Warum Europa jetzt mutiger sein muss
Akademieabend im Bonifatiushaus: Nicht wegducken, sondern gegenhalten
Fotos: Felix Weigl
08.05.2026 / FULDA -
Jean Asselborn ist der Außenminister Europas, der am längsten im Amt war. Er hat in seinem politischen Leben unzählige Interviews gegeben, Vorträge gehalten und Krisen kommentiert. Jahrzehntelang war er Stammgast in europäischen Medien, eine der prägenden Stimmen der europäischen Diplomatie. Europa hat ihm viel zu verdanken. Wenn ein Mann dieses Formats nach Fulda kommt, ist klar: Die Hütte wird voll. So war es auch beim Akademieabend im Bonifatiushaus – der große Saal war bis auf den letzten Platz besetzt.
Europa ist ein Versprechen
Asselborn verteidigt die europäische Idee mit Leidenschaft und Beharrlichkeit. Akademiedirektor Gunter Geiger zitierte in seiner Begrüßung einen Kernsatz des früheren luxemburgischen Außenministers: "Europa ist mehr als ein geographischer Raum – es ist ein Versprechen." Ein Versprechen von Frieden, Freiheit und Zusammenarbeit, gewachsen aus einem gemeinsamen kulturellen und geistigen Erbe.Auch ein Satz von Bischof Michael Gerber, der gemeinsam mit Weihbischof Prof. Dr. Diez unter den Gästen war, passte an diesem Abend gut: "Europa ist dann am stärksten, wenn es Brücken baut." Genau mit dieser Haltung habe Asselborn Politik gemacht, so Geiger.
Europa hat es nicht leicht
In seinem rund einstündigen Parforce-Ritt durch Geschichte, Krisen und Zukunft der Europäischen Union erinnerte Asselborn daran, warum Europa derzeit unter Druck stünde: "Die EU wurde als Friedensprojekt entworfen, nicht als Militärbündnis." Sie sei aus den traumatischen Erfahrungen zweier Weltkriege hervorgegangen. Kriege gewinnen könne Europa nicht – aber es müsse sich so verteidigen können, dass niemand wage, es anzugreifen.Ein Satz blieb besonders hängen: "Ratlosigkeit darf in der EU nicht aufkommen." Dass das angesichts innerer und äußerer Gegner wie Viktor Orbán, Recep Tayyip Erdoğan oder Donald Trump samt seiner MAGA-Bewegung alles andere als leicht ist, machte Asselborn an vielen Beispielen deutlich. Manche lassen einen an Europa verzweifeln, andere machen Mut, weil sie Selbstbewusstsein statt Duckmäusertum ausstrahlen.
erstmals auch Kanada als nicht-europäisches Land. Kanadas Premierminister Mark Carney habe bereits beim Weltwirtschaftsforum in Davos an die Kraft der Mittelmächte erinnert und betont, dass die Welt nicht nur aus Großmächten und kleinen Staaten bestehe.
Trumps Irankrieg betrifft die ganze Welt
Klare Worte fand Asselborn für den von Donald Trump provozierten Krieg gegen den Iran. Wichtig sei gewesen, dass sich die Europäer weder hätten erpressen noch in diesen "Krieg der unklaren Ziele" hineinziehen lassen. Trump gehe es nicht um die Menschen im Iran, sondern um Öl und Gas. Asselborn nannte den Krieg illegal und illegitim. Der deutsch-französische Motor
Fast schon einen europäischen Allgemeinplatz beschwor Asselborn mit dem deutsch-französischen Motor Europas: "Dieses Tandem muss funktionieren, sonst funktioniert die EU nicht." Natürlich gebe es Differenzen – etwa beim Blick auf die Atomenergie oder in der Außenpolitik. Deutschland denke transatlantischer, Frankreich stärker in europäischer Unabhängigkeit. Gerade deshalb sei es problematisch, dass das gemeinsame Kampfjet-Projekt nur schleppend vorankomme.Mit Sorge blickte Asselborn auf die französischen Präsidentschaftswahlen 2027. "Macron hat einen Riesenfehler gemacht, als er 2024 das Parlament aufgelöst hat." Sollte der Rassemblement National (RN) die Wahl gewinnen, käme ein "Deutschland-Hasser und Putin-Fan" an die Macht. Dann gehe es nicht mehr um europäische Gemeinsamkeiten, sondern nur noch um nationale Identität. Vergessen scheine François Mitterrands berühmter Satz: "Le nationalisme, c’est la guerre."
Asselborn zeigte sich überzeugt, dass Europa mutiger sein müsse: "Unser Weg muss das Gegenhalten sein, nicht das Wegducken." Würde Europa auf Trumps erratische Zumutungen nicht reagieren, werde alles nur schlimmer. Als Beispiel nannte Asselborn die sogenannte "Bazooka", mit der die EU ihre Mitgliedsstaaten gegen wirtschaftliche Erpressung durch Drittstaaten schützen kann.
Fragerunde zum Abschluss
Nach dem mit viel Beifall aufgenommenen Vortrag stellte Marianne Müller von Puls of Europe noch einige Fragen, anschließend war das Publikum an der Reihe. Auffällig: Die Fragesteller waren ausschließlich Männer – immerhin aber auch einige jüngere. Der Leistungskurs Politik und Wirtschaft der Freiherr-vom-Stein-Schule war eigens zu diesem Akademieabend gekommen.Was bleibt also von diesem Abend? Für viele im Publikum vermutlich vor allem die Bestätigung einer Überzeugung: Es gibt nichts Besseres als Europa – und Europa ist mehr als die EU. Zwischen den Zeilen machte Asselborn aber noch etwas anderes deutlich: Demokratie lässt sich nicht an Politiker delegieren. Verantwortung beginnt in der Wahlkabine. Wer Feinde der Demokratie wählt, wählt am Ende auch Feinde Europas. (Jutta Hamberger) +++