Jugend siegt auf der ganzen Linie
Kanako Fujiwara und Asahi Ota gewinnen Jury- und Publikumspreis der Pianale
Alle Fotos: Martin Engel
05.08.2026 / EICHENZELL -
Zwei intensive Wochen liegen hinter den 25 jungen Pianistinnen und Pianisten, der Jury und dem Publikum, das viele Konzerte der Pianale begleitet hat. Nun stand im großen Saal von Schloss Fasanerie das mit Spannung erwartete Finale an.
Nach der Pianale ist vor der Pianale
Museumsdirektor Dr. Markus Miller begrüßte die Gäste und hieß unter anderem Eichenzells Bürgermeister Johannes Rothmund, den Ersten Kreisbeigeordneten Frederik Schmitt sowie Thorsten Kramm von der Sparkasse Fulda willkommen. Anschließend richtete Uta Weyand-Schäfer den Blick bereits nach vorn: 2027 feiert die Pianale ihr 20-jähriges Bestehen. Wieder sollen junge Talente aus aller Welt nach Fulda kommen, Erfahrungen sammeln, Konzerte geben und von hier aus den nächsten Schritt ihrer musikalischen Laufbahn gehen.Die Reihenfolge der Finalisten war ausgelost worden, das Programm hatten die Finalisten selbst gewählt. Und eines stand schon vor dem Konzert fest: Alle vier erhalten ein Stipendium in Höhe von 1.500 Euro sowie Konzertengagements.
Miloš Grnčaroski
Der Serbe Miloš Grnčaroski (25) entschied sich mit Prokofjews "Sonate Nr. 6 op. 82 in A-Dur" für eines der anspruchsvollsten Werke der Klavierliteratur. Das Werk ist die erste der drei "Kriegssonaten", die Prokofjew zwischen 1939 und 1944 komponierte. Die "Kriegssonaten" wurden später häufig auf die entsetzliche, 872 Tage andauernde Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht bezogen und womöglich deshalb so erfolgreich. Denn den musikalischen Maximen des sozialistischen Realismus entsprachen sie mit keiner Note.Besonders der erste Satz ist durch krasse Dissonanzen und schier erbarmungslose Rhythmen gekennzeichnet, die einem durch Mark und Bein fahren. Beim zweiten und dritten Satz muss man unwillkürlich an Totentänze denken. Ein unglaublich schwieriges Stück, das Grnčaroski mit leichtfingriger Anmut spielte. Das Schwere schien leicht in dieser Darbietung, die jederzeit die Tiefe des Stücks auslotete und sich nicht mit überragender (!) Technik zufriedengab. Das Publikum dankte es ihm mit langanhaltendem Beifall.
Kanako Fujiwara
Die junge Japanerin (17) entschied sich für Sergej Rachmaninoffs "Sonate Nr. 2 op. 36 in b-moll". Rachmaninoff komponierte die erste Fassung der Sonate 1913, war aber nie zufrieden damit – 1931 entstand die zweite Fassung, die Fujiwara spielte. Die Sonate wurde schon mit Begriffen wie "titanisch" und "gargantuesk" beschrieben, was man durchaus als"Warnhinweise" verstehen kann. Gemeint sind damit ihre Stellung im Genre der Klavier-Solo-Werke und im Werk Rachmaninoffs und die Anforderungen, die sie an den Pianisten stellt.
Kurzum: Wer nicht zu den Besten gehört, sollte diese Sonate nicht spielen. Fujiwara bewies erneut, warum sie zu den herausragenden Teilnehmerinnen dieses Wettbewerbs gehört. Virtuosität und lyrische Klanggestaltung verband sie scheinbar mühelos miteinander. Ihre Finger glitten mit beeindruckender Sicherheit über die Tastatur, sie verband Virtuoses und Zartes ausdrucksstark. Entsprechend enthusiastisch fiel der Applaus aus.
Asahi Ota
Der zweite Junior im Finale, Asahi Ota (17), stellte erneut seine Vielseitigkeit unter Beweis. Zunächst spielte er Beethovens "Rondo a capriccio op. 129 in G-Dur", besser bekannt als "Die Wut über den verlorenen Groschen" – ein ebenso humorvolles wie virtuoses Werk, das Robert Schumann einmal als musikalische "Schnurre" bezeichnet hat. Genau diesen augenzwinkernden Charakter traf Ota ausgezeichnet.Anschließend folgten drei Préludes aus Rachmaninoffs "Préludes op. 23". Die poetischen Miniaturen gestaltete Ota mit großer Ruhe, klanglicher Differenzierung und traumwandlerischer Sicherheit. Rachmaninoff verstand die Préludes als zusammengehörigen Zyklus, Ota entschied sich dennoch für die Reihenfolge Nr. 6, Nr. 8 und Nr. 2. Sein Programm war das kürzeste des Finales, traf beim Publikum jedoch offensichtlich einen Nerv und löste an diesem Abend besonders starke Beifallsbekundungen aus.
Zhu Wang
Der Chinese Zhu Wang (29) spielte zum Schluss Chopins "Sonate Nr. 2 op. 35 in b-Moll". Berühmt wurde sie vor allem durch ihren dritten Satz, den Marche funèbre, der weltweit über die Konzertsäle hinaus Bekanntheit erlangt hat. Zu diesem Trauermarsch ließen sich Staatenlenker von Diktatoren bis demokratisch gewählte Präsidenten zu Grabe tragen. Auch Hollywood griff das pompös-feierliche Stück immer wieder auf. Vielleicht hat man sich deshalb an diesem Stück ein wenig sattgehört, ähnlich wie bei Mendelssohn-Bartholdys Hochzeitsmarsch, dem man auch kaum entkommen kann.Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass die gesamte Sonate zu den außergewöhnlichsten Werken Chopins zählt, nicht zuletzt deshalb, weil alle Sätze in moll gehalten sind. Wang gestaltete den ersten Satz kraftvoll und das Scherzo energisch, spielte den Trauermarsch hingegen überraschend zurückhaltend und innig. Gerade diese leisen Töne verliehen seiner Interpretation besondere Eindringlichkeit. Fast schien es, als hätte er die Worte seines Kollegen Nikolai Tokarev verinnerlicht, der meinte, diese Sonate sei "ein Klagelied nach verloren gegangenen Gefühlen (…), ein Trauermarsch über die verschwundene Liebe, die nie wieder zurückkommt." Auch Wang wurde mit großem Beifall gefeiert.
Preisträger 2026
Mit dem Finale endete eine Pianale, die wieder einmal eindrucksvoll zeigte, welch unterschiedliche musikalische Persönlichkeiten am Flügel heranwachsen. Am Ende waren es die Jüngsten, die diesem Abend ihren Stempel aufdrückten. Denn dass die meisten Preise an sie gingen, war ebenso bemerkenswert wie verdient.Jurypreis: Kanako Fujiwara (Japan)
Pianalepreis für den besten Lernerfolg: Luca Boston (U.K.)
Sonderpreis Soroptimist International Fulda: Kanako Fujiwara (Japan)
Sonderpreis Steingraeber & Söhne: Kanako Fujiwara (Japan)
Sonderpreis der Stadt Fulda: Zhu Wang (China)
Stipendium Pianale Freunde e.V.: Kanako Fujiwara (Japan)
Purcell School Scholarship: Die vier Juniors im Halbfinale, Cameron Liu (U.K.) Kanako Fujiwara, Nayuta Okabe, Asahi Ota (alle Japan)
(Jutta Hamberger) +++