Minguet Quartett

Konzert im Fürstensaal: Musikalische Räume entdecken und erkunden

Das fabelhafte Minguet Quartett spielte Werke von Ligeti, Ravel und Quell
Alle Fotos: Martin Engel

06.05.2026 / FULDA - "In diesem Konzert hören wir Streichquartette, die im Zeitraum von 120 Jahren geschrieben wurden", fasste es Dr. Yvonne Petitpierre zusammen. "Mehr als die Besetzung haben die drei Werke nicht gemeinsam." Beginnen wir doch mit der Besetzung – dem großartigen Minguet Quartett, gegründet 1988, mit Ulrich Isfort und Annette Reisinger (Violine), Aida-Carmen Soanea (Viola) und Matthias Diener (Violoncello). Ausdruckskraft, Leidenschaft, Präzision, Kennerschaft und Interpretationskunst – oder in einem Wort: Minguet.


Zugang zu den schönen Künsten

Von einem Ensemble, das sich nach einem spanischen Philosophen benannt hat, der dem breiten Volk in seinen Schriften Zugang zu den schönen Künsten verschaffen wollte, erwartet man viel. Und das Minguet Quartett liefert.

Ihnen zuzuhören und zuzusehen war auch an diesem Abend im Fürstensaal ein Hochgenuss. So energetisch war der Einsatz, dass man zumindest beim Cellisten befürchten muss, dass der seinen Bogen morgen neu bespannt lassen muss – die Haare flogen nur so davon. Wie fein aufeinander eingespielt die vier Musiker:innen sind, wie genau sie hören und förmlich im Einklang atmen beim Spielen – das war wirklich Kammermusik vom Allerfeinsten.

Impressionistischer Geniestreich – Ravels Streichquartett F-Dur 0p. 35

Nur ein einziges Streichquartett hat Maurice Ravel geschrieben, er komponierte es in zwei Phasen (die beiden ersten Sätze entstanden 1902, die beiden letzten dann 1904). Das Publikum nahm sein Quartett von Anfang an sehr gut auf, die französische Fachwelt hingegen lehnte es in weiten Teilen ab. Man bekrittelte, dem Werk fehle die Einfachheit und Struktur und es verstoße gegen Kompositionsnormen.

Glücklicherweise ließ sich Ravel davon nicht beirren. Sein etwa halbstündiges Quartett ist klassisch viersätzig, aber die Satzsortierung ist unkonventionell. Normalerweise kommt ein Scherzo im dritten Satz – bei Ravel ist’s der zweite. Dafür ist der dritte Satz der langsame – nach "Norm" wäre das der zweite. Ravels Quartett ist leidenschaftlich, mit permanenter thematischer Modifizierung, mit Zartheit und rhythmischer Vielfalt. Einfach hinreißend.

Musik für die Schublade – Ligetis Streichquartett Nr. 1, Métamorphoses nocturnes

1953 schrieb György Ligeti sein erstes Streichquartett, in einer Zeit, in der Ungarn komplett vom Westen und "der Moderne" abgeschottet war. Er selbst sagte, er habe es für die Schublade komponiert, weil an eine Aufführung in Budapest nicht zu denken war. Denn moderne Kunst und Literatur waren pauschal verboten. Bartók war zwar Nationalkomponist und antifaschistischer Held – die meisten seiner Werke aber fielen der Zensur zum Opfer. Weil die Moderne verboten war, war sie besonders reizvoll und die ungarischen Künstler setzten sich vielfältig damit auseinander.

Ligetis etwa zwanzigminütiges Streichquartett wurde durch Bartóks mittlere Quartette (Nr. 3 und 4) angeregt. Ligeti kannte sie nur aus den Partituren, denn gespielt wurden sie nicht. Das einsätzige Quartett besteht aus vielen einzelnen Abschnitten und beruht melodisch wie harmonisch auf der Chromatik. Beim Hören entdeckt man Humor und Hintersinn, lyrische Passagen und sogar Walzertakte. Neben Bartók nennt Ligeti auch Beethoven als Vorbild, wie für ihn überhaupt Modernität und Traditionalität keine Gegensätze waren, sondern "eine doppelte Panzerung gegen die erniedrigende Kunstdiktatur". Erst nach seiner Flucht aus Ungarn konnten die "Metamorphosen" uraufgeführt werden – 1958 in Wien.

Minutiös definierte Freiheiten – Michael Quells Streichquartett Nr. 2 – M

Bevor abschließend Michael Quells Streichquartett Nr. 2 gespielt wurde, stellten der Komponist selbst, Musikdramaturgin Dr. Yvonne Petitpierre und Christoph Stibor das Werk in einem Gespräch vor. Das Streichquartett entspringt Quells Faszination für die Stringtheorie. Er selbst formuliert es so: "Mich reizt es, dass – egal wie tief man eindringt – doch immer ein großes Rätsel bleibt." Aus einem winzigen Ausgangspunkt entstünde so ein Werk, das dann zu einem verschachtelten Kosmos werde. Er schaue gewissermaßen seinem Werk dabei zu, wie es aus sich selbst heraus entstünde.

Dr. Petitpierre wies darauf hin, dass das Quartett mit Geräuschen beginne, die interagieren und zu einem Klanggemisch werden, aus dem dann die Töne entstehen. Ein Blick in die Partitur zeige, wie wenig diese mit einer traditionellen Partitur zu tun habe, sie gleiche eher einem EKG-Ausdruck. Ja – man braucht eine neue Schriftsprache, und man müsse anders verdeutlichen, wie gespielt werden solle, bestätigte Michael Quell. "Manches ist genau gesteuert, aber eben nicht beckmesserisch. Und die Freiheiten sind minutiös definiert", so der Komponist.

Quells Musik ist immer auch eine Auseinandersetzung damit, wie man Töne anders erzeugen kann. Da wird der Bogen seitlich gestrichen, die Bratsche auch einmal seitlich auf den Schoß genommen. Da wird direkt am Steg gestrichen, ein Glissando mit der Handfläche über die Saiten erzeugt, Stimmhöhen an den Wirbeln verändert. Am besten beschreibt man diese Musik wohl in Bewegungsmetaphern: Sie bäumt sich auf, sie zuckt, sie verglüht, sie steigt auf und ab, sie verlöscht, sie verrinnt, sie bleibt stehen – es ist faszinierend. Er und das Ensemble wurden vom Publikum mit großem Beifall gefeiert.

Die Entprächtigung des Fürstensaals

Am Gesprächsthema Nr. 1 des Abends kam man nicht vorbei, denn die neue Bestuhlung des Fürstensaals sorgte für viel Gesprächsstoff. Egal mit wem man sprach, der Tenor war einhellig: 0815, Bestuhlung wie für ein Gemeindehaus oder eine Schul-Aula, funktional, aber im barocken Fürstensaal eine ästhetische Panne.

Dass die digitale Nummerierung noch nicht funktionierte und man sich höchst analog mit aufgeklebten Papierzetteln behelfen musste, ließ sich verschmerzen. An die deutlich engere und ziemlich hartsitzige Bestuhlung kann man sich vielleicht gewöhnen. Nicht aber daran, dass die neuen Sitze der hohen musikalischen und der Raumqualität des Fürstensaals abträglich sind. Statt auf Konzertsesseln sitzt man jetzt auf Konferenzraumstühlen. Corpora aliena.

Dem Vernehmen nach wurden die roten Sessel bereits verkauft. Dazu eine Geschichte am Rande: Als 2012 die Münchner Nationaloper die nach 50 Jahren abgeschabten und durchgesessenen Sessel ersetzen musste, konnten die Münchner sie gegen einen geringen Obolus erwerben. Die Aktion war ein voller Erfolg – denn ein Stück Nationaloper mit nachhause zu nehmen fanden viele Opern-Aficionados sehr reizvoll. Auch in Fulda hätten die roten Sessel sicher vielen Freude gemacht. Schade, dass ein Stück Fürstensaal-Geschichte stattdessen still und heimlich entsorgt wurde. (Jutta Hamberger) +++

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