDACHT" Dinge des Alltags aus ihrer persönlichen Sicht. +++

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