Die Welt fährt Achterbahn

KI und die Suche nach Menschlichkeit: 70.000 und Promis beim OMR-Festival

Die OMR in Hmaburg ist der größte Branchentreff für Marketing und Digitalisierung in Europa
Fotos: Hans-Hubertus Braune

09.05.2026 / HAMBURG - Sind Sie auf einer Messe schon mal Autoscooter gefahren, sind die Hallenwände senkrecht heruntergelaufen oder haben Sie sich im Paddel ausprobiert? Alles im Rhythmus der DJs und eine Tüte Popcorn in der Hand. Nein? Na dann, willkommen auf der OMR 2026 in Hamburg.



OMR ist die führende Plattform für die digitale Wirtschaftswelt und umfasst Inhalte, Events und Technologien. Das OMR Festival ist die größte Zusammenkunft von Führungskräften aus Digitalwirtschaft, Medien und Marketing in Europa. Über 1.000 Aussteller, bis zu 5.000 Helfer und knapp 70.000 Besucher. Hinter diesen nackten Zahlen steckt eine Branche, die kaum heißer im Fokus stehen könnte. Begriffe wie künstliche Intelligenz, Transformation, Digitalisierung beherrschen Gegenwart und Zukunft. Ob wir es wollen, oder auch nicht. Im Guten wie im Bösen. Das zeigte auch die lange Liste an prominenten Gästen von Heidi Klum, Tom Brady bis Wladimir Klitschko.

]OMR-Gründer Philipp Westermeyer: "Die aktuellen Herausforderungen sind groß, die Fragen komplex – aber genau dafür bauen wir OMR. Unser Anspruch ist, nicht nur Trends zu zeigen, sondern sie mitzugestalten. An zwei Tagen bringen wir die richtigen Leute bei uns in Hamburg zusammen. Hier entstehen nicht nur Gespräche, sondern neue Verbindungen und konkrete Lösungen für das, was vor uns liegt."

Größter Branchentreff Europas

Die OMR hat sich längst zu Europas größtem Branchentreff der Szene gemausert und ist weit mehr als ein Ort für Technikfreaks, die einmal im Jahr hinter ihren Bildschirmen auftauchen und Fachchinesisch plaudern. In den Hamburger Messehallen tobte zwei Tage lang das pure Leben. Wer hier eintaucht, vergisst in Sekunden die graue Welt des Alltags. Vielleicht spiegelte der Messeauftritt des Stuttgarter Autokonzerns Porsche das Erlebnis 2026 treffend: Wer die Eingangstore zur Halle B6 durchschritt, fühlte sich eher auf dem Hamburger Dom. Der Autoscooter weckte Kindheitsgefühle. Hier krischen Manager, Creator und Besucher um die Wette, während Porsche seine automobile Kernkompetenz gekonnt in Szene setzte. Ein DJ legte heiße Rhythmen auf, als Giveaway gabs Popcorn und Lebkuchenherzchen mit "Porsche Love".

Über 1.000 Aussteller präsentierten sich vor allem bunt, einladend und bedienten menschliche Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit, Empathie und Echtheit. Und sie bedienen die aktuellen Trends: Fitness, Sport, Ernährung und möglichst gute Unterhaltung. SAP hatte extra einen Paddel-Court aufgebaut, nebenan ließ eine Versicherung mutige Besucher eine senkrechte Wand hinunterlaufen - natürlich gesichert. Der chinesische Automobilhersteller BYD nutzte das Cockpit seiner Fahrzeuge für Karaoke. Das Ganze wurde über eine riesige TV-Wand gezeigt. Die BILD sendete live, ebenso die ARD und das ZDF. Diese bunte Welt des Entertainments ist die eine Seite, die ernsten Themen beherrschen die Gespräche, die Themen der hunderten Speaker auf den großen und kleineren Bühnen.

Rolf Schumann, Co-CEO von Schwarz Digits, hielt beim OMR Festival ein flammendes Plädoyer für mehr Mut zur digitalen Souveränität. "Unser Problem ist, dass wir abhängig von Technologien außerhalb Deutschlands sind. Die Lösung heißt: digitale Souveränität – und das ist weder nationalistisch noch eine Autarkie oder Isolation", sagt er. Denn digitale Souveränität ermögliche "Unabhängigkeit und in vielen Bereichen Wahlfreiheit". Er sagt: "Am Ende des Tages geht es einzig um die Daten, mit denen sie trainiert werden. Daten sind der neue Code. Und ganz offen: Das sind fantastische Nachrichten." Denn: "Daten sind das Einzige, was wir haben."

Carsten Wildberger: "Volle Kraft voraus"

Neben Vize-Kanzler Lars Klingbeil besuchte auch Carsten Wildberger, Bundesminister für Digitales, die OMR: "Wir müssen höllisch achtgeben, dass dieses Land wieder nach vorn kommt", sagte der Minister zu den rund 11.000 Zuhörern in der riesigen Conference-Arena. Worte, welche die Branche für selbstverständlich halten dürfte und die eher im lähmenden Koalitionsstau der Bundesregierung Gehör finden sollten. Der frühere Manager und Unternehmensberater forderte in Sachen Künstliche Intelligenz: "Volle Kraft voraus. Wir dürfen nicht in Abhängigkeit geraten", sagte der Digitalminister. Er sieht KI als "unsere Chance für ein Comeback in der Industrie" und sagte selbstbewusst: "Deutschland kann künstliche Intelligenz."

"Putin will uns auslöschen"

Der ehemalige Schwergewichtsweltmeister Wladimir Klitschko nutzte die große Bühne, um für sein Land zu werben. Er sei stolz auf seine Landsleute, welche kämpfen und trotz des Krieges versuchen würden, "ihr Leben zu leben". Die Ukrainer hätten sich entschieden, sich zu wehren, und tun dies auch für Europa. Klitschko wirkte ernst und mahnte: "Es ist ein unmenschlicher Krieg. Wir sind der Spiegel von euch. Wenn wir es nicht schaffen, wird Euch dasselbe drohen, was wir gerade erleben", sagte Klitschko. Putin wolle uns auslöschen, sagte Klitschko. Er sei sich allerdings sicher, dass Rußland den Krieg schon verloren habe. Dass Klitschko auf der OMR zu Gast war und sich den Fragen des stellvertretenden Chefredakteurs der BILD-Zeitung stellte, zeigte, wie sehr die Themen Digitalisierung und KI auch im hässlichen Kriegsgeschehen eine immer größere Rolle spielen - egal, wo auf der Welt. Drohnen bestimmen die Szenarien, die Rüstungsindustrie investiert und es bietet sich ein völlig neues Wettrüsten.

Menschen als Menschen sehen

Der Grat zwischen virtueller und realer Welt ist schmal. Dies begünstigt große Unsicherheiten. Deshalb ist es umso wichtiger, sich offen und voller Tatendrang mit der Technik zu beschäftigen und deren Nutzen herauszuarbeiten, ohne die Gefahren zu verkennen. Die OMR ist der Treffpunkt für die Player der Branche, deren Einfluss sich auf unseren Alltag auswirkt. Entscheidend ist, was der Deutsch-Rapper "Das BO" zum Messestart sagte: "Die Menschlichkeit steht auf dem Spiel. Wer aufhört, andere Menschen als Menschen zu sehen, hört selber auf, Mensch zu sein." Der Autoscooter soll sinnbildlich schließlich auch morgen noch seine Runden drehen. (Hans-Hubertus Braune) +++

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