Gastkommentar von Dr. med. Thomas Menzel

Corona in Fulda: Harte Zeiten voraus!

Ernste Corona-Lage: Noch stehen in Deutschland nicht die Rettungswagen in einer langen Schlange vor den Zentralen Notaufnahmen wie in Teilen Englands, noch haben wir für jeden, der es braucht, ein Bett im Krankenhaus.
Foto: picture alliance / empics | Aaron Chown

11.01.2021 / REGION - Bei uns in Fulda und in der Region erleben wir derzeit die Auswirkungen der Feiertage zum Jahresende 2020. Der Eindruck verstärkt sich, dass sich an Weihnachten und Silvester doch nicht alle an die Kontaktbeschränkungen gehalten haben. Die Anzahl der Neuerkrankten, genauer die 7-Tages-Inzidenz (Zahl der Neuinfektionen binnen sieben Tagen je 100.000 Einwohner) hat gestern die 300er-Marke überschritten. Das ist wirklich besorgniserregend. Die Maßnahmen, die der Landkreis zur Eindämmung der Pandemie bei uns auf den Weg gebracht hat, sind gut und richtig. Sie könnten allerdings offensiver und transparenter kommuniziert werden. Aber bei aller Kritik an den Verantwortlichen und an einzelnen Maßnahmen: Jetzt liegt es an UNS allen, sich auch daran zu halten!



Auch wenn die meisten Menschen, die sich mit SARS-CoV-2 infizieren, nicht schwer erkranken: Aufgrund der großen Anzahl der Infizierten, reichen die wenigen, die es richtig "erwischt" aus, um uns in den Krankenhäusern sehr, sehr große Probleme zu bereiten. Noch stehen in Deutschland nicht die Rettungswagen in einer langen Schlange vor den Zentralen Notaufnahmen wie in Teilen Englands, noch haben wir für jeden, der es braucht, ein Bett im Krankenhaus. Aber die schiere Anzahl der Neuinfektionen kann dieses Bild in den nächsten Tagen verändern.

Außerdem: Wie schlimm soll es denn noch werden, bevor es alle begreifen? Nach rationalem Maßstab haben wir es überreizt und die Zuspitzung ohne Not herbeigeführt. Obschon wir auch weiterhin versuchen werden, jedem Patienten zu helfen, sind wir schon weit von dem entfernt, was auch in einer angespannten Phase normal ist.

Klar, die Corona-Lage ist derzeit noch unübersichtlich. Auf unterschiedliche Weise und aus vielfältigen Gründen.

Um die Lage so beurteilen zu können, wie wir es bis Weihnachten täglich getan haben, fehlen uns noch die Daten. Die Feiertagspause war auch eine Testpause. Die Anzahl der Corona-Tests hat sich halbiert und damit auch die Zahl der bestätigten Neuinfektionen. Bei uns im Klinikum Fulda haben wir über die Feiertage dagegen im gleichen Umfang wie zuvor weitergetestet und die ansteigenden Zahlen aufmerksam registriert. Neben dem Rückgang bei den Tests selbst haben die Behörden ihren Betrieb reduziert, und der Zahlenstrom von den Gesundheitsämtern bis zum Robert-Koch-Institut geriet ins Stocken. An einem Tag wurden zu wenige Neuinfektionen und Corona-Tote in die Bilanz aufgenommen, und am nächsten Tag verzerrten Nachmeldungen die Statistik nach oben. Erst langsam, mit der Rückkehr aus dem Weihnachtsurlaub, kommen die Meldungen wieder in Fluss. Es wird wohl noch etwa bis zum 17. Januar dauern, bis die Zahlen wieder belastbar sind.

Aber: Ein vollständiges Bild des Infektionsgeschehens werden diese Zahlen auch dann nicht ergeben. Mehr als 35 Millionen PCR-Labortests wurden in Deutschland seit Beginn der Pandemie durchgeführt. Davon waren 1,9 Millionen positiv. Im Sommer lag die Rate der positiven Tests unter einem Prozent, aktuell bei 16 Prozent: ein neuer Höchstwert. Die WHO geht davon aus, dass die Entwicklung der Seuche bei einer Rate von mehr als 5 Prozent  positiver Tests "außer Kontrolle" sei. Nicht zuletzt auch weil wir in Deutschland von einer Dunkelziffer zwischen vier und sechs ausgehen; das heißt: auf jeden bestätigten Fall kommen vier bis sechs Fälle, die nicht getestet wurden, aber dennoch positiv sind und das Virus unbemerkt weitergeben.

Auch wenn uns zuverlässige Hinweise zum tatsächlichen Infektionsgeschehen derzeit noch fehlen, sind wir aber alles andere als ahnungslos. Die an einem Tag gemeldete Zahl an Menschen, die an oder mit COVID-19 gestorben sind, hat nun schon mehrfach die Marke von 1.000 überschritten. Seit Mitte Dezember sind im Mittel etwa 600 COVID-assoziierte Todesfälle zu verzeichnen, an jedem einzelnen Tag. Ja, es stimmt wenn eingewendet wird, dass in Deutschland auch ohne COVID-19 an jedem Tag etwa 2.400 Menschen versterben. Im Vergleich zur durchschnittlichen Zahl der Sterbefälle ist aber insbesondere im Dezember 2020 ein teilweise deutlicher Anstieg der Sterbefälle zur verzeichnen. Die so genannte Übersterblichkeit ist nach übereinstimmender Auffassung auf die Corona-Pandemie zurückzuführen.

Die Gesamtzahl der Menschen, die an oder mit COVID-19 gestorben sind, nähert sich, ein Jahr nachdem der Ausbruch der Seuche bekannt geworden war, der Schwelle von 40.000. Niemand kann angesichts dieser Zahlen mehr behaupten, Corona sei lediglich so gefährlich wie eine Grippe. Die Zahl der Corona-Toten im Jahr übersteigt schon jetzt die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland um mehr als den Faktor zehn. Jeder tödliche Verkehrsunfall schafft es zumindest in die regionalen Medien, die Corona-Toten sind meist leise und allein gestorben.

Die meisten von uns sehen die erkrankten Menschen nicht, erleben nicht ihre Beklemmung und ihre Symptome, hören nicht ihre Schilderungen von der Atemnot und ihrer Todesangst, solange sie noch sprechen können. Wir in den Krankenhäusern erleben diese Menschen in ihrer Verzweiflung.

"Große Impfung" schützt viele Menschen vor Virus!


Zwar ist Corona eine Naturkatastrophe. Aber nicht erst im Anthropozän, jenem aktuellen Erdzeitalter, in dem wir Menschen zum wichtigsten Einflussfaktor aller Prozesse geworden sind, ist unser Verhalten für den Verlauf einer Seuche entscheidend. Je mehr Begegnungen mit den Wirten des Virus wir zulassen, seien es wild lebende Tiere, von denen der Erreger eines Tages auf den Menschen übergeht, oder – nach dem Übergang vom Tier auf den Mensch – mit infizierten Menschen, desto rasanter wird sich die Seuche ausbreiten.

Darum ist es gut, dass wir die Zahl der Begegnungen miteinander stark reduzieren. Darum sind die weiteren Einschränkungen, die die Politik beschlossen hat, richtig. Darum sollten wir uns bis in den Herbst auf massive Einschränkungen einstellen. Selbst wenn die "Große Impfung", die entgegen dem nörglerischen Medienecho tatsächlich sehr gut angelaufen ist, rasch viele Menschen vor dem Virus schützt.   

Aber leider ist die Lage nicht nur bei den Zahlen, sondern auch bei den Maßnahmen etwas unübersichtlich. Denn kaum haben die verantwortlichen Politiker in gemeinsamer Runde Vereinbarungen getroffen, geht die scheinbar errungene Einheitlichkeit kurz nach dem Ende der Video-Konferenz schon wieder verloren, so dass selbst wohlmeinende Mitbürger zunehmend mit Unverständnis und Verärgerung reagieren.

Sicher, in der Pandemie sind lokal angemessene Strategien sinnvoll. Aber die wenigen Regeln für den Alltag des einzelnen, sollten verständlich, nachvollziehbar und für alle gleich sein, zumal in einem Land, in dem die Lebensbezüge nicht an den Grenzen von Landkreisen, Bundesländern und europäischen Ländern enden.

Fakten statt "Fake News"!


Zudem hat uns die Pandemie gelehrt, dass die Lage in einer Region ganz schnell kippen kann. Lange Zeit erweckten Sachsen und Thüringen den Eindruck, als gäbe es die Seuche dort nicht. Die Verhältnisse haben sich gedreht. Vorsicht ist also immer besser als Nachsicht. Und wer den hervorragenden Wissenschaftlern und Experten, die wir in Deutschland glücklicherweise haben, richtig zugehört hat, für den kommt das, was wir jetzt erleben, alles andere als überraschend. Faktenorientierung ist besser, als Fakten zu leugnen und "Fake News" zu folgen.

Jede Form von aufstachelndem Populismus gewürzt mit Lügen ist Gift – nicht nur in der Pandemie, wie uns die jüngsten Bilder aus Washington vor Augen geführt haben. Aber in der Pandemie wird Faktenresistenz schnell tödlich, wie uns das Bundesland von Pegida und einer großen Zahl an Coronaleugnern anschaulich vorführt. Populismus und Nationalismus sind – wenn es in einer Pandemie um Leben und Tod geht – noch explosiver als ohnehin schon.

Darum war es auch gut, dass wir uns in Europa im vorigen Sommer entschieden haben, die Impfstoffe gemeinsam einzukaufen, und nicht nach dem Grundsatz "mein Land zuerst" zu handeln, wie es der nun (endlich) scheidende Präsident der USA stets propagiert hat.

Vergessen wir nicht: Deutschland hatte in der zweiten Jahreshälfte 2020 die EU-Präsidentschaft inne. Hätte das in Europa formal führende Land, das zudem das größte und wirtschaftlich stärkste ist, den Eindruck erweckt, es könnte sich alleine mehr leisten als gemeinsam mit den anderen, hätte das Projekt Europa Schaden genommen. Europa aber dürfen wir in einer Welt, die fragiler geworden ist, nicht noch zusätzlich gefährden.

Der europäisch eingeschlagene Weg war der logisch gangbare und verantwortbare Weg: sich im Sommer die Option auf eine möglichst große Zahl an aussichtsreichen Impfstoffen zu sichern, war richtig. Die Frage, welcher Impfstoff am Ende ob, und wenn ja wann die Zulassung erhalten würde, war vor sechs Monaten nicht seriös zu beantworten. Wer im Nachhinein den Eindruck erweckt, er hätte schon vor dem Abschluss der Entwicklung des Impfstoffs und des Zulassungsverfahrens alles besser gewusst und gemacht, schließt sich als ernsthafter Partner aus der Debatte selbst aus. Warum hat der, der es jetzt besser weiß, nicht damals schon gesagt, was besser gewesen wäre?

Regionales Impfzentrum "Osthessen" in Fulda öffnet am 19. Januar


Freuen wir uns doch lieber, dass ein Impfstoff aus unserem Land unter den ersten ist. Danken wir den Zulassungsbehörden für die beschleunigte und zugleich gewissenhafte Arbeit. Gut ist, dass Deutschland sich mehr als 140 Millionen Impfdosen schon heute gesichert hat. Selbst die in zwei Schritten erfolgt, sollte diese Menge reichen, um eine Herdenimmunität zu erreichen. Und erkennen wir an, dass es in Hessen gelungen ist, eine Produktionsanlage für Impfstoffe in Marburg wieder in Betrieb zu nehmen, um die Herstellung des Impfstoffs, der anfangs selbstverständlich knapp ist, zu beschleunigen.

Ja, vieles hätten wir auch besser machen können, im Rückblick. Zum Beispiel das Katastrophenszenario aus dem Jahr 2012 ernst zu nehmen, das 2013 dem Bundestag zugeleitet wurde. Erstaunlich treffsicher war dort der Verlauf einer Pandemie durchgespielt worden. Aber handelten wir? Jeder sollte wissen, dass es periodisch zu Pandemien kommt, aber die Warnungen der Wissenschaft werden regelmäßig nicht ernst genug genommen, bis es soweit ist.

Wir werden sehen, wie stark sich die Corona-Pandemie in unser Gedächtnis eingebrannt haben wird, wenn sie in den kommenden Jahren mit den erfolgreichen Impfungen viel von ihrem gegenwärtigen Schrecken verlieren wird.

Denn die Impfung ist ein mehrfacher Erfolg. Noch nie hatten wir als Menschheit im Angesicht einer Pandemie in so kurzer Zeit so viele erfolgversprechende Impfstoffe in Aussicht, während die Impfung selbst vorankommt. Wir sind in Deutschland zwar nicht so schnell wie in Israel, wo ein Ministerpräsident, der um seine Wiederwahl kämpft und für jede Impf-Dosis das doppelte bezahlt hat wie der Rest der Welt, ohne Rücksicht auf andere agiert. Aber die Kurve, die die Zahl der applizierten Impfdosen abbildet, steigt bei uns linear, wenn auch in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich steil. Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt liegen an der Spitze, Thüringen liegt am Ende der Charts.

Unter den westlichen Ländern liegt Hessen vorn, und daran haben wir in Osthessen einen gehörigen Anteil. Im Landkreis Fulda sind im Verhältnis zur Bevölkerung schon jetzt mehr Menschen geimpft als anderswo. Ein schöner Erfolg unseres Impfzentrums, das sehr gut angelaufen ist. Ab dem 12. Januar werden wir Termine für das Impfzentrum in der Waideshalle vergeben, die Einladungs-Schreiben an die über 80-jährigen Senioren sind bereits auf dem Weg. Das regionale Impfzentrum für Osthessen wird am 19. Januar öffnen.

Wir haben die begründete Hoffnung, dass die Impfkurve zwar nicht exponentiell, aber doch im Laufe des Jahres immer steiler steigen wird, denn wir erwarten die Zulassung weiterer Impfstoffe, die die unerwartet hohe Nachfrage – ja, die Impfbereitschaft ist größer als gedacht – besser befriedigen wird. Der zweite mRNA-Impfstoff der US-Firma Moderna hat am Dreikönigstag die europäische Zulassung erhalten, erste Lieferungen für Deutschland und für Hessen werden in Kürze erfolgen.

Wenn wir den Medienberichten Glauben schenken, dann könnte die anscheinend geringe Impfbereitschaft unter den Altenpflegern, in der Krankenpflege und selbst unter Ärzten ein Problem sein, das auch auf die restliche Bevölkerung ausstrahlen könnte. Wo immer diese Meldungen ihren Ursprung haben, im Klinikum Fulda jedenfalls nicht.

Als koordinierendes Krankenhaus für die Region sind wir von der Landesregierung mit einem Sonderkontingent an Impfstoffen versorgt worden. Dafür sind wir sehr dankbar. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben den Eindruck gewonnen, dass wir nicht nur mit warmen Worten bedacht werden, sondern dass uns bei den Impfungen konkret die Wertschätzung vermittelt wird, die wir verbal schon seit März erhalten haben. Und die Impfbereitschaft war und ist riesig groß. Ich selbst habe rund 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geimpft und nur dankbare Rückmeldungen erfahren. Viele weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wollen so schnell wie möglich auch geimpft werden.

Das ist gut so. Denn die Krankenhäuser sind die letzte Instanz in der Behandlung der COVID-Erkrankung - aber auch in der Behandlung aller anderen Erkrankungen. Nur wenn wir funktionieren, dann funktioniert die Gesundheitsversorgung. Deshalb freuen wir uns, das in der nächsten Woche auch das Personal in den anderen Krankenhäusern Osthessens geimpft werden wird. Und auch die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen sollten zügig geimpft werden, denn sie spielen eine wichtige Rolle in der Pandemie. Ja, und für die Zahnärzte möchte ich hier auch mal eine Lanze brechen: Zahnschmerzen sind auch in Corona-Zeiten nicht leichter zu ertragen, und eine Zahnbehandlung mit Maske geht schlecht. Das Risiko der Kolleginnen und Kollegen ist mit dem von HNO-Ärztinnen und Ärzten vergleichbar, die zur höchsten Prioritätsstufe der Impfberechtigten gehören.

COVID-Risiken sind deutlich schlechtere Option!


Und an alle, die noch skeptisch sind: Wir wollen niemanden zur Impfung überreden oder gar zwingen. Es ist okay – wenn auch vielleicht ein wenig egoistisch – erst mal abzuwarten, wie gut "die anderen" die Impfung vertragen. Aber am Ende wird auch für die Impf-Skeptiker nur die Impfung wieder in die Normalität führen. Es sei denn, sie erkranken selbst an COVID, mit allen bekannten (und auch den unbekannten) Risiken, was aus meiner ärztlichen Sicht die deutlich schlechtere Option ist.

Allerdings ist es uns offenbar gelungen, durch unser Handeln Vertrauen herzustellen. Dazu – das ist ganz wichtig – gehören ein verlässliches, in sich konsistentes Handeln der Verantwortlichen, aber auch die kontinuierliche, verlässliche Information und Aufklärung über die Pandemie und die Strategien, diese einzudämmen.

Hierzu leistet auch diese Kolumne einen Beitrag, der mittlerweile von sehr vielen Menschen – nicht nur unserer Region – wahrgenommen wird. Vielen Dank für die zahlreichen positiven Zuschriften und die Kommentare in den Netzwerken,  die wir erhalten. Vielen Dank auch an alle, die bei Entstehung der Texte dabei sind – sei es aktiv schreibend, wie der bekannte Journalist Claus-Peter Müller von der Grün, sei es durch aufmerksames "Korrekturlesen" oder durch die redaktionelle Begleitung durch das Team von OSTHESSEN|NEWS unter Führung von Christian P. Stadtfeld.

Und schließlich, liebe Leserinnen und Leser, kommt es auf Sie an: Nehmen Sie das Angebot seriöser Information wahr und an. Seien Sie offen für nachvollziehbare Fakten, prüfen Sie diese, und lassen sie sich überzeugen und darin bestärken, verantwortungsbewusst für sich und andere zu handeln. Anders geht es nicht. Schützen Sie sich und andere, bleiben Sie gesund, bis alle geimpft sind. (Thomas P. Menzel) +++

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