100 Menschen flüchten

Brand, Panik und Evakuierung: So reagierte die Leitstelle beim Tunnelbrand

Sandro Kutscher und Thomas Steinbrucker (links) blicken nach dem Großeinsatz im Neuhofer Tunnel auf einen der anspruchsvollsten Einsätze der vergangenen Monate zurück.
Foto: O|N / Constantin von Butler

15.05.2026 / NEUHOF/FULDA - Dichter Rauch im Tunnel, Menschen auf der Flucht durch Notausgänge und ein brennendes Auto mitten auf der A66: Der Fahrzeugbrand im Neuhofer Tunnel hat am Sonntag einen der größten Einsätze der vergangenen Monate im Landkreis Fulda ausgelöst. Während sich Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei zur Einsatzstelle kämpften, liefen in der Leitstelle Fulda bereits die ersten entscheidenden Maßnahmen an - und genau dort zeigte sich, wie wichtig Vorbereitung und Übungen für solche Extremsituationen sind.





Schon mit dem ersten Notruf war den Mitarbeitern der Leitstelle Fulda klar, dass sich im Neuhofer Tunnel innerhalb kürzester Zeit eine gefährliche und schwer kalkulierbare Lage entwickeln könnte. Tunnelbrände gelten bei Rettungskräften als besonders kritisch, weil sich Rauch schnell ausbreitet, Fluchtmöglichkeiten eingeschränkt sind und innerhalb weniger Minuten zahlreiche Menschen betroffen sein können. Genau deshalb liefen bereits in den ersten Sekunden nach Eingang des Notrufs umfangreiche Alarmierungsmaßnahmen an. Sandro Kutscher, der den Notruf entgegennahm und seit rund einem Jahr in der Ausbildung bei der Leitstelle Fulda arbeitet, erinnert sich noch genau an die ersten Momente. "Das Besondere war, dass direkt eine große Maschinerie an Einsatzkräften in Gang gesetzt wird", schildert Kutscher.

Rund 100 Menschen verlassen Tunnel über Notausgänge

Zu dem Zeitpunkt des ersten Notrufs war noch nicht einmal sicher, ob das Fahrzeug im Inneren tatsächlich brannte. Gemeldet worden seien zunächst lediglich Rauch und kleinere Flammen unter dem Wagen. Trotzdem wurde sofort das Stichwort "Pkw-Brand im Tunnel" ausgelöst. Parallel liefen im Hintergrund zahlreiche Alarmierungen an. Feuerwehren, Rettungsdienst, Führungsdienste und Spezialfahrzeuge wurden gleichzeitig auf den Weg gebracht. Zusätzlich wurde vorsorglich ein sogenannter MANV-Einsatz – also ein "Massenanfall von Verletzten" – ausgelöst.

"Im ersten Schritt kommen da direkt knapp 40 Fahrzeuge zusammen", erklärt Kutscher: "Die Kräfte müssen geordnet in die Bereitstellungsräume kommen und dürfen nicht alle blind zur Einsatzstelle fahren, sonst entsteht Chaos." Während draußen dichter Rauch aus dem Tunnel zog und rund 100 Menschen über Notausgänge ins Freie gelangten, lief in der Leitstelle parallel weiterhin der normale Alltag.

Großübung zahlt sich im Ernstfall aus

Dass der Einsatz trotz der dramatischen Bilder vergleichsweise geordnet verlief, dürfte auch an einer groß angelegten Tunnelübung liegen, die erst wenige Wochen zuvor genau im Neuhofer Tunnel stattgefunden hatte. Damals trainierten rund 130 Einsatzkräfte von Feuerwehr, Rettungsdienst, Polizei, Leitstelle und Autobahn GmbH unter realistischen Bedingungen eine schwere Unfalllage mit mehreren eingeklemmten und verletzten Personen. Rauchentwicklung, Rettungswege, Evakuierung und die Zusammenarbeit der verschiedenen Organisationen standen dabei im Mittelpunkt.

Rauch, Rettungswege und viele Betroffene als Herausforderung

Für Thomas Steinbrucker, Sachgebietsleiter der Rettungsleitstelle Fulda, zeigte sich beim realen Einsatz nun deutlich, wie wichtig solche Übungen tatsächlich sind. "Diese Übung hat uns im Einsatzverlauf wirklich deutlich vorangebracht", erklärt Steinbrucker. Vor allem die Ortskenntnis der Einsatzkräfte und die bekannten Abläufe hätten sich bemerkbar gemacht. "Es gab eine enorm kürzere Chaosphase als bei vergleichbaren Einsätzen dieser Größenordnung."

Gerade in einem Tunnel sei die Anfangsphase eines Einsatzes oft besonders kritisch. Eingeschränkte Rettungswege, schlechte Sicht durch Rauch und eine große Anzahl betroffener Personen machten die Lage extrem komplex. Im Neuhofer Tunnel mussten rund 100 Menschen betreut werden, nachdem sie sich über die Notausgänge ins Freie gerettet hatten. "Wenn man sich das in einem anderen Objekt vorstellt, hätte man deutlich größere Probleme gehabt, diese Menschen abzufangen, zu versorgen und zu betreuen", so Steinbrucker.

Feuerwehr und Hilfsdienste arbeiten Hand in Hand

Hinzu kam, dass die Übung erst kurz zuvor genutzt worden war, um neue Inhalte eines überarbeiteten Einsatzplans praktisch zu testen. Zwar sei der neue Plan offiziell noch nicht in Kraft gewesen, viele Erkenntnisse daraus hätten die Einsatzkräfte aber bereits verinnerlicht. "Die positiven Erfahrungswerte aus der Übung hat man im Einsatz direkt umgesetzt", erklärt Steinbrucker.

Besonders beeindruckt zeigte sich der Sachgebietsleiter von der Zusammenarbeit der unterschiedlichen Organisationen. Feuerwehr, Rettungsdienst, Leitstelle, Polizei und weitere Hilfsorganisationen hätten eng abgestimmt gearbeitet. "Die Feuerwehren vor Ort haben Hand in Hand mit den Hilfsorganisationen gearbeitet. Sonst hätte das überhaupt nicht funktionieren können", betont er. Missverständnisse oder fehlende Abstimmungen hätten in einer solchen Lage schnell schwerwiegende Folgen haben können. Auch die Sicherheitstechnik des Tunnels habe offenbar wie vorgesehen funktioniert. Lautsprecherdurchsagen, Belüftungssysteme und Notausgänge hätten entscheidend dazu beigetragen, dass die Menschen den Tunnel verlassen konnten.

Nach dem Einsatz soll es nun eine ausführliche Nachbesprechung geben. Trotzdem fällt das erste Fazit bereits positiv aus: "Die Zusammenarbeit hat sehr gut geklappt. Und genau das ist bei einer Schadenslage dieser Größe das Wichtigste." (Constantin von Butler) +++

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